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People | 07.05.2020

„Frauenpolitik ist Wirtschaftspolitik“

Die Bundesministerin für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort, Margarete Schramböck, will dafür sorgen, das Potenzial der Frauen für die heimische Wirtschaft zu nutzen. Ein Equal-Pay-Siegel für Unternehmen soll mehr Bewusstsein schaffen.

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Dr. Margarete Schramböck, Bundesministerin für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort. © BMDW/Christian Lend

Österreich zählt zu den EU-Ländern mit den größten Lohnunterschieden zwischen Frauen und Männern. Darum hat Schramböck das Equal-Pay-Siegel „equalitA“ ins Leben gerufen, das vorbildliche Unternehmen auszeichnet. Wir sprachen mit ihr über Frauenförderung, die Vorteile für Gründerinnnen und darüber, wie man junge Mädchen für technische Berufe begeistern kann.

STEIRERIN: Wie kommt es, dass Österreich in der Gleichstellung  (vor allem in der Bezahlung) so weit hinterherhinkt?
Margarete Schramböck: Gender­stereotype, die Mädchen und Frauen als technikfern darstellen, prägen leider die frühkindliche Entwicklung. Mädchen werden zu wenig oft zu Ausbildungen im MINT-Bereich ermutigt und entscheiden sich daher nicht ausreichend für MINT-Berufe, die besser bezahlt sind, sondern für traditionell geprägte Berufe im sozialen, pädagogischen oder im „typisch weiblichen“ Dienstleistungssektor. Vor allem im MINT-Bereich ist es daher notwendig, Frauen berufliche Perspektiven in Zukunftsberufen aufzuzeigen und Maßnahmen zu ergreifen.

Was können Gütesiegel wie „equalitA“ bewirken – für die Frauen, für die Firmen und für den Wirtschaftsstandort?
Frauenpolitik ist Wirtschaftspolitik. Mit „equalitA“, dem Gütesiegel für innerbetriebliche Frauenförderung, sollen Unternehmen ausgezeichnet werden, die aktiv an der Gleichstellung von Frauen und Männern arbeiten oder besonders gleichstellungsorientiert agieren. Diese Unternehmen übernehmen eine Vorbildfunktion und gleichzeitig wird durch den verstärkten Einsatz gut ausgebildeter Frauen dem Fachkräftemangel entgegengewirkt. Das Gütesiegel zielt darauf ab, die Vorteile der Frauenförderung in Betrieben aufzuzeigen. Wir stärken damit die Attraktivität unseres Wirtschaftsstandortes und das Image der heimischen Unternehmen in Bezug auf Arbeitgeber­attraktivität sowie Wettbewerbsfähigkeit nach innen und nach außen. Dies führt wiederum zu positiven Effekten für das Wirtschaftswachstum und auf dem Arbeitsmarkt.

Mit wie vielen Einreichungen rechnen Sie?
Viele Betriebe setzen sich schon intensiv mit dem Thema innerbetriebliche Frauenförderung auseinander und arbeiten aktiv auch in Richtung „Employer Branding“. Im ersten Jahr rechnen wir mit ein paar hundert Einreichungen.

Welche weiteren Maßnahmen wollen Sie in diesem Bereich setzen?
Eine ständige Weiterentwicklung und regelmäßige Evaluierung soll die Wirksamkeit des Gütesiegels überprüfen und den Erfolg messen. Weitere Schritte sind Partnerschaften und der Aufbau eines Netzwerkes sowie die Verleihung im Rahmen einer Gala im Herbst 2020 rund um den Equal Pay Day.

Waren Sie selbst oder eine Frau in Ihrem Umfeld schon einmal von Diskriminierung/Ungleichbehandlung betroffen? Wenn ja: Wie haben Sie reagiert?
Ich habe meine Karriere in der IT-Branche gestartet, die damals eine sehr männlich dominierte Branche war. Als weibliche Führungskraft in einer Männerdomäne ist man oft mit Vorurteilen konfrontiert. Ich habe es mir damals zum Ziel gesetzt, mein Können unter Beweis zu stellen. Als Führungskraft war es mir besonders wichtig, jegliche Form von Ungleichbehandlung oder Diskriminierung zu unterbinden.

Können wir Frauen aktiv etwas tun oder ist diese Ungleichbehandlung ein strukturelles Problem, das von der Politik gelöst werden muss?
Beides. Gesellschaftliche Barrieren müssen abgebaut werden und von politischer Seite sind Maßnahmen zu setzen, um die strukturelle Frauenförderung zu verankern.

