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People | 11.08.2022

Filme, Frauen und freie Tage

Ihr letzter Film „Der Boden unter den Füßen“ lief auf der Berlinale, ihr neuer „Corsage“ in Cannes. „Das war schon lange ein Wunsch von mir“, sagt die erfolgreiche Drehbuchautorin und Regisseurin Marie Kreutzer.

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Regisseurin und Drehbuchautorin Marie Kreutzer © Pamela Russmann

Die Idee zum Film „Corsage“ kam ursprünglich von der späteren Sisi-Darstellerin Vicky Krieps. Irgendwann fing Regisseurin Marie Kreutzer an zu recherchieren, um zu sehen, ob es sich lohnt. Und ob es sich lohnte, wie das Ergebnis bewies: „Corsage“ wurde in Cannes euphorisch gefeiert und -Vicky Krieps erhielt den Preis für die beste darstellerische Leistung.

Die Vielschichtigkeit weiblicher Figuren zu zeigen, ist der Filmemacherin wichtig. „An weibliche Figuren werden immer höhere Erwartungen geknüpft. Wenn eine männliche Filmfigur sich wehrt, auch mal brutal oder unhöflich ist, dann findet man das ganz cool – einer Frau gesteht man das nicht zu. Das Bild, das ich bei meinen Recherchen von Sisi bekam, war ein sehr komplexes und widersprüchliches. Das von einer extrem feinfühligen empathischen Frau, die aber genauso hart sein konnte, sehr geurteilt und sich zurückgezogen hat – und genau über diese verschiedenen Gesichter von ihr wollte ich erzählen. Schon bei meinem ersten Kinofilm ‚Die Vaterlosen‘ überlegte ich mir, was eine charismatische Person ausmacht, und ganz oft ist es Unberechenbarkeit, die wir charismatisch finden.“

Auf die Frage, mit wem sie aus Sisis Umgebung gerne gesprochen hätte, meint sie nachdenklich: „Schwer zu sagen, das hat mich wirklich noch niemand gefragt. Ich fühlte mit Sisi, dass niemand mit ihr auf Augenhöhe gelebt hat. Am interessantesten fand ich, was ihre Hofdame Marie Gräfin von Festetics in ihren Tagebüchern über sie schreibt. Ich glaube, mit der hätte ich am liebsten gesprochen.“

 

Kräftezehrend.

Für Vicky Krieps war es eine sehr kräftezehrende Rolle. „Das physisch Anstrengendste für sie war, das Korsett zu tragen, das täglich acht Zentimeter angezogen wurde. Wir haben alle unterschätzt, was es bedeutet, wenn eine Schauspielerin physisch so stark eingeschränkt ist, dass sie sich nicht mehr frei bewegen und während des Drehs nicht essen kann, manchmal hatte sie sogar Atemschwierigkeiten. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wie ich mich noch mal dazu entscheiden würde.“ Vicky Krieps sagte danach auch, dass sie das nie wieder machen würde.

Eine Ähnlichkeit zwischen ihr und Sisi findet Marie Kreutzer nicht, „aber ich verstehe zum Teil schon diese Melancholie, wie sie die Welt sieht und betrachtet, das ist mir nicht fern. Aus meiner ideologisch-politischen Haltung heraus verstehe ich ihren Ärger darüber, wie Erwartungen an sie als Frau gestellt wurden, eben immer einem Bild zu entsprechen.“

 


Vicky Krieps trat in „Corsage“ als Sisi das Erbe von Lil Dagover, Romy Schneider und Ava Gardner an. © Ricardo Vaz Palma/Alamode Film

 

Tempomacherin.

Die Filmemacherin, die erfolgreich für eine Frauenquote in der Filmförderung kämpfte, hat in nur elf Jahren sieben Filme realisiert. „Meine Tochter ist jetzt zehn und die meisten sind entstanden, als sie schon auf der Welt war. Es verwundert mich selbst immer wieder, wie das gegangen ist.“ Kreutzer arbeitet gerne und sehr schnell und nicht immer können alle mit ihrem Tempo mithalten. „Ich bin auch ungeduldig. Aber jetzt habe ich einen Regieassistenten, der so schnell ist, dass ich fast nicht mitkomme. Das liebe ich“, lacht sie.

 

Persönlich.

Freie Tage verbringt sie gerne mit ihrem Mann, der als Szenebildner auch im Filmgeschäft tätig ist, mit ihrer Tochter und ihren drei Stiefkindern. „Ich bin so wahnsinnig gerne zu Hause, das ist für mich am erholsamsten.“

Aktuell hat sie zwei Drehbücher in Entwicklung, ist in der Recherchephase. „Es ist das erste Mal, dass ich überhaupt nicht weiß, was es das nächste Mal wird. Ich versuche, mich davon nicht beunruhigen zu lassen und zu denken, das ist schon richtig so, es wird schon kommen.“

 

ZUR PERSON

Marie Kreutzer – Regisseurin und Drehbuchautorin

Geboren am 25. August 1977 in Graz. Nach der Matura studierte sie an der Filmakademie Wien. Mit ihrem ersten Langspielfilm „Die Vaterlosen“ gewann sie u. a. den Großen Preis des österreichischen Filmfestivals Diagonale. Weitere bekannte Werke der Regisseurin sind: „Was hat uns bloß so ruiniert“, „Der Boden unter den Füßen“ oder „Was Wir Wollten“.