Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 04.04.2018

Wo die Märchen entstehen

Piran ist das neue Zuhause von Folke und Astrid Tegetthoff. Im Pfarrhof bei ihrem Freund, dem Priester, haben sie Quartier aufgeschlagen. Die STEIRERIN war eingeladen.

Mit dem Pfarrer von Piran hat Erzählmeister Folke Tegetthoff Konkurrenz bekommen. Zorko Bajc sitzt am Tisch, holt aus und erzählt inbrünstig eine Geschichte. Wie er seine jetzigen Mieter traf und wie es zu dieser schönen Freundschaft gekommen ist. Damals, eines Abends zu Ostern 2004, ging er müde von der Messe nach Hause, als ihn ein Paar mit vier Kindern aufhielt und fragte, was es mit dem Gebäude und dem Garten auf sich habe, vor dem man stehe. Die Familie sei auf dem Weg zum Abendessen und ob der Herr Pfarrer sie nicht begleiten wolle. Nein, er wolle schlafen gehen und das Gebäude sei ein verfallener Theatersaal. Aber die Einladung habe freundlich geklungen, wie der Herr Pfarrer fand. So ging er heim, zog sich um und suchte die Familie im Restaurant auf. Ein schöner Abend sei es geworden mit anregenden Gesprächen, im nächsten Jahr sei die Familie wiedergekommen, im übernächsten wieder. Zuerst fanden Folke und Astrid Tegetthoff an anderen Plätzen in der Stadt ihre Bleibe. „But then they started to live here with me“, schließt Zorko. Im Pfarrhof, direkt auf der Klippe, mit Blick auf Kirchturm und Meer, wo mehrmals am Tag eine Delphingruppe vorbeischwimmt. Wann immer es geht, kommen die in der Welt verstreut lebenden Kinder zu Besuch, Kira, Floris, Sophie und Tessa, die als Intendantin des Festivals in das „Erzählbusiness“ eingestiegen ist und mit dem kleinen Theo mehrmals im Jahr von Berlin in den Süden fliegt. Einmal im Jahr ist das Storytellingfestival-Team vor Ort, um die Aktivitäten zu planen. Einen launigen Abend lang durften wir von der -STEIRERIN dazustoßen.

 

Schon früh zog es Folke und Astrid Tegetthoff in den Süden, ein Jahr lebten sie auf Ibiza, ein halbes auf Mallorca. Als fixe Bleibe kamen diese Destinationen wegen der komplizierten Anreise mit damals noch kleinen Kindern nicht infrage. Piran war quasi der praktische Kompromiss: „antimondän“, wie Tegetthoff die kleine Stadt an Sloweniens Küste beschreibt, unaufgeregt und nur gut zwei Stunden Fahrzeit von St. Georgen entfernt, dem Stammsitz der Familie, einem ehemaligen Kloster südlich von Graz. Piran ist das, wonach die Familie gesucht hatte: offen, freundlich und im Sommer rufe mindestens einmal am Tag ein Einheimischer hoch, ob man nicht gemeinsam einen Kaffee trinken wolle, schildert Tegetthoff beim Abendessen im Pfarrhof. Er hat schwarzes Risotto zubereitet mit fangfrischem Fisch, den nur Einheimische kennen und kaufen, dazu Oliven und Käse vom Markt. Seine letzten vier Bücher hat er hier geschrieben – in Piran, wo das Paar rund sieben Monate im Jahr lebt, findet der Märchenerzähler sein kreatives Umfeld und vor allem: Ruhe. „Hier kann ich meine Kreativität sammeln und voll ausleben – für meine literarische Arbeit und für meine zahlreichen Projekte.“ Doch Tegetthoff ist weit davon entfernt, sich dem Müßiggang hinzugeben. Im Sommer schwingt er sich in der Früh auf das Rad, fährt 1,5 Stunden durch die wundervolle Karstlandschaft oberhalb Pirans, zurück in Piran springt er noch ins Meer und gelegentlich ins Café Theater, bevor es an die Arbeit geht.

