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People | 12.11.2020

Inspiration vs. Frustration

Öffentliches Engagement ist mit andauerndem Scheitern und Wiederaufstehen verbunden. Das weiß auch Aktivistin Alexandra Seyi.

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© Shutterstock

Aktivismus lebt davon, Missstände aufzuzeigen, Diskussionen zu führen sowie Geduld und Nervenstärke zu zeigen. Das weiß auch Aktivistin Ale-xandra Seyi. Ihren Sommer verbringt die Steirerin zum Großteil in ihrer Heimatstadt Graz und lernt aktuell für ihre Psychologie-Aufnahmeprüfung. Die 19-Jährige tritt seit ihrer Schulzeit für Themen ein, die ihr am Herzen liegen – ihre vorwissenschaftliche Matura-Arbeit hat sie etwa über Gleichberechtigung geschrieben. Während des Recherchierens wurde ihr bewusst, dass ein Schriftstück wohl nicht reicht, um all das zu sagen, was sie sagen möchte. „Umso mehr man sich mit der Gleichstellung der Geschlechter beschäftigt, umso mehr merkt man, wie viel da im Argen liegt“, sagt Alexandra. „Und dann möchte man natürlich weitermachen und die Problematik auch außerhalb der Schule ansprechen.“ Über einen Freund landete sie im Anschluss bei der Grünen Jugend Steiermark, außerdem trat sie der Arbeitsgruppe Feminismus bei, wo sie sich seitdem einsetzt.

Inspirierend oder frustrierend? Wie steht sie zu der Annahme einiger kritischer Stimmen, Aktivismus sei eine frustrierende Beschäftigung ohne realistische Aussichten? „Natürlich ist es teilweise frustrierend. Mit Gegenwind muss man immer rechnen, das ist ein großer Teil des Ganzen. Es gibt so viele Menschen, die meinen, es sei nicht wichtig, was man tut. Man muss nicht nur lernen, andere zu überzeugen, sondern auch damit umzugehen, dass viele das Problem gar nicht wahrhaben wollen.“ Auch Corona habe der Aktivismus-Szene große Steine in den Weg gelegt, bestätigt Alexandra. „Die Mission erreicht einfach nicht so viele Menschen, wenn wir nicht direkt auf der Straße, sondern ‚nur‘ im Internet demonstrieren.“ In Graz gehört Alexandra fix zum Team der Grünen Jugend, außerdem setzt sie sich für Tanaka Graz ein – eine Community, die vor allem auf Rassismus- und PoC-Themen (People of Colour) aufmerksam macht. Auf der Black-Lives--Matter-Demo im Juni hat sie vor rund 10.000 Menschen am Hauptplatz eine Brandrede über Polizeigewalt gehalten und auch im Netz engagiert sie sich laufend für Gleichberechtigungsthemen.

 

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© Gerfried Reis/MadPics

Wie hat Alexandra gelernt, mit Momenten des Scheiterns umzugehen und trotzdem wieder Motivation zu finden? „Eine konkrete Strategie habe ich da noch nicht, so etwas wäre praktisch“, schmunzelt sie. „Ich persönlich glaube, es ist am wichtigsten, unter keinen Umständen aufzugeben. Wenn wir nicht lernen, Rückschläge hinzunehmen, wieder aufzustehen und weiterzumachen, kann sich niemals etwas nach vorne bewegen.“ Beim Aktivismus helfe es auch nicht, sich nur in seiner eigenen ,Blase‘ zu bewegen, in der alle Menschen, mit denen man diskutiert, derselben Meinung sind. Raus aus der Komfortzone, raus auf die Straße, laute die Devise.

Veränderung gefordert. Was soll sich nach Alexandras Wünschen in den nächsten Jahren in puncto Gleichberechtigung ändern? Sie lacht auf. „Oh, so vieles. Die Kinderbetreuung muss dringend ausgebaut werden. Auch Männern sollte es ermöglicht werden, selbstverständlich daheim zu bleiben – es gibt bereits Länder, die das gut vorleben. Daran könnte man sich ein Beispiel nehmen.“ Was die Allgegenwärtigkeit von Alltagsrassismus und -sexismus betreffe, brauche es ebenso mehr Aufklärung. Viele Menschen seien sich nicht einmal bewusst, dass sie alle gemeinsam durch erlernte und antrainierte Verhaltens- und Denkweisen das aktuelle System mit all seinen diskriminierenden Strukturen aufrechterhielten. Auch das Thema LGBTQI+ (Lesbian, Gay, Bi, Trans, Queer und Intersex) ist Alexandra ein großes Anliegen, zum Beispiel was die Anerkennung von Intersexualität betreffe. „Da müsste schon ganz früh in der Kindheit angesetzt werden. Von klein auf werden die meisten Kinder in eine der beiden vorgegebenen Geschlechterrollen gedrängt. Es gibt eigenes Spielzeug oder Süßigkeiten ‚nur‘ für Mädchen beziehungsweise ‚nur‘ für Buben. Wie soll so die Toleranz für beispielsweise spätere Operationen wachsen? Da müsste sich so viel im Denken verändern und ich hoffe, die Gesellschaft entwickelt sich in die richtige Richtung.“

Erfolgserlebnisse. Natürlich gebe es beim Aktivismus auch immer wieder schöne Erlebnisse: Treffen mit Gleichgesinnten, gemeinschaftliche Aktionen und andere Erfolgserlebnisse. Die Frage sei nur, was man als solchen „Erfolg“ verbuche. Fokussiere man sich rein auf Umsetzungen auf der politischen Ebene und blende alles andere aus, stoße man dementsprechend schnell an die eigenen Grenzen, meint Alexandra. „Wenn man aber versucht, Menschen andere Lebensrealitäten näherzubringen, die sie davor nicht kannten, oder es vielleicht sogar schafft, sie von etwas Wichtigem zu überzeugen, ist das für mich der größte Erfolg, den ich auch direkt beobachten kann. Und wenn ich mich auf solche Erlebnisse konzentriere, kommt auch nicht so schnell Frustration auf.“