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People | 04.04.2019

Aufstehen für #fridaysforfuture

Den Mund aufmachen, für Überzeugungen einstehen, lautstark protestieren: Marlene Seidel und Lena Stuhlpfarrer organisieren die Klimastreiks von Schülern in Graz.

Sie haben sich an Greta Thunberg ein Beispiel genommen: Die 16-jährige Schwedin demonstriert seit mehreren Monaten jeden Freitag vor dem schwedischen Parlament und konnte beim weltweiten Klimastreik am 15. März bereits 1,4 Millionen Menschen an 2.083 Orten in 125 Ländern dazu bewegen, für bessere Maßnahmen gegen die Erderwärmung auf die Straße zu gehen.  Seit Februar ist auch Graz zum Schauplatz der Klimastreiks #fridaysforfuture geworden, initiiert von den Schülerinnen Marlene Seidel und Lena Stuhlpfarrer sowie Jakob Prettenthaler.

Marlene Seidel hatte spontan einen Social-Media-Aufruf gestartet und sofort Mitstreiter gefunden, die bereits selbst aktiv werden wollten. Die Resonanz im größeren Rahmen war schnell da: „Es war aber durchaus überraschend für uns, dass viele nicht nur kommen, sondern auch mithelfen und Aufgaben übernehmen wollten“, erzählen Seidel und Stuhlpfarrer. Für die erste Grazer Demo Mitte Februar konnten 1.500 junge Menschen mobilisiert werden.

 

Wir müssen einfach auf die Straße gehen,
damit man uns überhaupt wahr- und ernst nimmt.

Marlene Seidel

 

Antrieb. Was treibt die jungen Aktivistinnen überhaupt an? „Für mich ist es eine Mischung aus Zivilcourage und Egoismus, denn ich will weiterhin in einer lebenswerten Welt leben“, sagt Stuhlpfarrer. „Wir können einfach nicht  länger warten, wir müssen jetzt klar sagen, was Sache ist“, betont Seidel. Auch wenn Organisationen diese neue Plattform zu nutzen versuchen, sollen die Demos kein Schauplatz für Parteipolitik sein. Seidel und Stuhlpfarrer liegt es an der Geschlossenheit: „Der Klimawandel betrifft und bedroht uns alle. Nur bei wenigen Dingen steht das derart außer Frage wie hier. Das Thema verbindet alle, egal in welche Schule man geht, ob man Mädel oder Bursche ist oder welche politische Einstellung man hat.“ Zum Engagement zählt auch die Organisation von regelmäßigen Vernetzungstreffen im größeren Rahmen, der dritte Demo-Termin in Graz ist der 5. April.

Bei ihren Lehrern finden die Schüler Unterstützung. Auch wenn dafür Schulstunden geschwänzt werden? „Wir haben die Demos bislang nur ein Mal im Monat sowie zu Mittag und am Abend angesetzt, wollen aber auch den Vormittag nutzen, das erhöht unbestritten die Aufmerksamkeit im Dienst der Sache. Nur so wird man wahr- und ernstgenommen. Es braucht manchmal zivilen Ungehorsam“, sagt Seidel. Über 23.000 namhafte  Wissenschaftler aus Österreich, Deutschland und der Schweiz haben sich übrigens bereits mit der Scientists4Future-Intitiative hinter die globale Klimastreik-Bewegung der Schülerinnen und Schüler gestellt, „sie versorgen uns auch mit Fakten“. Gerade die positive Resonanz, die Anerkennung ihres Engagements und die Ermunterung bestärken die Organisatorinnen in ihrem Tun, „es erfordert dadurch gar nicht so großen Mut, auf die Straße zu gehen“.

Einsatz. Eine Grundhaltung ist es dennoch für beide. „Ich finde es, ist total wichtig, auch laut zu werden, wenn man in der Gesellschaft Probleme sieht. Das ist beim Klimawandel genauso wie bei der Gleichstellung von Frau und Mann, daher war ich auch bei der Demo am internationalen Frauentag mit dabei“, sagt Lena Stuhlpfarrer. 

„Man muss darüber sprechen, für Dinge einstehen und sich nicht immer so runterreden lassen“, schlägt auch Seidel, die ebenso Demo-Erfahrung  hat, in die gleiche Kerbe, „viele Jugendliche denken, sie hätten keine Stimme und es ändert sich nichts, egal, was sie tun. Aber gerade durch die FridaysforFuture-Bewegung sieht man, wie groß diese Stimme werden kann.“ Entsprechendes Engagement erfährt ihrer Ansicht nach zunehmend Akzeptanz, ja wird geradezu zum Trend in ihrer Altersklasse, „in anderen Generationen gilt dagegen vielmehr die Einstellung, dass man sich nicht zu viel einmischen soll, weil man sich damit lächerlich macht“. Überzeugungsarbeit leisten wollen die Organisatorinnen daher allen Altersgruppen gegenüber, um sie für ihr Anliegen zu gewinnen.

Was erwartet man sich von dieser Art des Protests? „Wir wollen ein Zeichen setzen, Jugendliche und Erwachsene für das Thema sensibilisieren und erreichen, dass die Politik bald reagiert. Wir sind leider nicht die, die hier etwa zu sagen haben, wir sprechen es aber aus, was andere mit Geld erreichen können, wir wollen Einfluss nehmen“, geben sich Seidel und Stuhlpfarrer kämpferisch, „auch regional gibt es genug Verbesserungspotenzial.“ Das reiche von der Einhaltung des Pariser Klimaabkommens über die Forderung, einen  Klimanotstand in Österreich auszurufen und mehr Klimabildung in Schulen zu installieren, bis hin zu nachhaltiger Mobilität und strengeren Richtlinien für Unternehmen.

Ist Mut gleich Mut für die beiden? Greifen sie auch ein, wenn nicht kollektive Zivilcourage, sondern der Einzelne mit seinem spontanen Tun gefordert ist? „Man spürt schon eine Verantwortung, den Mund aufzumachen, beispielsweise wenn eine Freundin belästigt wird. Es ist aber umso leichter, über den eigenen Schatten zu springen, je mehr positives Feedback man direkt bekommt, das bestärkt und man fühlt gleich, dass man etwas richtig macht.“