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People | 09.02.2021

Werte und Wertigkeiten

Warum Gleichwertigkeit nicht mit Gleichberechtigung auf eine Stufe zu stellen ist und was eine Bierkiste damit zu tun hat, erklärt Landtagspräsidentin Manuela Khom im Gespräch mit der STEIRERIN.

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© Erwin Scheriau

Seit Jahrhunderten setzen sich Frauen – und auch Männer – für eine Gleichstellung der Geschlechter auf allen gesellschaftlichen Ebenen ein. Ein langer Weg, der gesäumt ist von Erfolgen. Dennoch sind wir am Ziel noch nicht angekommen, findet Landtagspräsidentin und VP-Frauen-Landesleiterin Manuela Khom.

STEIRERIN: Frau Landtagspräsidentin, in welchem Bereich gibt es, Ihrer Meinung nach, noch großen Handlungsbedarf, wenn es zum Thema Gleichstellung der Geschlechter kommt?
Manuela Khom: Wir reden immer von Gleichberechtigung. Ich bin der Meinung, die haben wir grundsätzlich. Trotzdem hilft uns Frauen das nicht, wenn die Gleichwertigkeit nicht stimmt.

Inwiefern?
Das gleiche Recht zu haben hilft manchmal nicht, die gleiche Wertigkeit zu erlangen. Ich nehme dazu immer gerne ein Beispiel her: Ein großer Mann und eine kleinere Frau stehen hinter einer Mauer, beide sehen nicht darüber. In Murau, wo ich herkomme, würde man sich in so einem Fall mit einer Bierkiste aushelfen. Also bekommen beide eine Kiste. Das ist Gleichberechtigung. Beide haben das gleiche Recht auf Unterstützung. Trotzdem ist es wahrscheinlich, dass der Mann jetzt über die Mauer schauen kann und die Frau noch immer zu klein dafür ist. Das zu ändern, darin sehe ich die Heraus-forderung.

Wie spiegelt sich das im Alltag wider?
Indem Frauen zum Beispiel noch immer rund 20 Prozent weniger verdienen als Männer. Gleiche Arbeit heißt nicht immer gleicher Lohn. Und auch Covid-19 hat uns die unterschiedliche Wertigkeit wieder vor Augen geführt. Ich kenne nicht wenige Beispiele, wo während des ersten Lockdowns Frauen nach Hause ins Homeoffice geschickt wurden, während Männer in der gleichen Position vor Ort blieben, da ja Entscheidungen getroffen werden mussten. Außerdem ist es noch immer ein großes Problem, dass viele Frauen in typischen Frauenberufen arbeiten, die meist schlechter bezahlt werden aufgrund der geringeren gesellschaftlichen Wertigkeit.

Die VP-Frauen setzen sich stark zu diesem Thema ein. Welche Schritte werden gesetzt?
Wir haben schon lange Projekte, mit denen wir versuchen, Frauen in die Technik zu bringen. In diesem Bereich sind die Verdienstmöglichkeiten im Durchschnitt besser, außerdem würde es dem Fachkräftemangel entgegenwirken. Das Ergebnis der Projekte könnte aber durchaus besser sein.

 

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© Erwin Scheriau

Woran liegt das geringe Interesse?
An einer Summe von Dingen. Erstens spielt nach wie vor die Art und Weise der Erziehung eine große Rolle. Mädchen sollen nach Wunsch der Eltern oft lieber Friseurin werden oder in einem Büro sitzen und nicht auf Baustellen arbeiten oder Lkw fahren. Oft hat es auch mit einer gewissen Gruppendynamik zu tun, wenn es um die Wahl der Schule und des Berufs geht.

Aber wie schafft man eine Gleichwertigkeit der Berufe?
Man muss das Ganze anders denken und umdrehen, um eine Gleichwertigkeit zu erreichen. Es müssten viel mehr Männer in typische Frauenberufe. Das verändert die Dynamik.

Haben Sie dafür ein Beispiel?
Früher gab es Krankenschwestern. In dem Moment, wo Männer diese typische Frauendomäne betreten haben, gab es nicht zusätzlich den Krankenbruder, sondern plötzlich den diplomierten Krankenpfleger. Gleichwertigkeit beginnt schon in der Sprache.

Sie haben sich als Politikerin erfolgreich in einer – vor allem früher – eher männerdominierten Umgebung positioniert. War der Weg schwer?
Anfangs wurde ich schon oft von einigen männlichen Kollegen belächelt. Aber durch gute Vorbereitung und kompetente Arbeit konnte ich schlussendlich überzeugen. Ich muss aber auch sagen, dass es in meiner politischen Fortkommens-Geschichte ganz viele Männer gab, die mich sehr unterstützt haben.

Haben Sie Vorbilder, die Sie auf Ihrem Weg gestärkt haben?
Einerseits sicherlich meine Oma. Sie war Mutter von zwölf Kindern und hat das Familienleben trotz ärmlicher Verhältnisse immer mit einer Gelassenheit und Bestimmtheit geschaukelt. Und Waltraud Klasnic. Für mich waren Politiker früher immer so weit weg. Aber bei ihr hatte ich das Gefühl, sie ist für einen da. Plötzlich war da eine Frau in der Politik, die Menschlichkeit gelebt hat und trotzdem klare Entscheidungen traf. Sie war auf meinem Weg in die Politik sicher prägend und ich bin sehr froh, dass ich ein Stück des Weges mit ihr gehen konnte.

Welche Schwerpunkte haben sich die Steirischen VP-Frauen für 2021 gesetzt?
Das große Ziel für uns ist das Thema Pensions-Splitting. Außerdem unterstützen wir bereits ganz massiv den Ausbau der Kinderbetreuungseinrichtungen. Und natürlich wird die Durchmischung der Berufe ein wichtiger Punkt sein, um die gewünschte Gleichwertigkeit zu erreichen. Es darf einfach nicht die Entscheidung sein: Ist es ein Frauenberuf oder ein Männerberuf? Sondern die Frage muss lauten: Mag ich diesen Beruf machen oder nicht?