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People | 02.04.2019

Ein neues Lebensgefühl

Weltweit ist kein ähnlich dimensionierter Fall dokumentiert: Verena Geier wurde eine riesige Zystenleber entfernt und durch ein neues Organ ersetzt. Ein Gespräch über gestern, heute und morgen.

Für gewöhnlich hat eine menschliche Leber ein Gewicht von 800 bis 1.200 Gramm. Bei Verena Geier war sie 17,5 Kilo schwer. Der Grund: Sie war von unzähligen Zysten durchsetzt. In einer beispiellosen Operation wurde der Vorauerin im vorigen Sommer auf der LKH-Universitätsklinikum Graz das komplette Organ entfernt und durch ein neues ersetzt. Danach war die 34-Jährige nicht nur um 40 Kilo leichter, sie gewann auch nach den ersten schwierigen Wochen, in denen der Kreislauf ihr schwer zu schaffen machte und die massiven Wasseransammlungen immer wiederkehrten, ein hohes Maß an Lebensqualität zurück.

Das Anziehen von Socken, Stiegensteigen, Spazierengehen, Autofahren – all das war vor der OP in Kombination mit Atemnot und starken Rückenschmerzen zu einem höchst belastenden Unterfangen geworden. Heute erfreut sie sich an der wiedergewonnenen Beweglichkeit, ist in ihren Job in der Personalverrechnung ins Stift Vorau zurückgekehrt und plant mit ihrem Lebensgefährten Markus Reithofer die ersten kleinen Reisen nach der Transplantation.

Kennengelernt haben sich die beiden vor rund eineinhalb Jahren, da hatte der Bauchumfang von Verena Geier schon drastische Maße erreicht. Für Markus Reithofer war das dennoch alles vorerst kein Thema, „ich habe mir gedacht, sie wird es mir schon erklären, wenn der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist“, sagt er. Genau davor, die ganze Geschichte zu erzählen, hatte sich die 34-Jährige allerdings gefürchtet, die Sorge erwies sich allerdings als vollkommen unbegründet. Markus Reithofer stand die heftigste Zeit mit ihr gemeinsam durch. Viel Rückhalt bekam sie auch durch ihre Familie, darüber hinaus fand sie an ihrem Arbeitsplatz große Unterstützung.

Ihren Anfang genommen hat die Erkrankung im Jahr 2005. Damals hatte Verena Geier abwechselnd einen Tag Fieber und einen Tag nicht. Bei einer genaueren Untersuchung auf Rat des Hausarztes entdeckte man dann im Ultraschall die mit Flüssigkeit gefüllten Hohlräume. „Bei der  Zystenleber handelt es sich um eine angeborene und meist gutartige Erkrankung“, erklärt Daniela Kniepeiss von der Klinischen Abteilung für Transplantations­chirurgie. Abwarten lautete die Empfehlung, bei derartigen Erkrankungen ist das eine gängige Vorgehensweise. Im Rahmen einer Studie erhielt Verena Geier dann 2011 eineinhalb Jahre lang ein spezielles Medikament, das die Zysten verkleinern beziehungsweise verschwinden lassen sollte. Allerdings ohne Erfolg.

 

Ich hatte lange Zeit mehr Angst
vor der OP als Freude auf die

Zeit danach. Heute weiß ich, dass
es die richtige Entscheidung war.

Verena Geier

 

Damals kam auch erstmals die Möglichkeit einer Transplantation zur Sprache, für Verena Geier war das damals absolut keine Option. „Ich hatte viel zu viel Angst davor, dass es mir danach schlechter gehen könnte. Ich konnte ja alles machen, ob Wandern oder Schifahren.“ Den immer größer werdenden Bauch hat sie lange kaschiert und vehement verdrängt. Als sie jedoch immer mehr Menschen auf eine vermutete Schwangerschaft ansprachen, „ist für mich wirklich eine Welt zusammengebrochen“, erinnert sie sich. Sie musste sich ständig Fremden erklären, „am Ende habe ich gar nicht mehr auf die vielen Fragen reagiert“. Im Jahr 2018 wurde eine etwaige Transplantation dann wieder  zum Thema. Im Gespräch mit Peter Schemmer, dem Leiter der Allgemein-, Viszeral- und Transplantations-
chirurgie auf dem LKH-Universitätsklinikum, entschied sie sich spontan dafür.  

Es folgte eine Zeit des angespannten Wartens, das dritte Spenderorgan erwies sich als ein für sie passendes. Am 23. August 2018 begann dann mit der Operation eine neue Zeitrechnung. Über den Spender oder die Spenderin möchte sie lieber nichts wissen, „weil ich nicht weiß, ob ich mit diesen Informationen umgehen kann“. 39 Transplantationen dieser Art wurden an der Klinischen Abteilung für Transplantations­chirurgie im Vorjahr durchgeführt, diese war dennoch einzigartig, „weltweit ist nichts in dieser Dimension dokumentiert“, spricht Schemmer die Größenordnung der Zystenleber an, die dem Gewicht eines fünfjährigen Kindes entsprach. Ein Leben lang muss Verena Geier nun Immunsuppressiva nehmen, um eine Abstoßreaktion zu verhindern. Sie darf kein rohes Fleisch und keine rohen Eier essen und sollte große Menschenansammlungen eher meiden, um Infektionen vorzubeugen, „das sind für mich aber nur kleine Einschränkungen im Alltag“.

Stattdessen erfreut sie sich an vielen kleinen Dingen: dass die ersten kleinen Wanderungen bereits absolviert sind, zwischen Lenkrad und Bauch auf Autofahrten wieder ganz viel Platz ist, dass sie Mode nach persönlichem Geschmack auswählen kann. Vor der OP hatte sie auf Schnürschuhe verzichtet, weil sie diese selbst nur mehr mühsam zubinden konnte, und sich lange Zeit mit größeren Kleidungsstücken beholfen, „aber selbst das war am Ende schon sehr schwierig, ich habe das Einkaufen gehasst“.

Eventuell braucht sie in ihrem Leben irgendwann einmal eine zweite Spenderleber. Aber selbst diesem Gedanken steht Verena Geier nun viel gelassener gegenüber. „Ich freue mich einfach auf alles, was jetzt noch kommt. Die Dimension der Operation ist mir eigentlich erst durch das mediale Echo so richtig bewusst geworden.“

Verena Geier

Bei der 34-jährigen Vorauerin wurden 2005 nach unerklärlichen Fieberschüben Zysten auf der Leber entdeckt. Sie wuchsen im Laufe der Jahre zu einem beträchtlichen Ausmaß an. Im August 2018 erhielt Verena Geier eine Spenderleber. Im LKH-Universitätsklinikum Graz wurden im Vorjahr 39 Lebertransplantationen durch­geführt.