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People | 12.04.2018

„Wir leben den Moment ganz bewusst“

Der zweite Frühling: Huberta Gabalier und Gert Rücker haben nach schmerzvollen Erfahrungen zueinander gefunden. Ein Gespräch über das Glück später Liebe, Achtsamkeit und ein stetes Augenzwinkern.

Einander kennengelernt haben sich die beiden vor rund zehn Jahren beim sonntäglichen Kaffee in der Pfarre Hohenrain, in der sie regelmäßig aktiv sind. Nach dem Selbstmord ihres Mannes und ihrer Tochter fand Huberta Gabalier in Gert Rücker einen wertvollen Gesprächspartner, um ihre Trauer zu verarbeiten. Auch er hat Verlust erlebt. Seine Frau verstarb nach kurzer, schwerer Krankheit. Die Freundschaft reifte zur Liebesbeziehung, seit zwei Jahren sind sie nun Eheleute und können ihr Glück kaum fassen. Die ausgebildete Lehrerin und Autorin – Mutter von Andreas, Willi und Toni Gabalier – und der Unternehmer erzählten uns vom Geheimnis ihrer Liebe.

STEIRERIN: Wann haben Sie erkannt, dass Sie bereit und offen für eine neue Beziehung sind?
Huberta Gabalier: Das hat lange gedauert, ich war sehr verletzt. In einem gewissen Alter überlegt man, ob man sich noch einmal auf jemanden einlässt. Man ist vorsichtig, hat Ängste und ist nicht mehr so kompromissbereit. Das ist aber auch gut so, die Beziehung kann dann langsam wachsen. Ich war neun Jahre lang allein.
Gert Rücker: Bei mir war es die Erkenntnis, dass ich nicht mehr alleine sein möchte. Man weiß ja, dass das Leben auch ohne Partner funktioniert, man hat seine Arbeit, seine Familie, seinen Freundeskreis. Es war eine tiefe Sehnsucht nach jemandem da, kann ich rückblickend sagen. Dann beginnt es allerdings für uns Männer, ein wenig schwierig zu werden. Man lässt sich so gerne alle Optionen offen. Aber ich bin über meinen Schatten gesprungen …

… und haben ein Date organisiert?
Rücker: Ich habe den wunderbaren Menschen, mit dem ich in der Pfarre über so viele wichtige Fragen des Lebens – Liebe, Tod, Glaube, Angst, Verlust – gesprochen habe, zu mir zum Essen eingeladen. Da war es nicht mehr aufzuhalten.
Gabalier: Wir haben über Wochen keinen passenden Termin gefunden. Ich gebe zu, ich war auch neugierig, wo und wie er wohnt. Er hatte den Tisch ganz liebevoll gedeckt, wir hatten ein schönes Gespräch. Ich habe gespürt, dass es anfing, anders zu werden.
Rücker: Ich habe meine Hand ausgestreckt und Huberta hat ihre Hand Gott sei Dank in meine gelegt.
Gabalier: Es war alles behutsam. Das hatte so einen Zauber. Manchmal denke ich mir, viele junge Menschen können das gar nicht so prickelnd und intensiv erleben. Es ist schöner, wenn man es vorsichtig angeht. Inzwischen sind wir das zweite Jahr verheiratet. Wir haben uns im Mai 2016 – an dem einzigen Wochenende, an dem meine drei Söhne und Gerts Sohn gemeinsam Zeit hatten – in unserer Pfarre in der Ruperti-Kirche das Jawort gegeben.

 

Wie lange haben Sie Ihre Liebe eigentlich für sich behalten am Anfang, wie haben Ihre Kinder darauf reagiert?
Rücker: Wir sind in einem Alter, da ist alles recht zackig gegangen (lacht). Wir wollen keine Zeit verschenken.
Gabalier: Die Kinder haben sehr positiv reagiert. Wir dürfen zusätzliches Glück erfahren, dass sich alle so gut verstehen. Es würde mich wahnsinnig stören, wenn meine Kinder Gert nicht annehmen würden.
Rücker: Dann würde es auch nicht funktionieren.
Gabalier: Der Heiratsantrag ist auch relativ bald gekommen, da habe ich schon geschluckt. Eigentlich wollte ich nicht mehr heiraten. Gert hat gesagt: Du musst nicht gleich antworten, aber ich frage dich bald wieder (lacht).

Vor dem Hintergrund Ihrer Lebenserfahrung – fühlt sich diese Beziehung anders an?
Gabalier: Wir betrachten sie als großes Geschenk. Sie wird immer intensiver und wertvoller. So ein Glück noch einmal zu erleben, aus dem Schmerz herausgefunden zu haben und sich geborgen zu fühlen, ist wunderbar. Ich wollte so angenommen werden, wie ich bin, das habe ich auch oft niedergeschrieben. Ich habe lange getrauert und viele haben mir gesagt: ,Kannst du nicht endlich aufhören damit?‘ Ich habe die Zeit aber einfach gebraucht. Die Narbe bleibt ohnehin, sie gehört zum Leben dazu.

 

Welche Erwartungen hatten Sie grundsätzlich an einen potenziellen Partner?
Gabalier: Ich wollte einen Mann an meiner Seite, der nicht raucht, der ein bissl auf seinen Körper schaut, der sich für Kultur und Musik interessiert. Alle Wünsche sind in Erfüllung gegangen (lacht). Mit Gert kann ich über alles reden. Er ist auch kein Diwan-Hocker, der sich die Patschen bringen lässt. Im Gegenteil, ich bekomme täglich Kaffee schon ins Badezimmer serviert. Das ist sehr aufmerksam.
Rücker: Für mich war einfach klar: Es muss eine reife Beziehung sein, die sich nicht in Nebensächlichkeiten verliert. Ich möchte alle Themen des Lebens und alle persönlichen Probleme teilen können, einfach lieben dürfen und geliebt werden.

Welches Rezept für eine gute Beziehung haben Sie gefunden?
Gabalier: Wir wollen den Moment ganz bewusst erleben, liebevoll und wertschätzend sein. Dazu muss man Frieden mit sich selbst geschlossen haben, unser Glaube bestärkt uns darin.
Rücker: Der Unterschied des Geschenks einer Beziehung in diesem Alter ist, dass man die Schmetterlinge im Bauch vielleicht nicht in dieser Intensität hat, aber man um den Wert dieser Liebe weiß. Man ist sich dessen bewusst, wie besonders das ist, und geht viel achtsamer mitei-nander um. Was unsere Beziehung auch maßgeblich prägt, ist, dass wir keine sinnlosen Nebenfronten aufmachen. Man ist gestanden genug, dass man sich sagen kann, welche Bedürfnisse und Wünsche man hat, ohne dass der andere das als Zumutung empfindet.
Gabalier: Sollte eine Unstimmigkeit aufkommen, verwenden wir gerne einen Spruch: I love you, too. Und schon müssen wir wieder lachen.              

Von Herz zu Herz. Das Schreiben wurde für Huberta Gabalier zur Herzensangelegenheit. Gedichtband Nummer 4 widmet sie der Liebe, die sie – besonders verbunden durch das gemeinsame Schicksal des Verlusts – mit Gert Rücker erlebt.