Tegetthoffs Arbeit besteht seit fast 40 Jahren darin, Menschen zum Zuhören zu bewegen. Sein sechsköpfiges Mitarbeiterinnen-Team und Tochter Tessa haben es sich in der kleinen Wohnung gemütlich gemacht, für die diesjährigen Festivals werden Programmdetails besprochen, Plakate und Broschüren gelayoutet, geplaudert und erzählt, Astrid spielt mit Enkel Theo. „Märchen sind in meiner Arbeit nur Vehikel“, betont Tegetthoff. Das Zuhören, oder besser gesagt Nichtzuhören, sei ein großes Problem in unserer Gesellschaft, in der durch Übervisualisierung das Hören an Bedeutung verloren hätte. Je intellektueller Menschen seien, findet Tegetthoff, desto schwieriger werde es, Einfaches zum Ausdruck zu bringen. Hier hält er der Annahme, dass nur Bücher bilden, entgegen: „Junge Menschen können mit ihren Emojis Dinge genauso zum Ausdruck bringen wie Bildungsbürger mit ihren oft komplizierten Worten.“ Tegetthoff schenkt Wein nach und philosophiert weiter: „Dieses Problem hat stark mit dem Patriarchat zu tun. Erst wenn wir bereits sind, mehr von uns zu geben und emotionaler zu werden, wird sich die Kommunikation verändern.“ Er ist überzeugt: Frauen erzählen die besseren Geschichten, weil sie eher bereit sind, persönliche Aspekte einzubringen. Tessa, die Sohn Theo erfolgreich zu Bett gebracht hat und sich zum Tisch gesellt, wirft ein: „Aber wenn es darum geht, Künstlerinnen für unsere Projekte zu finden, tun wir uns schwer. Im Storytellingbusiness finden sich viel mehr Männer – die können sich wahrscheinlich besser vermarkten.“ Das Gespräch streift weitere gesellschaftliche Themen, gleitet in südliches „easy going“, sticht in die Wunden des Bildungssystems („Wie bekomme ich Schüler zum Zuhören?“) und landet bei Storytelling, dessen Bedeutung laut Tessa Tegetthoff nie in seiner Breite erfasst werde. „Das ist auch schwer zu erklären“, seufzt ihr Vater. Nach 40 Jahren bin ich auch oft müde, das tun zu müssen.“

Eindrücke

Internationales Storytelling Festival

Storytelling. Im Mai wird all das, was in zwölf Monaten vom Tegetthoff’schen Team u. a. in Piran erarbeitet wurde, auf die Bühnen des Landes gebracht. Das Festival grazERZÄHLT zeigt heuer in neuem Design (Lettering: Una.Kritzolina) wieder die gesamte Bandbreite von Storytelling als Kunstform, also das Erzählen von Geschichten mit Stimme, Musik, Artistik und anderen Ausdrucksformen. In der Abendgala „Lange Nacht der Märchenerzähler“ (18. und 19. Mai) im Schauspielhaus werden Geschichten auf unterschiedlichste Weise erzählt, heuer auch erstmals mit einem ganz außergewöhnlichen Orchester. An drei außergewöhnliche und noch geheime Spiel-orte führt die „Märchenfabrik“ (19.5.), sie bringt das Publikum zu drei Industriebetrieben, wo inmitten eines fantastischen Ambientes aus Maschinen erzählt wird, der „Story Brunch“ (20.5.) führt zu drei Grazer Gastronomiestätten, die man aus einem ganz anderen Blickwinkel entdecken kann. Ein neuer Festival-Programmpunkt sind die Erzählenden Kostüme in Kooperation mit der Modeschule Graz, bei der sich Schülerinnen von der Welt der Märchen zu fantastischen, märchenhaften Kreationen inspirieren ließen. Diese Kostüme werden am 17. Mai 2018 bei Kastner&Öhler präsentiert.

grazERZÄHLT findet heuer am
4. Mai sowie vom 16. bis 21. Mai in Graz,

vorauERZÄHLT am 25. Mai sowie vom
1. bis 2. Juni statt. 26. – 29. Mai in Linz,
31. Mai & 01. Juni im MQ Wien,
25. & 30. Mai bis 03. Juni in Niederösterreich


www.storytellingfestival.at