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Lifestyle | 23.11.2021

Hilfe auf vier Rädern

Seit 30 Jahren fährt der VinziBus durch Graz und versorgt bedürftige Menschen. Gabriele Grössbauer ist seit dem Start der Aktion an Bord. Mit der STEIRERIN hat sie über persönliche Erlebnisse, Missstände und Hoffnung gesprochen.

Text: Stephanie Gaberle, Fotos: © VinziWerke, Anton Paar

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Immer an denselben Standorten, immer mit Gebäck und Tee und immer mit viel Empathie der Freiwilligen. Das ist der VinziBus. Nicht umsonst wird er als „Tankstelle menschlicher Wärme“ bezeichnet – liefert er neben Nahrung für den Körper auch gleich etwas für die Seele mit. Soziale Kontakte, gute Gespräche, wertvolle Zeit miteinander. Das macht den VinziBus so einzigartig. Die Busverantwortliche Gabriele Grössbauer weiß, worauf es bei ehrenamtlicher Arbeit ankommt, und kann auf eine 30-jährige VinziBus-Zeit zurückblicken.

Was hat sich seit 1991 verändert?

„Nach wie vor sehen wir, dass es viel Bedarf gibt.“ Bei den Stationen im Augarten, am Jakominiplatz und beim Hauptbahnhof treffen sich täglich zwischen 30 und 40 Personen, um sich eine Mahlzeit abzuholen und sich über das Tagesgeschehen, Politik und Privates auszutauschen. Das Klientel habe sich seit Beginn der Aktion verändert, das sei auch ein Ergebnis der anderen VinziWerke-Einrichtungen in der Stadt, die Bedürftigen mittlerweile einen sicheren Hafen bieten. „Viele sind inzwischen in einer unserer Anlaufstellen untergekommen oder haben sich sogar wieder gefangen und sind nicht mehr auf unsere Unterstützung angewiesen“, zeigt sich Grössbauer zufrieden. Das Problem der Altersarmut sei zwar nach wie vor ein sehr präsentes, aber auch jüngere Menschen nehmen die Essensausgabe in Anspruch. „Wir sehen alle Altersschichten, von betagt bis ganz jung. Im Augarten kommen auch immer wieder Kinder.“ Die Busverantwortliche und die anderen Freiwilligen können nur bestätigen: Die Menschen kommen nicht nur, weil sie sich kein Essen leisten können, sondern auch, weil sie sich einsam fühlen. „Sie fassen bei uns Vertrauen, fühlen sich aufgehoben, gesehen.“

Herzensangelegenheit

Wie die Juristin, Mediatorin sowie Lebens- und Sozialberaterin in ihre Tätigkeit hinein­gefunden hat? „Ich habe schon während des Studiums gerne Menschen geholfen“, erzählt sie. Damals habe sie an Sozialprojekten mitgewirkt, Pflegeheime sowie Gefängnisse besucht und so unzählige Missstände beobachten können. Im Zuge ihrer sozialen Arbeit habe sich dann der Wunsch in ihr geregt, verstärkte Maßnahmen für diejenigen zu ergreifen, die jeden Tag auf Unterstützung angewiesen sind und aus dem System fallen. Das Thema Armut liegt Grössbauer auch deswegen am Herzen, weil es in unserer Gesellschaft stark stigmatisiert ist. „Es wird oft so getan, als seien die Menschen selbst schuld daran, dass sie kein Geld haben. Da spielt noch so viel mit – physische, psychische Gründe, das Umfeld, die Umstände, in die man hineingeboren wird. Das Ganze muss endlich mit guten Konzepten angegangen werden, anstatt das Individuum für seine Situation verantwortlich zu machen“, appelliert Grössbauer. In der Politik werde in dem Bereich viel zu wenig getan. „Ich sehe es so: Wir können schwimmen, die anderen nicht. Sie brauchen Begleitung, Führung, verlässliche Betreuung. Und wir erleben oft genug, dass Menschen es da raus schaffen können.“

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Nachdem die Stadt den allerersten VinziBus zur Verfügung gestellt hatte, wurde die mobile Essensausgabe zum Fixbestandteil des Grazer Alltags.  „Unsere anderen Vinzi-Projekte sind dann nach und nach entstanden – immer aus der Not, die wir mit dem Bus wahrgenommen haben. Wir haben die Stadt sozusagen mobil ‚ausgekundschaftet‘.“

Die Bevölkerung habe das alles gut angenommen, erinnert sich Grössbauer. „Wir wurden und werden immer wieder angesprochen und für unser Tun gelobt, es wird uns auch eine Menge Dankbarkeit entgegengebracht.“ Natürlich habe es zwischenzeitlich Vorfälle gegeben, wo andere nicht erfreut über direkt vor ihnen sichtbare Armut gewesen waren. „Widerstand gab es beispielsweise am Jakominiplatz, aber wir haben uns nie verjagen lassen.“ Trotz bester Bemühungen verlaufe klarerweise auch nicht jede Begegnung mit Betroffenen harmonisch. „Manche sind fordernd oder laut, aber wir betonen immer, dass wir das ehrenamtlich machen und deswegen nicht selbstverständlich sind. Und wir sehen auch, dass wir von den Betroffenen untereinander wiederholt verteidigt werden.“

Hilfe beflügelt

Nach wie vor besucht der VinziBus also dieselben Standorte wie zu Beginn und das Team der Fahrer und Fahrerinnen ist mittlerweile ein top eingespieltes. Grössbauers Background mit Mediation kommt ihr bei ihrer Arbeit in vielerlei Hinsicht zugute. „Unsere Freiwilligen sind ebenso individuelle Persönlichkeiten mit ihren Angewohnheiten, ihren Vorstellungen, und ich bemühe mich, ihre Ideen miteinzubeziehen.“ Diese Behutsamkeit scheint aufzugehen: „Alle, die mit dem VinziBus fahren, melden, dass das Ganze eine wunderschöne Bestätigung für sie persönlich ist.“ Das Helfen tue ihnen gut – und sie selbst empfinde das auch so.
Glaubt Grössbauer daran, dass Empathie und Hilfsbereitschaft eine dem Mensch angeborene Eigenschaft sind? „Ja, da bin ich mir sicher, man muss es nur zum Vorschein bringen“, lächelt sie. Es gäbe bei verschiedensten sozialen Vinzi-Aktionen jedes Mal enormen Andrang. „Sobald die Helfenden eine konkrete Aufgabe haben, beflügelt sie das Tun, das erlebe ich jeden Tag.“ Das Gefühl, etwas Gutes getan, einer anderen Person geholfen zu haben, sei ein wunderschönes. Auch die zahlreichen Erfolgsgeschichten von Menschen, die sich aufrappeln konnten und nun wieder ein normales Leben führen, zeigen Grössbauer, wie wertvoll die Arbeit vom VinziBus ist. Ob so etwas Hoffnung für die Zukunft gibt? „Oh ja, auf jeden Fall.“

 

www.vinzi.at

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Zur Person

Gabriele Grössbauer, geboren 1965, ist Juristin, Mediatorin sowie Lebens- und Sozialberaterin. Seit 30 Jahren ist Grössbauer (hier im Foto mit Pfarrer und VinziWerke-Gründer Wolfgang Pucher)  mit dem VinziBus unterwegs und hilft Menschen am Rand der Gesellschaft.