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Lifestyle | 18.11.2021

Mit den Händen sehen

Wenn ein Sinn beeinträchtigt ist, verstärkt sich oft ein anderer: discovering hands nutzt den ausgeprägten Tastsinn sehbehinderter Frauen für die Brustkrebsfrüherkennung.

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© discovering hands

Mit rund 5.000 Neu­erkrankungen pro Jahr ist Brustkrebs in Österreich die häufigste Krebserkrankung bei Frauen. 80 % der Patientinnen können geheilt werden, wenn die Krankheit im Frühstadium erkannt wird. Gleichzeitig gibt es in Österreich fast 12.000 blinde und sehbehinderte Frauen im erwerbsfähigen Alter, von denen nur jede Fünfte auch erwerbstätig ist. Durch medizinisch-taktile Untersuchungen, MTU, nimmt discovering hands beide Problematiken in Angriff. Der ausgeprägte Tastsinn von blinden und sehbehinderten Frauen soll ihrer Inklusion am Arbeitsplatz entgegenkommen – und gleichzeitig die Früherkennung von Brustkrebs erhöhen.

discovering hands bildet blinde und sehbehinderte Frauen zu Medizinisch-Taktilen Untersucherinnen, MTUs, aus. In einer 10-monatigen Ausbildung lernen sie, bereits kleinste Knoten in der Brust zu identifizieren. Die in Deutschland bereits seit Jahren etablierte und von den meisten Kassen übernommene Untersuchung steht in Österreich erst im Anfangsstadium.

Tastsinn

Im Mai dieses Jahres wurde vom Joanneum Research Center eine Wirksamkeitsstudie ausgewertet. Das Ergebnis: Blinde und sehbehinderte Frauen haben ein besseres Tastgefühl. Eine Laiin erkennt Brustveränderungen erst ab der Größe einer Cocktailtomate. ÄrztInnen spüren sie bereits ab der Größe einer Heidelbeere, MTUs sogar ab der Größe eines Pfefferkorns. Bisher wird die Taktilografie in vier Ordinationen in Wien sowie direkt bei discovering hands angeboten. Wo eine Mammografie erst ab dem 45. Lebensjahr alle zwei Jahre vorgesehen ist, bietet die Taktilografie ein ergänzendes Angebot, das Frauen jeden Alters und auch zwischen den Mammografien annehmen können. Die Brustuntersuchung dauert 30 bis 45 Minuten. Die Untersucherin notiert alle Auffälligkeiten und bespricht sie im Anschluss mit dem behandelnden Arzt, der dann eine Diagnose stellt.

Selfcare

discovering hands bietet auch Anleitungen zur Selbstuntersuchung der Brust an. In persönlichen oder Online-Schulungen wird Frauen genau erklärt, wie sie sich selbst abtasten können, um es in ihre monatliche Routine zu integrieren. Die Selbstuntersuchung sieht Sandra Keszthelyi von discovering hands als wichtigen Baustein der Brustvorsorge. Im Gespräch mit ihr und der Medizinisch-Taktilen Untersucherin Sylwia Pietr.

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© discovering hands

STEIRERIN: Wer kann Medizinisch-­Taktile Untersucherin werden?
Sandra Keszthelyi: Blinde und sehbehinderte Frauen. In einem ausführlichen Assessmentcenter überprüfen wir, ob sie einen ausgeprägten Tastsinn haben. Wichtig ist auch die soziale Kompetenz. In der Ausbildung vermitteln wir medizinische Grundlagen, Gynäkologie und Methoden der Taktilografie.

Wieso haben Sie sich für dieses Berufsbild entschieden?
Sylwia Pietr: Nach meinen drei Kindern dachte ich, jetzt ist es an der Zeit, etwas Neues anzufangen. Ich wollte unbedingt arbeiten. Über die Assistenz für Blinde und Sehbehinderte wurde ich auf discovering hands aufmerksam gemacht. Ich arbeite sehr gerne mit Menschen, es hat perfekt gepasst. Seit 2016 bin ich dabei, zu Beginn bei der Wirksamkeitsstudie.

Wie läuft eine Untersuchung ab?
Keszthelyi: Wir schaffen eine sehr private Atmosphäre. Die MTUs haben die Fähigkeit, zu wissen, wie sich die Damen wohlfühlen: Sie will über ihre Sorgen reden, sie möchte lieber in Ruhe gelassen werden. Die Untersuchung soll ein Wohlfühlort sein, wo man sich fallen lassen und die Fragen stellen kann, die man sich beim Arzt nicht traut.

Ist Ihnen eine Untersuchung besonders im Gedächtnis geblieben?
Pietr: Eine Dame hatte eine sehr negative Einstellung zu ihrem Körper. Sie sagte, dass sie ihre Brüste nie anfasst, auch nicht beim Duschen. Aber sie möchte die Untersuchung unbedingt machen, um zu wissen, wie sich das anfühlt. Wir haben uns mehr Zeit genommen, mit Pausen, mit vielen Tränen. Es war eine richtige Überwindung für sie, aber sie wollte weitermachen. Für mich ein sehr starker Moment, dass sie mir vertraut. Manche sind aufgebracht von der Arbeit, andere wollen nur entspannen, manche sind froh, wenn ihnen jemand die Brüste massiert. Ich hatte noch keine unangenehme Begegnung.

Wie reagieren Sie, wenn Sie bei einer Untersuchung einen Knoten erkennen?
Pietr: Ich sage der Dame nichts, bespreche es erst mit dem Arzt. Dieser entscheidet und stellt eine Diagnose.
Keszthelyi: Es ist Teil der Ausbildung, nicht zu zeigen, was die Hände sehen.

Was sind Ihre Wünsche?
Keszthelyi: Viele weitere sehbehinderte und blinde Frauen zu finden, die den Beruf der MTU erlernen möchten. Und viele ÄrztInnen in ganz Österreich zu finden, die das Angebot in ihren Praxen anbieten möchten.

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