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People | 20.01.2023

Don’t kill yourself!

Dass man mit Anderssein ein Business machen kann, beweist die Modedesignerin Marlen Sabetzer mit ihrem Label „marS“ und bringt leichte Stoffe mit schwerer Botschaft auf den Laufsteg.

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© marS

In Österreich sterben drei Mal so viele Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle. Das sind jährlich etwa 1.200 Personen. Frauen begehen sogar öfter einen Selbstmordversuch als Männer. Und die Steiermark war in den letzten fünf Jahren eines der Bundesländer mit der höchsten Suizidrate. Eine alarmierende Bilanz und doch gleichzeitig ein Tabuthema.

 

© marS


Mode hat die Möglichkeit, eine Stimme für Schwächere zu sein und durch ihre Botschaft aufmerksam zu machen. „Man kann durch etwas Profanes wie ein Kleid nicht so ein umfangreiches Thema zusammenfassen, dennoch sind Mode und Kunst eine Möglichkeit, kritische Themen öffentlich zu machen“, erklärt die Weststeirerin Marlen Sabetzer, die im Bezirk Deutschlandsberg in einem kunstaffinen und handwerklich begabten Elternhaus aufgewachsen ist. Und doch hat sie kürzlich gerade ein solches Kleid dazu verwendet, um bei der Vienna Fashion Week das Thema „Selbstmord“ etwas zu enttabuisieren. Es ist ein transparentes Strukturkleid mit schwarzen Fransen, die die Lettern „Don’t kill yourself“ auf der vorderen Rockseite bilden – ein Design, das eine ziemlich schwere Botschaft auf zarten Stoffen vor sich herträgt und für Aufsehen am Laufsteg sorgte.

 

© marS



„Kleidung vermittelt an sich immer eine Botschaft.

Die einen wollen damit einer bestimmten sozialen Gruppe zugeordnet werden, andere demonstrieren so ihr Einkommen oder ihre Geisteshaltung.“ Marlen Sabetzer möchte mit ihrer Mode genauso etwas aussagen und schaffen. „Die Intention war, psychische Gesundheit und Depression anzusprechen – in der Pandemie wurde es des Öfteren Thema, da viele Personengruppen mit psychischen Problemen zu kämpfen hatten.“ Aber auch der persönliche Schicksalsschlag, dass sich mit 17 Jahren ein Freund und Nachbar umbrachte, sowie die medizinische Arbeit ihres Mannes Benedikt Till, der seit über zehn Jahren am Zentrum für „Public Health“ an der Medizinischen Universität Wien in der Suizidprävention tätig ist, machen dieses Thema besonders relevant für sie.

 

Vienna Fashion Week

Die steirische Modedesignerin Marlen Sabetzer auf der Vienna Fashion Week. © Thomas Lerch

Anderssein und etwas Unikates mit den eigenen Händen schaffen war für die Designerin schon immer wichtig. Ihre Mutter, eine Lehrerin für textiles Gestalten, und ihr Vater, ein studierter Künstler und Werklehrer, hatten beide starken, künstlerischen Einfluss auf Marlen. Heute verbindet sie sogar die beiden Professionen ihrer Eltern in ihren eigenen Werken: Kunst und (Maß-)Schneiderei. Dabei setzt die Designerin grundlegend auf Metallic-­Optik, Strukturstoffe, kräftige Farben und stellt in fast jedem Design eine Verbindung von sportlich zu elegant her. Nicht nur für Frauen, sondern auch für non-binary und Transpersonen. Für Kund:innen also, die das Spezielle suchen und limitierte Produkte wertschätzen.

 

 



Vienna Fashion Week
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© Thomas Lerch

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© Thomas Lerch

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© Thomas Lerch

Handmade nach Maß

Ihre neueste Kollektion, die bei der Vienna Fashion Week vorgestellt wurde, nennt sich übrigens „fun.dementia“ und lässt neben der schweren Botschaft auch etwas Leichtigkeit zu: „Mir kam gleichzeitig der Zusatz-Gedanke ,We forget to have fun‘. Ich muss mich selbst oft daran erinnern, die Arbeit etwas leichter zu nehmen, auch damit zu spielen, auszuprobieren, ohne Angst, Fehler zu machen – wie meine Tochter.“ Die Inspirationen für Farben und Formen, die sie sowohl in Stoffprints als auch in die „Knüpfkleidung“ übernommen hat, stammen vom Ölgemälde ihres Vaters. Hergestellt wurden die Teile bis vor Kurzem noch in ihrem 9 m2 großen Arbeitsraum in ihrer Wohnung. Erst jetzt werden Basics von ihrem Modelabel „marS“ bei der Werkstätte von „Gabarage“ in Wien in Auftrag gegeben. Und das, obwohl es das Label schon seit 2010 gibt. Diese Liebe zu handgefertigten Modeteilen einer Designerin wissen auch Träger:innen wie etwa Dragqueen Candy Licious, Sängerin Bibiane Zimba, die ehemalige Politikerin Monika Lang­thaler oder Germanys-next-Topmodel-Gewinnerin Lou-Anne zu schätzen. Bei jedem Design arbeitet Marlen maßgetreu und nachhaltig: „Ich produziere geringe Mengen und verwerte Reststoffe. Dennoch habe ich nichts gegen Kunstfaser, denn ich setze diese bewusst als Funktionsmaterial ein und manche Effekte lassen sich nur damit erzielen.“ Außerdem habe sowieso jede textile Faser auch etwas Schlechtes. „Generell sollte man weniger kaufen, die Dosis macht letztendlich das Gift“, erklärt Marlen. „Wovon wünschen wir uns mehr, wovon weniger? Das haben wir als Konsument:innen selbst in der Hand.“

 

© marS