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Lifestyle | 23.02.2022

Erbfolge & Pflichtteil

Rund um Pflichtteile, die gesetzliche Erbfolge und Co. gibt es viele Mythen. Alice Perscha und Wolfgang Schnabl von der Notariatskammer für Steiermark klären die gängigsten auf.

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© Shutterstock

Das Erbvolumen in Österreich steigt stetig an – laut Berechnungen von 12 Milliarden Euro im Jahr 2015 auf über 20 Milliarden im Jahr 2035. Das heißt, es wird immer mehr vererbt. Das bringt mit sich, dass sich immer mehr Menschen mit Fragen wie „Wer soll nach dem Tod berücksichtigt werden? Gibt es Vermögen, das man schon zu Lebzeiten weitergeben möchte, etwa ein Haus oder eine Wohnung? Wie sind überhaupt die Familienverhältnisse? Wer sind meine gesetzlichen Erben?“ beschäftigen. Die Antworten zu den häufigsten Fragen haben Alice Perscha und Wolfgang Schnabl von der Notariatskammer für Steiermark parat.

 

Mythos 1

Es gibt keine Kinder, also erbt der Ehepartner alles.

Leben die Eltern des Verstorbenen noch, so erhält jeder noch lebende Elternteil ein Sechstel des Nachlasses. Sofern noch beide Elternteile leben, bekommt der Ehepartner somit nur zwei Drittel des Nachlasses! Vor der Erbrechtsnovelle 2017 hätten, sofern die Eltern bereits verstorben sind, auch die Geschwister noch geerbt. Seit dem neuen Erbrecht steht Geschwistern, sofern es einen überlebenden Ehepartner gibt, allerdings kein Erbteil mehr zu.   


Mythos 2

Lebensgefährten erben auch.

Lebensgefährten steht jetzt zwar ein außerordentliches Erbrecht zu, erben können sie aber unter anderem erst dann, wenn es keine gesetzlichen Erben – Ehegatten/eingetragene Partner, Kinder, Eltern, Geschwister, Neffen, Nichten, Großeltern und sonstige erbberechtigte Verwandte – mehr gibt. Wer mit dem/der verstorbenen Lebensgefährten/Lebensgefährtin allerdings drei Jahre in dessen/deren Wohnung im gemeinsamen Haushalt gelebt hat, darf nach dessen/deren Tod nur ein Jahr befristet dort bleiben (sofern ihm kein Eintrittsrecht nach dem Mietrechtsgesetz hilft). Möchte man seinen Lebensgefährten/seine Lebensgefährtin absichern, sollte man unbedingt ein Testament zu seinen/ihren Gunsten errichten

 

Mythos 3

Ich kann meine Kinder jederzeit enterben.

Enterben bedeutet, dass einem Pflichtteilsberechtigten sein Pflichtteilsanspruch entzogen wird. Dafür müssen aber schwerwiegende Enterbungsgründe vorliegen, zum Beispiel wenn ein/e Pflichtteilsberechtigte/r  eine schwere Straftat gegenüber dem/der Verstorbenen begangen oder die ihm/ihr gegenüber bestehenden familienrechtlichen Pflichten gröblich vernachlässigt hat.

 

Mythos 4

Mit einer Schenkung zu Lebzeiten ist man alle Sorgen los.

Wenn es nichts mehr zu erben gibt, weil ein Kind schon zu Lebzeiten die Eigentumswohnung und das zweite Kind nichts oder wertmäßig viel weniger bekommen hat, ist noch lange nicht alles erledigt, auch wenn das vom/von der Verstorbenen so geplant gewesen wäre.

Zu Lebzeiten getätigte Schenkungen innerhalb des engeren Familienkreises werden nämlich auf das Erbe oder auf den Pflichtteil angerechnet. Dem Kind, das nichts oder zu wenig erhalten hat, stünde hier zusätzlich noch ein Anspruch in Geld zu. Dies hätte nur durch den Abschluss eines Erb- und/oder Pflichtteilsverzichtvertrags zwischen dem „benachteiligten“ Kind und dem/der Geschenkgeber/in verhindert werden können. Ein solcher Vertrag muss jedenfalls in Notariatsaktform errichtet werden, um gültig zu sein.

 

Mythos 5

Der Pflichtteil muss sofort ausgezahlt werden.

Aktuell ist es möglich, Pflichtteile in Raten zu zahlen, sie können auch bis zu fünf Jahre – mit gerichtlicher Genehmigung sogar bis zu zehn Jahre – gestundet werden. Diese Regelung soll den oder die Erben vor schwierigen Situationen und finanziellen Engpässen bewahren. Zu beachten ist dabei allerdings, dass im Falle der Stundung ab dem Todestag 4 % Zinsen pro Jahr anfallen.

 

Mythos 6

Es gilt immer das österreichische Erbrecht.

Bereits seit Sommer 2015 ist die EU-Erbrechtsverordnung in Kraft. Es zählt nicht mehr die Staatsangehörigkeit des Erblassers, sondern das Aufenthaltsprinzip. Der letzte gewöhnliche Aufenthaltsort eines österreichischen Staatsbürgers entscheidet, welches Recht anwendbar und welches Gericht zuständig ist. War der Lebensmittelpunkt im Ausland, müsste die Verlassenschaft nach dem dort geltenden Recht abgehandelt werden. Will man das verhindern, sollte man in seinem Testament eine entsprechende Rechtswahl treffen. Wählbar ist allerdings nur das Staatsangehörigkeitsrecht.

Notariatskammer für Steiermark
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Alice Perscha

© Marija Kanizaj

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und Wolfgang Schnabl

© Marija Kanizaj


GESETZLICHE ERBFOLGE

Und wie ist das jetzt mit der gesetzlichen Erbfolge?
Zur gesetzlichen Erbfolge kommt es, wenn kein oder kein formgültiges Testament errichtet wurde oder die darin bedachten Personen das Erbe nicht annehmen können oder wollen. Gesetzlich geerbt wird nach Linien, das heißt abhängig vom Grad der Verwandtschaft innerhalb einer Familie.

 

Die gesetzliche Erbfolge bestimmt durch ein Linien-System die gesetzlichen Erben:

1. Linie: Nachkommen

2. Linie: Eltern und deren Nachkommen

3. Linie: Großeltern und deren Nachkommen

4. Linie: Urgroßeltern/Außerordentliches Erbrecht des Lebensgefährten / der Lebensgefährtin

 

Ehegatten/eingetragene Partner erben neben Kindern 1/3, neben Eltern 2/3 und das jeweilige 1/6 eines vorverstorbenen Elternteils. Sind keine Nachkommen vorhanden und beide Eltern vorverstorben erbt der Ehegatte/eingetragene Partner alles.


Dieser Artikel ist Teil unseres STEIRERIN Vorsorge-Ratgebers. Zusätzliche Infos und mehr zum Nachlesen findest du HIER.