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People | 07.04.2022

Bitte einmal in bunter!

„Wir müssen von dem Gedanken weg, dass MigrantInnen anders sind“ – im Gespräch mit einer Pianistin und Integrationsbotschafterin.

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© Shutterstock

Chia-Tyan Yang kommt mit 13 Jahren als Hochbegabte von Taiwan nach Graz, um neben der Schule ihr Musikstudium zu beginnen. Ohne Deutschkenntnisse und ohne ihre Familie lernte sie nach und nach die österreichische Kultur kennen und lieben und lebt 30 Jahre später immer noch in Graz. Als erfolgreiche Pianistin, Autorin, EU-Integrationsbotschafterin und Mama einer 1-jährigen Tochter ist es ihr ein Anliegen, Klischees zu brechen und in Österreich eine Kultur zu schaffen, in der wir uns alle wohlfühlen dürfen.

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© Thomas Luef

„Meine Freunde sagen, wir sollen schon nach Schulen für unsere Tochter suchen – mit nicht so hohem Ausländeranteil. Ich sage: Hallo, mein Kind ist auch Ausländer!“

STEIRERIN: Du bist mit 13 Jahren alleine nach Österreich gezogen – das stelle ich mir sehr hart vor.
Chia-Tyan Yang:
Es war ziemlich hart. Ich war die einzige Asiatin in der Schule und hatte null Deutschkenntnisse. Wenn man dann in eine schon eingeschworene Klassengemeinschaft kommt – das war so schwer. Vormittags war ich in der Schule, nachmittags an der Musikhochschule. Zum Glück hatte ich sehr nette Mitschülerinnen, die mir geholfen haben. Sonst hätte ich das nicht gepackt.

Was waren deine ersten deutschen Wörter?
Bevor ich gekommen bin, habe ich ein paar einfache Sätze gelernt – „Ich bin eine Schülerin“, so was – die man im Alltag eigentlich gar nicht braucht. Mein erster richtiger Satz war: „Ich hätte gerne Briefmarken.“ Damals hat man ja noch Briefe geschickt – und ich habe sehr viele geschrieben.

Wieso bist du in Graz geblieben?
Weil ich schon während des Studiums meine Formationen aufgebaut habe. Als Musikerin ist man sowieso recht frei, Konzertreisen führten mich auch nach Hause. Ich habe mich dann auch schon österreichisch gefühlt, habe mittlerweile auch die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen. Wenn ich im Ausland bin, sage ich immer, ich komme aus Österreich. In Deutschland sage ich, ich komme aus der Steiermark, weil sie so eine romantische Vorstellung von der steirischen Toskana haben.

Bist du heute noch als Pianistin aktiv?
Ich war bis 40 aktiv und wollte dann mehr in den Hintergrund. Ich leite jetzt den Musikverein „Live Music Now Steiermark“, wo wir NachwuchsmusikerInnen unterstützen. Wir bringen Musik zu den Menschen, die keine Möglichkeit haben, Konzerte zu besuchen – in Altersheime, Frauenhäuser. Ich war selbst vor 20 Jahren Stipendiatin dort und bin jetzt ehrenamtliche Generalsekretärin. Es ist schön, als MusikerIn der Gesellschaft etwas geben zu können. Ich habe von Österreich so viel bekommen, deshalb gebe ich auch gerne zurück. Das mache ich mit sehr viel Leidenschaft. Und mein Kind ist jetzt mein Hauptprojekt.

Du sagst, du hast MigrationsVORdergrund.
Weil ich finde, ich habe keinen Hintergrund – man sieht es mir ja sofort an! Meine Migration ist vordergründig, deshalb sage ich immer Migrationsvordergrund.

