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People | 08.03.2020

Zukunft braucht Herkunft

75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und rechtzeitig zum 60-Jahr-Jubiläum der Ludwig Boltzmann Gesellschaft macht Barbara Stelzl-Marx (auch) Grazer Geschichte greifbar.

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© Prontolux

Diese Frau schreibt Geschichte – und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Barbara Stelzl-Marx ist Leiterin des Ludwig Boltzmann Instituts für Kriegsfolgenforschung in Graz, Professorin für Europäische Zeitgeschichte an der Karl-Franzens-Universität und Wissenschaftlerin des Jahres. Nicht nur deshalb ist 2020 für sie ein ganz besonderes Jahr, wie sie im Gespräch mit der STEIRERIN verrät: „Vor genau 60 Jahren wurde die Ludwig Boltzmann Gesellschaft in Österreich gegründet, 75 Jahre ist es her, dass der Zweite Weltkrieg zu Ende ging – Letzteres ist Grund genug, in Graz dafür zu sorgen, dass diese schreckliche Zeit nie vergessen wird.“ Denn auch in Graz hat die NS-Zeit Spuren hinterlassen – die allerdings lange Zeit nicht sichtbar waren. Das ehemalige Lager Liebenau wurde erst kürzlich bei Grabungsarbeiten für das Murkraftwerk zum Teil freigelegt. Eine Ausstellung im Graz Museum  zeigte die Schrecken des NS-Zwangsarbeiterlagers. Im Jubiläumsjahr widmet sich nun in der Oper Graz das Werk „Die Passagierin“ der Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit, am 26. April nimmt Stelzl-Marx nach der Vorstellung an einer Gesprächsrunde mit dem Titel „Wenn das Echo ihrer Stimmen verhallt“ teil. Und am 27. April wird am Areal des ehemaligen Lagers feierlich eine Erinnerungstafel enthüllt. 

 

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© Prontolux

Niemals vergessen. Denn genau darum geht es in ihrer Arbeit: „Mir ist es ein großes Anliegen, diese gesellschaftspolitisch höchst relevanten Themen an die Öffentlichkeit zu bringen – denn Zukunft braucht Herkunft.“ In ihrer Forschung beschäftigt sich die Mutter eines Sohnes im Volksschulalter speziell mit der sow-jetischen Besatzung und den Folgen für die Bevölkerung. „Es ist unglaublich, wie stark sich die Weltpolitik in der Biografie des Einzelnen widerspiegelt.“ Sie hat sich auf Spurensuche gemacht und das Leben von Besatzungskindern erforscht. „Früher wurde nicht darüber geredet, dass man das Kind eines Besatzungssoldaten war. Aber vieles, was auf den ersten Blick unsichtbar ist, ist subkutan eingebrannt“, meint die Forscherin. Was sie besonders freut: „Aufgrund unserer Forschung haben viele dieser Besatzungskinder erfahren, dass sie nicht alleine sind mit ihrem Schicksal. Mittlerweile gibt es Netzwerktreffen, man redet über die Lebensgeschichte und unterstützt sich.“ Dies sei wohl der schönste Lohn.

Frauen in die Forschung. Die Auszeichnung als Wissenschaftlerin des Jahres hat für Stelzl-Marx eine besondere Bedeutung: „Es ist natürlich eine große Freude und Ehre, einen solchen Preis zu bekommen. Und es macht meine Arbeit als Frau in der Wissenschaft sichtbarer.“ In der Forschercommunity hat sie sich immer gut aufgehoben und gefördert gefühlt und sie will auch jungen Frauen Mut machen: „Man sollte das studieren, was einen wirklich interessiert, mutig und engagiert sein – das sind Erfolgsfaktoren.“ Sie selbst hat Englisch, Russisch und Geschichte studiert; auf ihr Forschungsgebiet ist sie eher zufällig gestoßen. 1991 war sie just in der Zeit für einen Sprachaufenthalt in Moskau, als der Putsch gegen Gorbatschow stattfand. „Das hat mich geprägt.“

Das nächste Projekt steht übrigens auch schon fest: Sie will „Lebensborn“ erforschen, einen Verein, der in der NS-Zeit gegründet wurde, um die Geburtenziffer „arischer“ Kinder zu erhöhen.


Ludwig Boltzmann Gesellschaft

Jubiläum. Die Ludwig Boltzmann Gesellschaft wurde 1960 gegründet. Als außeruniversitäre Forschungseinrichtung widmet sie sich den Schwerpunkten Medizin, Life-sciences sowie Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften. In ganz Österreich gibt es 21 Institute, Barbara Stelzl-Marx ist seit 2019 Leiterin des Grazer Instituts für Kriegsfolgenforschung und ist in dieser Position Stefan Karner nachgefolgt. Das Institut führt unter anderem eine Datenbank mit 130.000 Einträgen zu österreichischen Kriegsgefangenen in der UDSSR und ist gern bei der Erforschung des Schicksals von Verwandten behilflich. Anlässlich des runden Jubiläums findet am 16. März im Museum für angewandte Kunst in Wien ein Festakt statt. www.bik.ac.at