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People | 07.01.2022

Die Welt ganz nah

Die Schriftstellerin und diesjährige Bachmann-Preisträgerin Nava Ebrahimi setzt sich kompromisslos den Ambivalenzen aus.

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Fotos: Marija Kanizaj, beigestellt

Das Jahr 2021 war allen äußeren Umständen zum Trotz das Jahr von Nava Ebrahimi. Zwar galt die in Graz lebende Schriftstellerin mit iranischen Wurzeln und deutschem Pass gleich mit Erscheinen ihres ersten Buches „Sechzehn Wörter“ vor vier Jahren als herausragend prägnante Stimme der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur; seit sie für ihren Text „Der Cousin“ den diesjährigen Bachmann-Preis im 2. Coronajahr online entgegennahm, hat das Leben der Schriftstellerin und zweifachen Mutter an Tempo zugelegt.

Wenn die Pandemie durchs Schlüsselloch schaut, wird manchmal Privates sichtbar, das auch gesellschaftliche Relevanz entwickelt. Das symbolträchtige Bild von der zu Tränen gerührten Preisträgerin inmitten der Lego-Bausteine ihres Sohnes ging viral und hat ein realistisches, zeitgenössisches Bild von der weiblichen „Doppelfunktion“ Mutter und Schriftstellerin gezeichnet. Nava Ebrahimi bezeichnet sich selbst aktuell als Teilzeit-Schriftstellerin, die wiederkehrend mit dem Gefühl kämpft, weder als Mutter noch als Schriftstellerin zu genügen. „Aber das gilt ja nicht nur für Schriftstellerinnen und Künstlerinnen, sondern im Grunde für alle Frauen mit Kindern, die beruflich auch noch etwas erreichen möchten“, räumt sie ein. „Ich kenne eigentlich keine, die all das tut ohne schlechtes Gewissen. Bei Männern sucht man dieses schlechte Gewissen vergeblich.“

So elegant und treffsicher die literarische Stimme der Nava Ebrahimi ist, über das Scheinwerfer-Licht, das derzeit auf sie gerichtet ist, freut sie sich nicht uneingeschränkt. Ein gewisses Unbehagen darüber, mit dem Erfolg auch ein Stück weit Produkt in einem Business bzw. Role-Model in der öffentlichen Wahrnehmung geworden zu sein, sprach sie auch in ihrer Rede zur Wiedereröffnung des Burgtheaters an: „Ich bin als Migrantin eingeladen – also nicht nur, aber irgendwie auch – und jetzt erwarten Sie von mir migrantinnenkonformes Zeug, was auch immer das sein mag, aber ich soll mich auf jeden Fall marginalisieren und der Politik, dem Patriachat, der Mehrheits-, nein, der Dominanzgesellschaft den Spiegel vorhalten.“

Die Schriftstellerin Nava Ebrahimi
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(...) und jetzt erwarten Sie von mir migrantinnenkonformes Zeug, was auch immer das sein mag, aber ich soll mich auf jeden Fall marginalisieren und der Politik, dem Patriachat, der Mehrheits-, nein, der Dominanzgesellschaft den Spiegel vorhalten.

- Nava Ebrahimi

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(...) und jetzt erwarten Sie von mir migrantinnenkonformes Zeug, was auch immer das sein mag, aber ich soll mich auf jeden Fall marginalisieren und der Politik, dem Patriachat, der Mehrheits-, nein, der Dominanzgesellschaft den Spiegel vorhalten.

- Nava Ebrahimi

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(...) und jetzt erwarten Sie von mir migrantinnenkonformes Zeug, was auch immer das sein mag, aber ich soll mich auf jeden Fall marginalisieren und der Politik, dem Patriachat, der Mehrheits-, nein, der Dominanzgesellschaft den Spiegel vorhalten.

- Nava Ebrahimi

In der Schwebe daheim

Ebrahimis bisher veröffentlichten Texte handeln von Migrationserfahrungen, „Identität war immer schon ein Thema, das mich beschäftigt hat“, erzählt die Autorin, die als Dreijährige mit den Eltern aus dem Iran nach Deutschland kam, in Köln aufwuchs und seit 2012 mit ihrer Familie in Graz lebt. Farsi beherrscht sie nur rudimentär, „meine Sprache ist Deutsch“. Während sie in Deutschland meist als „die Iranerin“ wahrgenommen wurde, machte ihr gesprochenes Hochdeutsch sie in Österreich zur Deutschen. Im Gespräch mit der Schriftstellerin wird deutlich, dass sie keine ist, die sich in Eindeutigkeiten zu Hause fühlt, vielmehr schreibt sie gegen Vereinnahmungsversuche und ein Entweder-oder an. Der Druck, sich eindeutig identifizieren zu müssen, nehme gegenwärtig ab, „zumindest in gewissen Teilen der Gesellschaft herrscht da schon ein größeres Verständnis von Fluidität“, sieht sie das Zerbrechen von diversen Rollenbildern als Befreiung. „In der Vagheit fühle ich mich geborgen“, lässt sie die Protagonistin von „Sechzehn Wörter“ dieses Gefühl umschreiben. Zum Schreiben gekommen ist die Autorin im Alter von 14. Infolge mehrerer Umzüge hätten sich Brieffreundschaften ergeben. „Und viele dieser Briefe, die ich geschrieben hab, habe ich nie abgeschickt.“ 

Indirekt war ihr Migrationshintergrund womöglich ausschlaggebend für die spätere Karriere als Schriftstellerin, denn sie war früh damit beschäftigt, ihre Umwelt zu beobachten und zu reflektieren: „Bei uns zu Hause herrschten andere Codes und Regeln. Deswegen habe ich relativ früh mich selbst orientieren müssen und beobachtet, was geht und was nicht.“ Da ging es auch um vordergründig banale Sachen, etwa wie man sich verhält, wenn man bei der deutschen Freundin zu Besuch ist und plötzlich Hunger bekommt. „Meine Freundinnen sind bei uns zum Kühlschrank gegangen und haben geguckt, was drinnen ist. Das wäre bei uns nie gegangen“, erinnert sie sich.

