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Lifestyle | 10.10.2022

Du BIST stark

… und zwar stärker, als du glaubst. Caroline Justich ist Brustkrebspatientin – und bietet mit „Be accepted“ einen Leitfaden, um mit der Krankheit umzugehen.

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Michael Fuchsjäger und Caroline Justich. © Tina Herzl

Im Oktober 2016 bekommt Caroline „Caro“ Justich eine scheinbar aussichtslose Diagnose: Stage-4-Brustkrebs. Die Steirerin solle ihre Dinge regeln; bis Weihnachten würde sie es nicht mehr schaffen. Und doch sitzt sie mir sechs Jahre später gegenüber – frisch, gut gelaunt, entspannt. Ihr guter Freund Michael Fuchsjäger, Universitätsprofessor und Vorstand der Fakultät für Radiologie der Universität Graz, hat sie auf ihrem schwierigen Weg begleitet. Doch nicht alle haben das Privileg, einen Experten zum Freund zu haben. Deshalb ist „Be accepted“ entstanden – ein Auffangnetz für Brustkrebspatientinnen, das zum führenden Leitfaden für Frauen mit Krebs in Europa werden soll. Um Patientinnen zu zeigen: Es geht. Im Gespräch erzählen die beiden vom Umgang mit der Diagnose und dem Leben mit der Krankheit.

Diagnose

Justich: Wenn das Wort Krebs gefallen ist, kann man nicht mehr viel aufnehmen, man ist im Schock. Du musst aber so viel wissen: Wie kann man sich physisch und psychisch fit halten, um möglichst viele schulmedizinische Behandlungen bekommen zu können? Wie lange darf ich in den Krankenstand, wann kümmere ich mich um die Pensionsversicherung, wann um den Kündigungsschutz … Es ist irrsinnig viel Organisation, und alles in Eigenregie.

 

Be accepted

Justich: Das Projekt ist in Kooperation mit der European Society of Radiology (ESR) entstanden. Es umfasst ein Magazin, das das wichtigste Wissen zusammenfasst, und die Onlineplattform, wo ständig neue Inhalte veröffentlicht werden. Der Fokus liegt ganz klar auf der Schulmedizin, daneben zeigen wir komplementäre Methoden, die zur Stärkung beitragen. Patientinnen wählen individuell, was für sie passt; abgestimmt mit ihren Ärzt:innen. „Tipps von Caro” zeigen, was ich gemacht habe und z.B. wie ich mit Nebenwirkungen umgegangen bin. Ich habe zu Beginn 48 Selbsthilfebücher geschenkt bekommen. Aber das Unterbewusstsein ist so beschäftigt, dass es schwerfällt, sich auf ganze Bücher zu konzentrieren. Man braucht am Anfang eine schnelle Übersicht – evidenzbasierte Infos, die zusammengefasst und verständlich aufbereitet sind.Das Magazin kann man über die Website bestellen. Eine Jahresmitgliedschaft für das Onlineangebot kostet € 22.

 

Nebenwirkungen

Justich: Es kann einen ganz kalt erwischen. Man ist nicht vorbereitet, wenn einen zum unpassendsten Zeitpunkt Chemodurchfälle oder Haarausfall überraschen. Um möglichst viele schulmedizinische Behandlungen bekommen zu können, muss man lernen, Nebenwirkungen in Schach zu halten oder sie sogar vorzubeugen. Dafür gibt es einen Avatar online, der durch Anklicken der betroffenen Körperregion mögliche Nebenwirkungen anzeigt und jeweilige Lösungsoptionen aufzeigt. Zusätzlich entwickeln wir ein Emergency Kit, verschiedene Produkte und geben Tipps, um sich auf mögliche Nebenwirkungen vorzubereiten und wenn nötig würdevoll aus der Situation herauszukommen. Frau zu sein, zu bleiben und sich weiterhin als solche wohlzufühlen, ist ein wichtiges Ziel von Be accepted.

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Der Arzt hat gesagt, 3% können geheilt werden.
Also habe ich mir gesagt, passt, da bin ich dabei.

Caroline Justich, Brustkrebspatientin und „Be accepted“-Gründerin
www.be-accepted.com

 © Tina Herzl

 

 

 

Vorsorgen

Fuchsjäger: Vorsorge im engsten Sinn ist nicht möglich. Wenn man sich gesund ernährt, nicht raucht, keinen Alkohol trinkt, sinkt das Risiko ein wenig. Aber man kann Krebs nicht ausschließen. Wenn es in der Familie unter den direkten Verwandten – Mutter, Großmutter, Schwester, Tante – mehrere Brustkrebsfälle vor dem 50. Lebensjahr gibt, gehört man zur Hochrisikogruppe.

Justich: Wichtig sind regelmäßige Früherkennungs­untersuchungen, wie Mammographie und Brustabtasten. Viele möchten das nicht, weil sie es gar nicht wissen wollen. Man sollte nicht darauf warten, bis der ganze Körper voller Metastasen ist, wie es bei mir der Fall war …
Fuchsjäger: Das Ziel ist es ja, Brustkrebs in einem Stadium zu erkennen, wo er noch so unbedeutend ist, dass er keine Auswirkungen hat. Je früher man dran ist, desto besser.

 

Zu spät?

Fuchsjäger: Ich wehre mich stark gegen Prognosen, wie lange man noch lebt, das ist sehr unprofessionell. Caro hat die Prognose viel Power gegeben, aber viele verlieren ihren Lebensmut. Der spielt aber eine riesige Rolle, um aus der Krankheit zu kommen.

Justich: Mir hat man gesagt, ich habe eine 3%ige Chance, es zu schaffen. Ich habe gesagt, das werden wir schon sehen. Es gibt weltweit Daten, wo es Menschen aus unheilbaren Krankheiten rausgeschafft haben.

 

Mindset:

Justich: Man muss ab dem ersten Moment ein positives Mindset schüren. Erkennen, dass die Diagnose nicht unmittelbar Tod bedeutet: Es geht darum, in die Patient:innen Gruppe zu kommen, die sehr gut mit Krebs lebt oder sogar geheilt wird. Darum, dass du dich darauf konzentrieren kannst, gesund zu werden. Einfach mal zu sagen, jetzt bin ich an der Reihe. Die richtige Ernährung, Nahrungsergänzungsmittel, tiefenentspannende Dinge. Ganz wichtig ist, dass man die Identität nicht verliert. Ich war plötzlich nur noch die mit Krebs. Ja, das ist ein großer Teil meines Lebens – aber mich macht noch so viel mehr aus.

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Auch als Speakerin sorgt Caroline Justich für Aufklärung rund um das Thema Krebs. © Tina Herzl