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People | 06.01.2022

Liebe hautnah

Damit Lust und Leidenschaft genauso bei Menschen mit Behinderung alltägliche Praxis finden, hilft die Grazer Sexualbegleiterin Lialin dabei, den Körper nicht als Hürde zu sehen. Und gestaltet so Inklusion von sexueller Vielfalt mit.

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© Johannes Seidl

Sie kreiert Begegnungen. Gestaltet Momente, die für Herz und Seele fundamentales Grundbedürfnis sind und somit zur psychischen Gesundheit beitragen. Liebe und Sexualität sind ein Menschenrecht, von dem genauso behinderte Menschen Gebrauch machen möchten. Zu Hause, im privaten Ambiente und ganz ohne Barrieren. Und genau dort gestaltet die Grazer Sexualbegleiterin Lialin für rund eine Stunde sinnliche Begegnung …

Ein sanfter Händedruck, gefolgt von zarten Küssen auf Stirn, Wange und Hals. Danach darf gekuschelt werden, um sein Gegenüber zu spüren, zu riechen und diese eine Nähe zu erfahren, die es sonst so schwierig zu finden gilt. Für jedermann. Genau das gehört auch zur Sexualität; den direkten Geschlechtsverkehr sowie Oralverkehr schließt die Sexualbegleiterin aus. Weil Liebe, Lust und Leidenschaft viel mehr sind als der bloße Akt. „Die Sexualität besteht aus sehr viel mehr: Wie kommt man sich näher? Wie berühre ich mein Gegenüber und wie passiert überhaupt Erregung?“, erklärt Lialin, die bereits seit neun Jahren als Libida-Sexualbegleiterin tätig ist. Mit ihrer sinnlichen Unterstützung bietet die Grazerin genauso eine Möglichkeit für Menschen mit Behinderung, um in einem geschützten Rahmen ihre Sexualität entwickeln zu können und um Erregung wie Sinnlichkeit erfahren zu dürfen.

 

Sexuelle Inklusion

Lialin spricht ruhig und mit einer Fröhlichkeit in der Stimme, bei der die Leichtigkeit des Seins mitschwingt. Man spürt: Sinnlichkeit macht auch Spaß! Hinter dem sympathischen Wesen der Sexualbegleiterin steckt jedoch mehr – jede Menge professionelle Sexualpädagogik und ganz viel Empathie. Eine Kombination, mit der Inklusion von sexueller Vielfalt gelingt. Das hat sie beim einjährigen Lehrgang bei der Fachstelle der gemeinnützigen Organisation Alpha Nova Steiermark gelernt. Seit 2019 gehört ihr die Marke „Libida“ und sie gilt derzeit als einzige Libida-Sexualbegleiterin. „Meine Intention ist es, Menschen einen sinnlichen Erfahrungsraum zu bieten. Weil Sexualität niemanden ausschließen darf.“ Ein Herzensprojekt, nicht nur ein Beruf.

Ihre Treffen passieren stets auf Augenhöhe, jeder darf sagen oder zeigen, was er möchte, aber auch klar aufzeigen, wenn etwas unerwünscht ist. Dabei wird die gemeinsame Zeit immer miteinander gestaltet. „Meine Kunden brauchen sicher kein Mitleid, denn es sind wertvolle, interessante Menschen, von denen ich immer wieder sehr viel lerne.“ Das sind zum einen behinderte Menschen, die Sinnlichkeit erfahren wollen, junge Männer, weil sie erste Erfahrungen sammeln möchten, Frauen, weil sie etwas über ihren Körper lernen wollen, und ältere Männer, die Nähe suchen. Aber auch Paare, speziell auch Pärchen mit Behinderung, nehmen regelmäßig Termine bei Lialin wahr. Die einen monatlich, andere wiederrum nach Bedarf und phasenweise. Dabei muss der Wunsch immer vom Kunden ausgehen. Warum ihre Arbeit als Sexualbegleiterin so wichtig ist: „Weil es für jene Menschen, die zu mir kommen, sonst keine Möglichkeit gibt, über das Reden hinaus Sexualität auszuprobieren.“

Sexualbegleitung fällt unter das Prostitutionsgesetz, dennoch bietet eine professionelle Sexualbegleiterin, wie der Name schon sagt, nur die Begleitung in der Sexualität an und nicht den Akt selbst. Genaue Statistiken zu Sexualbegleitung gibt es nicht. Margit Schmiedbauer von der Fachstelle „Hautnah“ schätzt die Zahl der Begleitungen auf 8.000 in neun Jahren. Dabei gebe es in Österreich laut Sozialministerium rund 1,3 Millionen Menschen in Privathaushalten, die mit einer dauerhaften Beeinträchtigung leben. Die Zahl der Sexualbegleitungen ist in Relation also verschwindend gering. Auch, weil viele nicht um das Angebot wissen. Dieser Beruf gibt einem auch viel zurück: „Die Entwicklung miterleben zu dürfen, ist das größte Geschenk für mich: wie Kunden selbstbewusster und zufrieden werden. Oft hat dieser Teilbereich, in dem ich wirke, einen positiven Einfluss auf die Lebensumstände.“

"Ich bin zum Üben da."
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Die Grazerin Lialin ist seit neun Jahren als Libida-Sexualbegleiterin tätig und unterstützt Menschen mit Behinderung in ihrer Sexualität.

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© Johannes Seidl


Sexualberatung für Menschen mit Behinderung:

Wo: Fachstelle „Hautnah“ in Kalsdorf

Wann: Frauengruppe am 16. November und 14. Dezember 2021 • Männergruppe am 15. November und 13. Dezember 2021

Mehr Info unter www.alphanova.at