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People | 30.03.2019

And the wheel keeps turning

Sie fällt auch ohne ihr rotes Retro-Stadtrad mit Blumenschmuck auf: Daniela Andersen, die als DJ Mama Feelgood Soul und Beat ins Leben bringt und bei unserem Radl-Talk über ihre Musik-Kindheit plaudert.

Mit Mama Feelgood zu plaudern ist wie eine musikalische Zeitreise. Und was gibt es ein paar Tage vor dem eigenen Fünfziger Schöneres, als die musikalische Jugend der 1980er noch einmal hochleben zu lassen? Treffpunkt mit Daniela Andersen aka Mama Feelgood für unser „Die Steirerin radelt“-Interview ist am Lendmarkt, sie tritt mit ihrem in die Jahre gekommenen roten 3-Gang-Rad, Marke Herkules, daher, der Korb am Gepäckträger ist mit Plastikblumen geschmückt, die um Weihnachten einer diesem Anlass angepassten Dekoration weichen müssen. Bekannt ist die Stadt-Radlerin Andersen als Disc-­Jockey, sie hat mit ihrem Ehemann Colin rund 10.000 Platten und sorgt bei ihren sonntäglichen Flohmarktbesuchen für eine stetige Erweiterung der Sammlung. Die Musik ihrer Kindheit prägt sie noch heute. „Auch wenn du zum Jazzfreak wirst: Wenn du mit 16 David Bowie gehört hast, wirst du mit 50 nicht Bowie hören.“

Ihre Kindheit in den 1970ern verbrachte Andersen wie so viele andere bei der Oma, die stets anderes wollte als das Enkerl, und ganz besonders nicht deren aufmüpfige Musik. Mit Buben durfte sie nicht spielen, sie musste schön sprechen, musikmäßig war für die Oma Bill Haley noch in Ordnung, Marianne Mendt schon zu ordinär. Ihre erste „Bravo“ kauft Andersen entgegen großmütterlichen Protests mit zwölf, Suzy Quatro war auf dem Titelbild, die Headline lautete „Warum ich Lenny liebe“. Die Großmutter quittierte das nur mit einem „Und das ist schön?“. In ihrem Zimmer hingen Posters von John Travolta, Sweet und den Teens, der ersten richtigen Boygroup, noch lange vor Take That. Den „Stoff“, ihre Musik, besorgte ihr zunächst die Mutter, die im Plattenladen „Melodie“ am Jakominiplatz arbeitete und dort durchsetzte, dass auch englischsprachige Musik geführt wird, die Beatles, Stones, einfach „Wilderes“. Daheim lief Dauerbeschallung über das Radio, Kassette, Andersens erste eigene Single war „Pretty Belinda“ von Chris Andrews. Die Samstagnachmittage ihrer Kindheit verbrachte Andersen am liebsten vor dem Fernseher, wenn Musikfilme liefen: Caterina Valente, die sie heue noch mag, oder „Conny und Peter machen Musik“.

In den 1980er-Jahren wurde die Musik rauer und die Bezugsquellen gefinkelter. Lange vor Streamingzeiten bedeutete das, mit der Straßenbahn von der Triestersiedlung zum Bahnhof zu fahren, nur dort gab es das Musikmagazin „Spex“. Das musste studiert und die vorgestellte Musik „gecheckt“ werden. Mit viel Glück hatten lokale Plattenläden die Ware, sonst wurde am Jakominiplatz getauscht, was ging. Die „Bulme-Burschen“ hatten Foreigner oder Springsteen auf Kassette, „die vom Kepler“ standen auf Punk, New Wave, auf die Sex Pistols und The Clash. Cool war, wer mit Schallplatte unter dem Arm zur Schule kam. Die Achtziger waren für Andersen prägend, die erste Schmuserei, die ersten Joints. Damit hat sie heute nichts mehr am Hut, die Musik ist geblieben. Und Erinnerungen an die damalige Zeit: „In den Achtzigern haben sich die Leute einfach weniger ,g’schissen‘ und es gab mehr Vielfalt, sie wollten nicht alle gleich ausschauen, wie es heute der Fall ist.“

 

In den Achtzigern haben sich die Leute
einfach weniger ‚g’schissen‘ als heute.

Daniela Andersen

 

Andersens Alltag als Teenager und Twen wurde rund um die Konzerte organisiert, die in der Umgebung und darüber hinaus stattfanden. Das war „Social Media“ der 1980er und man musste hin, egal, ob die Musik gefiel oder nicht. Sorgen machte sich die Mutter über die Anreise, Autostoppen war verboten, dennoch setzte sich Andersen mit einer Freundin in fremde Autos und brauchte einmal wegen des vielen Umsteigens sechs Stunden nach Wien, um nach einem illegalen Zaunübertritt bei strömendem Regen Nina Hagen zu sehen. Das Konzert ihres Lebens fand 1986 in Linz statt, als die verrückte Psychobilly-Rockband King Kurt – auf der Bühne wurde mit Nudeln, Mehl und Eiern herumgeworfen – gastierte. Im Merchandising war ein aparter Waliser, mit dem Andersen eine Nacht verbracht hatte und den sie 20 Jahre später über Facebook wiederfand, nachdem er zuvor erfolglos in Telefonbüchern recherchiert hatte. Mittlerweile ist „Mr. Farmer“ ihr Mann, wohnt in Graz und legt mit Andersen oft gemeinsam auf, zuletzt im Vorjahr, genau in dem Club, in dem sich die beiden kennengelernt hatten.

Ihr DJ-Name stammt aus einer Zeit, als sie Bands betreute, die in Graz auftraten. In ihrem Auto lief Musik, die sie so hörte, und die bei den Mitfahrenden in der Regel gut ankam. „You are my Mama Feelgood“, sagte einmal ein Musiker zu ihr. Und als 2012 die FM4-DJs Functionist und Beware in Graz auftraten, fragten sie Andersen, ob sie nicht den Support bestreiten wolle. Begeistert war sie anfangs nicht, doch weil die DJs alles Technische für sie organisierten, sagte sie zu. Weil DJ Elli nicht gut klang, nannte sie sich einfach Mama Feelgood, zum Alter passend und zudem sei das schließlich „eine gute Nummer“ von James Brown.

Heute geht es die 52-Jährige gemütlicher an. Am Sonntag gibt es im Hause Andersen-Farmer Sunday Roast, also Braten, er legt auf, sie kocht. Coole Sounds, ohne Stress. Einfach nur chillig.

Mama Feelgoods Radl-Songs:
Melanie – Brand New Key
Kraftwerk – Tour de France
Queen – Bicycle Race

AK Radbörse
29.3., 10 – 20 Uhr
30.3., 10 – 17 Uhr

Mama Feelgood und Mr. Farmer
legen am 29.3. dort auf!

Grazer Messe, Messehalle A