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People | 02.11.2021

Macht helfen glücklich?

Können wir Solidarität etwa lernen? Welche Prozesse werden in Gang gesetzt, wenn wir uns anderen gegenüber mitfühlend zeigen und uns sozial engagieren? Eine Expertin dazu im Gespräch.

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Brigitte Kukovetz ist am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaften der Uni Graz tätig, wo sie sich intensiv mit dem Thema Solidarität beschäftigt. Unter der Leitung ihrer Kollegin Annette Sprung hat sie von 2018 bis 2019 das Forschungsprojekt „Solidarität lernen? Informelle (und politische) Bildungsprozesse im Kontext der aktuellen Fluchtbewegungen“ ins Leben gerufen. In dem vom Land Steiermark geförderten Projekt wurden Motive für und Lernprozesse im Rahmen freiwilligen Engagements erforscht. Wie wirkt sich so etwas auf die Helfenden aus?

STEIRERIN: Was passiert in unserer Wahrnehmung, wenn wir beginnen, anderen zu helfen?
Brigitte Kukovetz: Wir haben im Zuge unserer Forschung zu „Solidarität lernen?“ festgestellt, dass das Lernen informell, also nebenbei, erfolgt. Freiwillige eignen sich viele praktische, organisatorische und sachbezogene, aber auch personale und soziale Kompetenzen im Austausch mit anderen Freiwilligen und jenen Personen, die sie unterstützen, an. Wir haben uns die politischen Bildungsprozesse im Feld Flucht und Migration näher angesehen. Freiwillige erhalten durch ihr Engagement oft neue Erkenntnisse über andere Länder, deren politische Strukturen und Wissen über kriegerische Auseinandersetzungen, Lebensweisen und Familienstrukturen.

Wir lernen durch Engagement also auch, unsere Privilegien und das Systemen von Gemeinschaften zu hinterfragen?
Das Nachdenken über politische Zusammenhänge stellt einen wichtigen Aspekt dar: Wer darf und soll zu einer Gemeinschaft gehören? Funktionieren unsere Demokratie und unser Rechtsstaat so, wie wir es uns vorstellen? Oskar Negt spricht zum Beispiel von „Gerechtigkeitskompetenz“ und meint hiermit die Fähigkeit, die Ungleichbehandlung von Menschen etwa aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihres Geschlechts oder ihres sozialen Status zu hinterfragen. Soziales Engagement kann somit die Wirkung haben, gesellschaftliche Prozesse zu reflektieren, aber auch zu erleben, wie man selbst als Freiwillige oder Freiwilliger handlungsfähig bleiben oder werden kann. Etwa, wie man politisch aktiv werden kann und andere Mitmenschen zu einem bürgerschaftlichen Engagement mobilisieren kann. 

Wie kann es uns glücklich machen, wenn wir anderen helfen? Welche Wirkung kann „anderen helfen“ erzielen?
Es gibt viele Aspekte, die für die freiwillig Engagierten selbst sehr positiv sind, etwa die Tätigkeiten mit den Menschen, die sie unterstützen. Gleichzeitig können Rahmenbedingungen das freiwillige Engagement auch erschweren, etwa wenn keine Wertschätzung gegeben ist oder wenn die Arbeit an sich durch politische Rahmenbedingungen verunmöglicht wird.
Neben den vielfältigen Bildungsprozessen erleben Freiwillige, die sich für Geflüchtete engagieren, etwa die engen Beziehungen mit den Geflüchteten selbst als sehr bereichernd. Die positiven Entwicklungen in der Lebenssituation der Geflüchteten sowie die positiven Reaktionen der Geflüchteten, etwa Dankbarkeit und Vertrauen, bestärkten die Freiwilligen in ihrem Tun. Gleichzeitig haben wir festgestellt, dass für die Freiwilligen auch eine symbolische Anerkennung von offizieller Seite, etwa von Lokalpolitiker*innen, sowie auch finanzielle und strukturelle Unterstützungen durch die öffentliche Hand, sehr wichtig sind. Dies ist umso mehr der Fall, als die Intensität des Engagements oft auch zu einer großen Belastung führen kann. Hier wäre es wichtig, dass es ein breites Angebot an Supervisionen und Weiterbildungsmöglichkeiten für Freiwillige gibt.

 

Zur Person

Brigitte Kukovetz (Dr.), geb. 1976, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft der Uni Graz, Arbeitsbereich Migration – Diversität – Bildung“. Für ihre Arbeit wurde sie u. a. mit dem Österreichischen Staatspreis für Erwachsenenbildung ausgezeichnet.


Wenn wir selbst wieder einen Vorteil daraus ziehen, anderen zu helfen, gibt es dann überhaupt so etwas wie Altruismus? Oder ist das nur mit den eigenen Interessen verknüpft?
In der Forschung wird davon gesprochen, dass Freiwillige immer aus unterschiedlichen Motiven tätig werden und oft mehrere Beweggründe zu einem Engagement führen. Zumeist sind es sowohl selbstbezogene Motive als auch solche, die als altruistisch bezeichnet werden können. Freiwillige wollen Menschen in schwierigen Lebenssituationen helfen, Leid verringern. Aber auch biografische Erfahrungen und Prägungen führen zu einem Engagement, etwa eine eigene (frühere) Betroffenheit (etwa gibt es viele Menschen mit Migrationsbiografie, die sich nun selbst für Geflüchtete engagieren), Vorerfahrungen mit Freiwilligenengagement in anderen Feldern oder positive Erfahrungen durch das Elternhaus.

Wie könnten mehr Menschen motiviert werden, anderen zu helfen?
Als besonders wichtig erachte ich die passenden Unterstützungsstrukturen, damit es Freiwilligen auch ermöglicht wird, ihre Tätigkeiten kritisch zu reflektieren und sich in den jeweiligen Feldern, in denen sie tätig sind, professionell weiterzubilden. Es ist weiters bedeutend, dass die Engagierten sich untereinander vernetzen und austauschen können, dass ihnen auch Ressourcen für ihre Tätigkeiten zur Verfügung gestellt werden und dass die Kommunikationsstrukturen zwischen Freiwilligen, hauptamtlich Tätigen und Entscheidungstragenden auf- und ausgebaut werden. Denn nur so besteht für sie die Möglichkeit, dass ihre Erfahrungen auch von politischer Seite gehört und ernst genommen werden.

Welche Erfahrungen haben Sie persönlich in diesem Bereich gemacht und wie kommt es, dass Sie das, was Sie beruflich tun, so gerne tun?
Ich bin immer wieder auch selbst ehrenamtlich engagiert. So etwa war ich mehrere Jahre bei der Grazer Gruppe von Amnesty International aktiv, da mir insbesondere die Einhaltung der Menschenrechte ein großes Anliegen ist. Erfreulicherweise kann ich mich auch beruflich auf wissenschaftlicher Ebene mit Themen der Gerechtigkeit und Gleichbehandlung auseinandersetzen.