 

Beschreiben, was ist

Die literarische Stimme der Nava Ebrahimi ist keine, die realitätsfremde Fantasie- und Wortwelten entwirft, sondern die sich dem geistreichen Sezieren des Hier und Jetzt verschrieben hat und dabei wie nebenbei mit wenigen Strichen und schlichter, aber poetischer Sprache faszinierende Charaktere zeichnet. Dass dieses „Hier“ eine migrantische „Doppelexistenz“ führt, bringt den Lesern Facetten einer Welt nahe, die für viele Menschen so oder so ähnlich Realität ist.

Das teilweise immer noch gebräuchliche Etikett „Migrationsliteratur“ empfindet Ebrahimi als „Exotisierung“, denn Fluchterfahrung und Migration sind längst keine Randthemen mehr. Thematisch festlegen will sich Nava Ebrahimi für die Zukunft nicht: „Ich würde überhaupt nicht ausschließen, dass ich einmal etwas schreibe, was überhaupt nichts mit Herkunft und Identität zu tun hat. Aber sicher nicht, weil von außen irgendwelche Erwartungen an mich gestellt werden. Ich habe manchmal das Gefühl, es herrscht diese Erwartung vor: ‚Wenn ihr wirklich in der Mitte des Literaturbetriebs ankommen wollt, dann müsst ihr mal zeigen, dass ihr auch was anderes könnt.‘ Aber man würde z. B. von einem Peter Handke oder Martin Walser auch niemals erwarten, dass er irgendwas anderes thematisiert als seine Themen.“

Ebrahimis stets kritischer Geist und radikaler Drang zu differenzieren, um immer wieder aufs Neue den Versuch zu wagen, sich der Wahrheit anzunähern, ist Antrieb für ihr literarisches Schaffen. Die studierte Volkswirtin und Journalistin hat einige Jahre u. a. als Redakteurin bei der Financial Times Deutschland gearbeitet, „aber irgendwann hatte ich das Gefühl, ich komme nicht mehr weiter, nur die Literatur gibt mir die Möglichkeit, mich so facettenreich und ambivalent auszudrücken, wie ich es für notwendig halte“.

Schreiben bedeutet für sie immer auch, sich einem fordernden, letztlich aber auch produktiven Prozess der Selbstbefragung und der Selbstzweifel auszusetzen. „Wenn die Kritik positiv ist, relativiere ich sie, wenn sie negativ ist, dann ist es natürlich eine Katastrophe.“ Viele solcher Katastrophen musste Ebrahimi bisher nicht erleben, ihr Stern am Literaturhimmel ist ziemlich jäh aufgegangen. Der Höhenflug hat den Druck und die potenzielle Fallhöhe gesteigert. „Das erste Buch, das nach dem Bachmann-Preis rauskommt, wird kritischer bewertet werden. Da gibt es dann keinen Schongang mehr“, vermutet sie.

Als LeserIn ihrer Bücher macht man sich diesbezüglich deutlich weniger Sorgen. Das Potenzial der ihr so eigenen Kombination aus Tiefgang, Klugheit, mangelnder Eitelkeit, temporeichen Dialogen und einem besonderen Sinn für Humor, der einem während der Lektüre ihrer Bücher ein Dauerschmunzeln beschert, dürfte sie gerade erst für sich und ihre Leserschaft zu entdecken begonnen haben.

 

Stell die Verbindung her

Dieses Jahr ist im Grazer Leykam Verlag ein für eine Roman-Schriftstellerin ihres Ranges eher ungewöhnliches, dafür umso sympathischeres Buch-Projekt verwirklicht worden. Das Wende-Geschenks-Buch „Einander – Ein Buch, das Generationen verbindet“ ist in Zusammenarbeit mit der befreundeten Illustratorin Sabine Presslauer in der isolierten Zeit des Lockdowns entstanden und verfolgt die Idee, Familien, Freunde miteinander ins Gespräch zu bringen. Ebrahimi steuerte dazu Mikroprosa-Texte und Fragen bei. Diese Vision der Verbundenheit kommt in Ebrahimis Burgtheater-Rede final explizit zur Sprache und outet die Autorin auch als große Liebende:

„Halte die Welt nicht auf Abstand, lass sie an dich heran, geh mit deinem Mitgefühl immer wieder an deine Grenzen, strapaziere dich mit Widersprüchlichkeit – und wenn es droht, dich zu zerreißen, erinnere dich daran, dass alles zusammengehört, dass wir alle zusammengehören, lass das Band nicht reißen.“


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Ein Buch, das Generationen verbindet. Ein Wendebuch, das einander näherbringt. © beigestellt

Von Nava Ebrahimi
und Sabine Presslauer

Leykam Verlag 2021