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People | 20.04.2021

Feinsinnige Zwischentöne

Schwarz-Weiß-Malerei wird man in den Reportagen von Claudia Gschweitl vergeblich suchen. Vielmehr sind es die vielen Grautöne dazwischen, die sie interessieren. Dafür ist sie auch mit dem höchstdotierten Journalistenpreis des Landes ausgezeichnet worden.

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© Ursula Hummel-Berger

Zur Person

Claudia Gschweitl, geboren 1984 in Graz, gestaltet Beiträge und Features für die Ö1-Sendungen „Leporello“, „Ex libris“, „Tonspuren“, „Hörbilder“ und „Gedanken“. 2020 wurde sie mit dem Prälat-Leopold-Ungar-Preis, dem höchstdotierten Preis für Journalisten in Österreich, ausgezeichnet.


Selbstzweifel. Die standen am Anfang ihrer Journalisten-Karriere. Nachdem Claudia Gschweitl bei der Aufnahmeprüfung an einer FH für Journalismus nicht genommen wurde, fragte sich die Oststeirerin, ob sie für die Berufswahl überhaupt geeignet war. Dabei hatte sie schon immer eine große Leidenschaft für Sprache. Verunsichert entschied sie sich dann für ein Medizinstudium. Aber schon nach einem Jahr war der Wunsch, in Richtung Journalismus zu gehen, in ihr wieder so groß, dass sie sich zum Publizistik-Studium in Wien einschrieb – im Nachhinein eine der besten Entscheidungen ihres Lebens. Schon während des Studiums begann sie bei Ö1 zu arbeiten und fand dort schluss-endlich Beruf und Berufung.

Sprache kreiert Wirklichkeit. Dessen ist sich die Steirerin Claudia Gschweitl sehr bewusst. Aus diesem Grund achtet die Ö1-Mitarbeiterin bei ihrer Arbeit auf einen sensiblen Umgang mit Worten. „Schwarz-Weiß-Malerei ist einfach, dabei zählen doch die vielen Grautöne dazwischen.“ Und genau diese nuancenreichen Grautöne präsentiert sie den Hörerinnen und Hörern in ihren Beiträgen.
„Beim Erstellen von Beiträgen hat man eine große Verantwortung: einerseits gegenüber dem Publikum, denn es verlässt sich auf die Information. Andererseits aber auch gegenüber den Personen, die man interviewt. Man muss objektiv und ausgewogen an die Sache herangehen, alle Seiten zu Wort kommen lassen und Dinge so wiedergeben, wie sie gesagt wurden. Ich will keine Meinungen vorgeben, die Hörer sollen sich selbst eine Meinung bilden.“ Das ist oft eine Kunst für sich.

 

Ich will keine
Meinungen
vorgeben, die Hörer
sollen sich selbst
eine Meinung
bilden.

– Claudia Gschweitl

 

Ausgezeichnet. Dass Claudia Gschweitl mit ihren feinsinnigen Zwischentönen überzeugt, bestätigt auch die Auszeichnung mit dem Prälat-Leopold-Ungar-Preis, dem höchstdotierten Preis für Journalisten in Österreich, den sie 2020 für ihr Feature „Willkommen in Weikendorf – Szenen einer öffentlichen Erregung“ in den Ö1-„Hörbildern“ erhielt. Inhalt: der kleine Weinviertler Ort Weikendorf, der ein Jahr davor in die Schlagzeilen geriet, als eine palästinensische Flüchtlingsfamilie sich ein Haus kaufen wollte, sich aber in der Bevölkerung Widerstand dagegen auftat.
Auf ihrer Spurensuche im niederösterreichischen Ort wollte man anfangs mit der Journalistin gar nicht so recht reden. Zu sehr waren die Bewohner aufgrund der einseitigen Berichterstattung der Medien verärgert. Nach und nach baute sich aber ein Vertrauen auf. Über ein Jahr begleitete Gschweitl die Menschen, sammelte dutzende Stunden an Audiomaterial und verbrachte Wochen mit dem Sichten und Schneiden der Interviews. Aber das Ergebnis konnte sich hören lassen. „Die Menschen in dem aufwühlenden Bericht sprechen für sich selbst, die Hörer und Hörerinnen können sich ihr eigenes Bild machen. Ein wunderbares Stück Radio: subtil, komplex, austariert – und nicht leicht verdaulich“, begründete die Jury die Auszeichnung mit dem Prälat-Leopold-Ungar-Preis.

Es muss noch viel geschehen. Die Leidenschaft und das Interesse an Sprache gehen bei der Steirerin aber noch weiter. In ihrem nächsten Projekt widmet sie sich einem Aspekt der Sprache, der sie persönlich sehr ärgert: das Thema, wie über Frauenmorde berichtet wird. „Oft liest und hört man da von Verzweiflungstaten und Beziehungsdramen. Das ist absolut verharmlosend. Das ist Mord, und das muss man auch so benennen. Manchmal beschleicht einen sogar das Gefühl, es wird den Opfern die Schuld gegeben. Argumentationen des Täters werden unkritisch übernommen.“ Hier würde sich Gschweitl mehr Sorgfalt mit der Sprache wünschen. „Langsam wird das Bewusstsein von der Wirkung der Wortwahl in den Medien mehr, aber es muss noch viel geschehen.“