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People | 14.01.2021

"Man muss kein Genie sein"

Katrin Unger entwickelt Tattoo-Sensoren, die pH-Wert-Veränderungen der Haut messen. Für ihre Arbeit wurde sie bei den STEIRERIN AWARDS 2020 als „Die Visionärin“ ausgezeichnet. Tradierte Rollenbilder will sie überwinden.

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© Thomas Luef

Mit Vorurteilen räumt Katrin Unger gleich mehrfach auf. Nicht nur, dass sie in einer immer noch sogenannten „Männerdomäne“ tätig ist, auch ihr jugendliches, offenes Wesen entspricht so gar nicht dem Klischee des (weiblichen) „Labor-Nerds“. Auf die Frage, weshalb sie sich für eine naturwissenschaftliche Laufbahn entschieden hat, unternimmt sie quasi kurz einen Abstecher in die Geisteswissenschaft und antwortet mit Goethes Faust: „daß ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“, nicht ohne einen Schuss Selbstironie nachzureichen. In einem Nebensatz erwähnt die 34-jährige Forscherin der TU Graz wie selbstverständlich, dass sie auch Mutter von zwei Kleinkindern ist. Es stört sie, dass in Bilderbüchern immer noch Frauen häufig als staunende Statistinnen neben den aktiven männlichen Helden des Alltags abgebildet sind. „Ich ergänze dann immer die Feuerwehrfrauen und Polizistinnen. Wenn mein Freund beim Vorlesen darauf vergisst, bessert ihn unsere vierjährige Tochter mittlerweile aus“, erzählt sie mit einem Schmunzeln.

Zart besaitet. Zurück zur Physik. Nicht nur der Säureschutzmantel der Haut reagiert empfindlich, auch die Tattoo-Papiere, mit denen Katrin Unger als Teil der Arbeitsgruppe von Anna Maria Coclite am Institut für Festkörperphysik an der TU Graz arbeitet, sind „zart besaitet“ und reagieren zum Beispiel auf Hitze höchst sensibel. Daher besteht die besondere Herausforderung im Aufbringen der Schichten. Mittels Screen-Printing-Verfahren werden die Elektroden aufgedruckt und mit smarten Hydrogelen versiegelt. Relevant kann eine dadurch mögliche kontinuierliche Messung des pH-Wertes der Haut im Sinne von Body Tracking etwa für SportlerInnen sein, aber auch bei Hautkrankheiten beziehungsweise während Chemo-Therapien oder zur Früherkennung von Infektionskrankheiten ist ein Einsatz denkbar. Noch ist das diffuse Zukunftsmusik, derzeit befindet man sich im Stadium der Grundlagenforschung, die circa das erste Viertel des Weges zum käuflichen Medizinprodukt ausmacht.

3 : 206. Zurück zu den Rollenbildern. Physikerinnen sind auch 117 Jahre nach der Nobelpreis-Vergabe an Marie Curie nach wie vor Exotinnen. Warum das so ist, darauf weiß auch Katrin Unger keine simple Antwort. „Es gibt grandiose weibliche Forscherinnen“ und dennoch bis dato gerade einmal drei Frauen neben 206 Männern, die den Nobelpreis in Physik verliehen bekamen – Marie Curie 1903, Maria Goeppert-Mayer 1963, Donna Strickland 2018. Patriarchale Strukturen sind subtil und äußerst langlebig, wie es scheint. Und haben die Tendenz, Frauen unsichtbar zu machen, wie nachfolgende Episode nahelegt: Katrin Unger erzählt im Gespräch davon, dass es über Strickland zum Zeitpunkt der Nobelpreis-Vergabe keinen Wikipedia-Eintrag gab, weil das Online-Lexikon zuvor einen Eintrag wegen zu geringer Bedeutung der Forscherin abgelehnt hatte.

 

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© TU Graz/Lunghammer

Die junge Forscherin selbst hat daher kein Problem damit, als Role Model in Erscheinung zu treten, und sieht es neben ihrer Arbeit in der Forschung als ihre Aufgabe, sich als Botschafterin für Frauen in den MINT-Fächern (Studienfächer aus den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) zu engagieren. Mittlerweile wird sie von Medien und diversen Initiativen zur Förderung von Frauen in der Naturwissenschaft angefragt. „Ich stehe eigentlich nicht gerne im Rampenlicht, aber es ist wichtig, als forschende Frau präsent zu sein. Gerade Mädchen glauben oft, sie müssen bereits etwas können, um einen Pfad einzuschlagen. Man muss aber nichts in die Wiege gelegt bekommen und auch kein Genie sein. Physik oder Informatik sind Studien, die man erfolgreich absolviert, wenn man sich dafür interessiert.“ Für sie war die Nähe zur Physik beziehungsweise Technik allerdings doch auch im Elternhaus angelegt, die Mutter ist AHS-Lehrerin für Physik und Mathematik, der Vater Software-Entwickler. Als Vorbild und zugleich Mentorin sieht sie ihre Professorin an der TU, Anna Maria Coclite. Über die etwas provokante Frage, ob Frauen anders forschen als Männer, denkt sie etwas länger nach und schildert dann folgende Beobachtung, ohne daraus eine Verallgemeinerung ableiten zu wollen: „Ein Mann sieht oft ein Ziel und stolpert einfach mal los, Frauen sehen ein Ziel, wägen manchmal länger ab, haben eher die Probleme im Fokus.“ Handelt es sich da um ein Symptom tradierter Rollenbilder? „Vielleicht, es bedeutet aber nicht, dass nicht beide Herangehensweisen letztlich zeitgleich zum Ziel führen.“