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Lifestyle | 29.11.2022

Was tun, wenn ich an meine finanziellen Grenzen komme?

Eine Situation, die wir auf der „Insel der Seligen“ Österreich noch nicht ganz wahrhaben wollen: Immer mehr Österreicher:innen sind von Armut und Obdachlosigkeit betroffen.

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© Shutterstock

Seit gut einem Jahr leitet Amrita Böker die Koordination der VinziWerke Österreich. In den mittlerweile 40 Einrichtungen in der Steiermark, Salzburg und Wien finden täglich 450 Personen Unterkunft; 1.400 werden mit Essen und Lebensmitteln versorgt. Die Auswirkungen der Pandemie machen sich in der Gesellschaft bemerkbar. Durch die vielen Teuerungen seit dem Beginn des Ukraine-Krieges ist auch die Mittelschicht immer stärker armutsgefährdet.

STEIRERIN: Was tun, wenn ich an meine finanziellen Grenzen komme?
Amrita Böker: Definitiv nicht verpassen, aktiv zu werden! Frag um Hilfe. Du kannst dich bei unserer Anlaufstelle in Eggenberg melden, beim Sozialamt, der Wohnungslosenhilfe, der Schuldnerberatung. Es gibt viele Möglichkeiten – und die sollte man so bald wie möglich in Anspruch nehmen.

Wie stark sind Frauen betroffen?
Frauenarmut ist ein wichtiges Thema. Viele alleinerziehende Mütter sind durch die Kinderbetreuung gezwungen, in Teilzeit zu arbeiten, müssen aber alle Kosten alleine tragen. Es gibt auch eine hohe Dunkelziffer obdachloser Frauen: Sie nehmen häufig Gewaltbeziehungen in Kauf, weil die Straßen für sie gefährlicher sind.

Wen betrifft Obdachlosigkeit?
Die große Botschaft von uns ist: Es muss niemand auf der Straße schlafen, es ist genug Platz. Es gibt jedoch Menschen, die es aufgrund ihrer psychischen Verfassung nicht schaffen, in einem Schlafsaal zu nächtigen. Scham spielt hier eine Rolle sowie die große Überwindung, sich bei einer Einrichtung zu melden.

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Amrita Böker, Koordinatorin der VinziWerke Österreich. © VinziWerke

Was führt jemanden in die Obdachlosigkeit?
Ganz oft sind es Schicksalsschläge, die Menschen in eine Abwärtsspirale bringen. Oft geht eine Beziehung zu Bruch, man verliert die Arbeit, Miet- und Stromrückstände häufen sich, dann vielleicht noch eine Suchtproblematik, gekoppelt mit psychischer Belastung. Seit Beginn der Pandemie kommen viele verzweifelte Menschen zu uns, die noch nie in so einer Situation waren, aber nicht mehr wissen, wie sie ihre Fixkosten decken sollen.

Was muss jetzt sozialpolitisch geschehen?
Es braucht dringend leistbaren Wohnraum. Maßnahmen der Regierung wie der Teuerungsbonus sind natürlich eine Hilfe. Aber es braucht eine dauerhafte Lösung, um Menschen zu entlasten.

Wie kann ich Betroffene unterstützen?
Wir brauchen weiterhin Solidarität in der Gesellschaft. Mit offenen Augen und Ohren durchs Leben gehen, denn Menschen brauchen Hilfe. Wenn man jemanden sieht, der oder die augenscheinlich obdachlos ist, kann man sich immer bei uns melden. Zu fragen, was kann ich tun, ist der erste wichtige Schritt.