Wie wird man Integrationsbotschafterin?
Das war ein Projekt, dass vor circa 10 Jahren ins Leben gerufen wurde. Die Idee ist, Menschen mit Migrationshintergrund als Vorbilder in Schulen zu schicken. Damit die SchülerInnen sehen, die schauen zwar anders aus, aber sind auch Teil Österreichs. Wir reden mit ihnen darüber, was sie über Ausländer denken. Da kommen so lustige Fragen wie „Isst du auch Hunde?“ (lacht). Die Kinder sind ganz ehrlich. Ich habe mich in meiner Schulzeit oft sehr einsam gefühlt, weil ich anders ausgeschaut habe. Wenn damals Menschen in die Schule gekommen wären, die so aussahen wie ich und trotzdem einen Platz in Österreich hatten, hätte mir das sehr geholfen. Deswegen mache ich das.

Was war ein bewegendes Erlebnis?
Nach dem Vortrag kommen oft SchülerInnen zu uns und sagen, sie fühlen sich angesprochen. Es gab mal ein 10-jähriges Mädchen, das mir unter Tränen erzählt hat, dass ihre beste Freundin Muslima ist und Kopftuch trägt. Wenn sie gemeinsam spazieren, werden sie blöd angesprochen. Erwachsene sagen ihrer Freundin, sie solle zurück in die Türkei. Sie habe aber ägyptische Eltern und ist in Graz geboren, ist Grazerin. Ich habe ihr gesagt, es wird immer böse Menschen geben, aber du kannst zu deiner Freundin stehen und ihr sagen, dass du da bist, egal was die anderen sagen. Wir haben beide geweint. Das sind so nette Begegnungen, die mir zeigen, dass man in so vielen Situationen etwas Gutes tun kann.

Wie können Kinder lernen, toleranter miteinander umzugehen?
Ich glaube, dass die Eltern hier eine sehr große Rolle spielen. Mir hat es geholfen, dass ich immer wieder zu österreichischen Familien eingeladen wurde – so fühlt man sich willkommen und akzeptiert. Ich weiß aber, dass es Eltern gibt, die nicht wollen, dass ihre Kinder mit den Ausländerkindern spielen. Dazu kann ich nur sagen: Es ist zu spät. Die Ausländer sind da! (lacht)

Es sind oft nicht die Kinder, sondern die Eltern. Wenn Eltern immer blöd reden, übernehmen die Kinder das. Sie sind unser Spiegel.

Findest du, dass sich die Akzeptanz gegenüber MigrantInnen in den letzten 30 Jahren gebessert hat?
Ich habe das Privileg, in einer rosaroten Bubble zu leben. Mein Freundeskreis ist sehr aufgeschlossen. Ich habe den Eindruck, dass die Stimmung in den letzten Jahren rauer geworden ist. Wobei die asiatische Community oft als „die besseren Ausländer“ bezeichnet wird. Ich weiß nicht, was ich mit diesem Satz anfangen soll. Ich bin sozusagen priviligiert, weil ich Buddhistin bin und das Glück habe, dass wir keinen Dresscode haben. Hätten wir das, wie das Kopftuch im Islam, wäre es sicher auch schwieriger.

Zu guter Letzt: Du bist auch Autorin!
Ich habe drei Bücher auf Chinesisch geschrieben und in Taiwan verlegt, das vierte kommt bald. Seit acht Jahren schreibe ich eine Kolumne für das Straßenmagazin Megaphon, ein Buch als eine Sammlung der Texte ist 2021 rausgekommen. Hier schreibe ich monatlich über meinen Alltag und was mir so passiert. Das Buch wird von MigrantInnen auf der Straße verkauft, der Reinerlös fließt in soziale Projekte. Das ist schon schön: Wenn eine Taiwanesin etwas schreibt und das liest dann jemand aus dem hintersten Winkel der Steiermark.

楊佳恬
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Vor 20 Jahren erhielt Chia-Tyan ein Stipendium des Vereins „Live Music Now Steiermark“ – heute ist sie selbst Generalsekretärin.

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Das Buch „Unterwegs mit Chia-Tyan Yang“ ist bei Megaphon-VerkäuferInnen zu erwerben.