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Lifestyle | 29.11.2022

Was passiert gerade wirklich im Iran?

Den internationalen Medien wird vom iranischen Regime vieles verschwiegen. Eine iranische Grazerin gibt uns anonym Einblicke in das Geschehen.

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© Shutterstock

STEIRERIN: Wie ist dein Bezug zum Iran?
Ich habe den Iran erst als Erwachsene verlassen, dort meine Ausbildung abgeschlossen und meine ersten beruflichen Erfolge gemacht. Ich habe noch eine intensive Verbindung zum Iran, denn ein Teil meiner Familie und meiner Freund:innen lebt noch dort.

Inwieweit kannst du die Proteste der Frauen im Iran nachvollziehen?
Ich habe viele Jahre in dieser patriarchalen Gesellschaft gelebt und mich auch aktiv für Frauen- und Mädchenrechte eingesetzt. Ich bewundere den Mut der jungen Frauen, die an der Spitze des Protests stehen. Das ist ein Mut, den wir uns in meiner Generation nicht zugetraut haben. Nicht nur das: Jetzt sind es die Männer, die den Frauen folgen und mit ihnen solidarisch sind im Kampf um mehr Frauenrechte und Selbstbestimmung.         

Welche Details werden den internationalen Medien verschwiegen?
Die verheimlichten CT-Scans von Mahsa Aminis Gehirn wurden gehackt und so weiß man, dass die Ärzte einen Schädelbruch diagnostiziert haben. Aber die offiziellen Medien der Islamischen Republik verkündeten, dass Mahsa an einer Gehirnkrankheit gestorben sei, an der sie seit ihrer Kindheit gelitten hätte. Grauslich absurd wirken die offiziellen Todesursachen jener, die in den Protesten erschossen oder zu Tode geprügelt wurden: Selbstmord, Sprung aus großer Höhe, Hundebiss, Depression etc. Leider ist in den österreichischen Medien zu sehen, dass vor allem die Agenturmeldungen der offiziellen iranischen Medien veröffentlicht werden. Wenn es um mutige Menschen geht, die Menschenrechtsverletzungen unter großer Gefahr dokumentieren, werden diese meist als nicht verifizierbar bezeichnet und daher verschwiegen. Es gibt in Österreich genug persischsprachige Personen, die dabei helfen können, die vielen dokumentierten Proteste und die gefilmten Gewalttaten der Regimekräfte zu verifizieren.

Hast du derzeit Kontakt zu Frauen im Iran? Was berichten sie?
Durch die oft tagelange Sperre des Internets und den zensierten Zugang zu Social Media ist die Kontaktaufnahme derzeit fast nur über E-Mail möglich. Einige meiner Bekannten nehmen selbst teil an den Protesten und stellen sich aktiv und unerschrocken den brutalen Regimekräften entgegen, die Menschen schlagen, vergewaltigen und töten. Meine Freund:innen erzählen mir von Tränengas, dem Erstickungsgefühl und der Wut, die sie haben. Sie hoffen, dass die Menschen in demokratischen Ländern von ihnen Notiz nehmen. Die Welt sollte sich der Verbrechen bewusst sein, die jetzt geschehen. 

Wie können wir in Österreich helfen und die Frauen stärken?
Ich erwarte mir von unseren demokratischen Vertreter:innen, dass sie offen jene unterstützen, die für Menschenrechte und Demokratie im Iran kämpfen, und jenen Profiteur:innen des iranischen Regimes, die in Österreich leben, das Leben hier schwer machen. So wie die Ukraine für die Werte des Westens kämpft, so kämpfen auch die Menschen im Iran für ein Leben in Freiheit und Frieden. Wir dürfen nicht wegschauen, wir dürfen diesem Kampf nicht gleichgültig gegenüberstehen. Eine wichtige Aufgabe haben die Medien: Die Proteste verdienen, mehr als eine Randnotiz zu sein. Was die Frauen im Iran stärkt, das ist Solidarität.