Stichwort MINT – wie kann es gelingen, Frauen für technische Berufe zu begeistern?
Vor allem im MINT-Bereich ist es notwendig, Frauen innerbetrieblich zu fördern und den Frauenanteil in Führungspositionen zu erhöhen. Hier müssen wir ansetzen, um zum einen den Gender­gap zu schließen – mit Maßnahmen wie „equalitA“ – oder aber auch Stereotypen aufzubrechen. Es ist daher wichtig, Anreize zu setzen, um zu zeigen, was Frauen erreichen können. Filme spielen in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle, da die Figur im Film oft als Vorbild angesehen wird. Mit unserem Drehbuchwettbewerb „Heldinnen in Serie“ schlagen wir gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. „Heldinnen in Serie“ ist ein Wettbewerb, der sich speziell auf diese Serienformate konzentriert und somit der erste Drehbuchwettbewerb dieser Art in Österreich ist. Mit dieser Initiative soll die Darstellung von Frauenfiguren qualitativ verbessert, die Positionierung von Frauen in der Branche gestärkt und gleichzeitig ein Impuls für die Entwicklung von Serien in Österreich geschaffen werden. Das Besondere bei unserem Wettbewerb ist die Vorgabe einer zentralen weiblichen Hauptfigur aus Wirtschaft, Wissenschaft und Technik. Kick-off war am 18. November 2019. Bis 18. Februar wurden 108 Exposés eingereicht, aus denen sechs Preisträgerinnen und Preisträger ausgewählt werden. Diese werden anschließend mit einem Mentoring begleitet und im Herbst soll ein großer Pitch-Event stattfinden. Die Maßnahme passt zu den Vorhaben des Regierungsprogramms rund um das Thema „Gleichstellung von Frauen am Arbeitsmarkt“ und soll zum Aufbrechen von althergebrachten Rollenbildern beitragen.

Warum sollen Frauen gründen?
Der Zuwachs an Frauen in der Start-up-Landschaft (der Anteil der Gründe­rinnen ist im Vergleich zum Vorjahr von 12 auf 18 Prozent gestiegen, Quelle: Austrian Start-up Monitor 2019) ist ein Zeichen der langsamen Emanzipation in einem vormals männerdominierten Bereich. Frauen sind neugierig, engagiert, motiviert, kreativ, aufgaben- und lösungsorientiert. Sie haben Freude am Gestalten und Handeln. Selbstständigkeit schafft (Spiel-)Räume für Selbstbestimmtheit und Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Und die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen für Start-ups sind heute in jedem Fall attraktiver als noch vor ein paar Jahren.

Was unterscheidet weibliche und männliche Start-ups?
Traditionelle Rollenbilder werden zunehmend aufgebrochen, sodass für viele vor allem junge Frauen die Selbstständigkeit eine Alternative geworden ist. Leider hinkt das Interesse an einer technischen Ausbildung bei Frauen jenem von Männern noch hinterher. Denn viele von Männern gegründete und geleitete Start-ups beruhen eher auf technischen Ideen. Gründerinnen hingegen wählen lieber Bereiche wie Kunst, Kultur, Medien, Beratung oder Kreativwirtschaft. Den Schritt in die Selbstständigkeit wählen Frauen später und nur dann, wenn sie das Gefühl haben, dass sie zu mindestens 100 Prozent kompetent und von einem guten Netzwerk umgeben sind. Männliche Gründer hingegen treten vielleicht etwas selbstbewusster auf, sind vielleicht etwas risikobereiter, erkennen vielleicht etwas schneller mögliche Chancen und bekommen dadurch leichter Unterstützung.

Welche Akzente wollen Sie für weibliche Gründer setzen?
Ein wichtiger Grundstein für den Aufbau und Erfolg von Start-ups ist die Sicherstellung der Finanzierung. Dafür machen die Austria Wirtschaftsservice GmbH (aws) und die Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) Angebote an Gründerinnen und Gründer. Mit aws-First wollen wir besonders junge gründungswillige Menschen ansprechen und durch die Kategorie „Frauen“ beim Gründerpreis Phönix setzen wir ein Signal an Gründerinnen und Frauen, die sowohl gerne in Start-ups mitarbeiten wollen als auch selbst gründungswillig sind. Zusätzlich unterstützen wir ein „Female Inkubatorenkonzept (Female Founders)“, um Gründerinnen zu erreichen und zu unterstützen.

Welche Chancen kann die Digitalisierung für Frauen bieten?
Herausforderungen bieten Frauen eine gute Möglichkeit, sichtbar zu werden, wenn sie sich diesen stellen. Die Digitalisierung bietet hier enormes Potenzial. Es ist mir ein großes Anliegen, mehr Mädchen für technische Berufe zu begeistern. Es gibt viel zu lernen. Die Technik bietet so viele coole Berufe! Gerade in männerdominierten Branchen spielt die Lehre eine große Rolle und Männer wählen auch deutlich häufiger diesen Ausbildungsweg. Der Frauenanteil unter den Lehrlingen liegt bei rund einem Drittel. Die geringsten Anteile an weiblichen Lehrlingen finden sich u. a. in Lehrberufen im Bereich IT. Hier zeigt die Entwicklung, dass die geschlechtsspezifische Segregation am Lehrstellenmarkt zwar fortbesteht, aber Frauen langsam in männliche Domänen vordringen.

Was wünschen Sie sich für die Frauen in Österreich?
Frauen stellen ein großes wirtschaftliches Potenzial dar, das bisher leider nicht ausreichend genutzt wurde. Ich wünsche mir, dass wir ein stärkeres Bewusstsein dafür schaffen und die Gleichstellung umsetzen, was auch die Schließung des Gender-Pay-Gaps beinhaltet.