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Lifestyle | 12.10.2021

„Man weiß nie, wie die Krankheit beim Einzelnen ausgeht“

Der Neurologe und Psychiater Peter Grieshofer zeigt sich erschrocken darüber, wie besonders junge Menschen mit nur leichtem Corona-Verlauf von schweren Langzeitfolgen betroffen sein können. Ihm zufolge benötigt die Therapie von Long Covid vor allem eines: Zeit.

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© Foto Melbinger

STEIRERIN: Herr Prof. Grieshofer, Sie betreuen zusammen mit Dr. Robert Zink Patienten mit Long Covid in Ihrer Klinik in Judendorf Straßengel. Werden Sie dort überrannt?
Peter Grieshofer: Unser Schwerpunkt liegt auf der neurologischen Rehabilitation von Long-Covid-Patienten, und während man sagen muss, dass es sich dabei nicht um eine große Masse handelt, merken wir schon, wie die Zahl der Betroffenen stetig ansteigt. Immer mehr Menschen bemerken, dass sie nicht mehr dieselben sind, die sie einmal waren – vor der Corona-Erkrankung. Gerade im neurologischen Bereich lassen sich dafür konkrete Hinweise für Long Covid erkennen: Etwa der „Nebel im Gehirn“, der sich auf Konzentration und Aufmerksamkeit auswirkt. Unsere Patientinnen und Patienten klagen über verminderte Leistungsfähigkeit, Lähmungserscheinungen, ausgeprägte muskuläre Schwächen und Schmerzen.

Können Sie aus Ihrer Erfahrung mit den Patienten sagen, dass Long Covid besonders häufig jene betrifft, die auch mit einem schweren Verlauf von Corona zu kämpfen hatten?
Jein. Statistisch lässt sich feststellen, dass Patienten mit schwerem Verlauf mit deutlich größerer Wahrscheinlichkeit auch Langzeitprobleme haben. Aber speziell jüngere Patienten, die nur minimal in der Akutphase der Erkrankung betroffen waren, können daraus mit deutlichen Long-Covid-Symptomen herauskommen. Das ist für uns das Erschreckende: Eine Studentin, die Corona wie einen grippalen Infekt wegsteckte und danach nur noch eine Stunde pro Tag lernen kann, weil sie sich danach sofort schlafen legen muss – man weiß nie, wie die Krankheit beim Einzelnen ausgeht.

 

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Peter Grieshofer, Ärztlicher Leiter der Klinik Judendorf Straßengel, in der ein neues Therapieprogramm für neurologische Rehabilitation beim Post-Covid-Syndrom (Long Covid) angeboten wird.

Weiß man zumindest, wie die unterschiedlichen Langzeitfolgen am besten zu behandeln sind?
So unbefriedigend es auch klingt, aber Long-Covid-Patienten brauchen vor allem Zeit und Geduld. Im Gegensatz zur Hüftoperation, bei der man nach abgeschlossener Wundheilung schnell wieder erholt ist, braucht die Therapie von Long Covid einen langen Atem – sowohl bei den Patienten als auch bei den Behandelnden. Wir sind mit einer völlig neuen Krankheit konfrontiert, bei der weltweit relativ wenig Erfahrung besteht. Für uns Ärzte ist das ein täglicher Lernprozess, der dadurch erschwert wird, dass auch jeder einzelne Patient mit ganz individuellen Krankheitsbildern zu uns kommt. Das erfordert einen multi-disziplinären Ansatz und ein großes Volumen an Therapeuten.

Welche therapeutischen Möglichkeiten kommen zum Einsatz?
Unsere Ansätze reichen von Physiotherapie über Ergotherapie bis hin zur Psychologie, wenn es etwa um die Wiederherstellung der kognitiven Leistungsfähigkeit geht. Geschmacks- und Geruchsstörungen können mit den Mitteln der Logopädie behandelt werden. Man muss sich aber im Klaren darüber sein, dass Long-Covid-Patienten extrem gering belastbar sind, deshalb braucht es deutlich mehr Zeit, um Fortschritte zu sehen und Erfolge zu erzielen. Wenn sich ein Patient die Zeit aber nimmt, ist ein kontinuierlicher Anstieg bei der Leistungsfähigkeit beobachtbar, auch Schmerzen und Müdigkeit nehmen ab. Wir reden hier aber von Wochen und Monaten.

Apropos Zeit. Wird uns Long Covid auch noch lange beschäftigen?
Meine Vision geht in die Richtung, dass wir den Gipfel bei den Long--Covid-Erkrankungen überschreiten können, wenn wir mit der Impfkampagne zügig vorankommen. Je mehr Menschen eine Impfung erhalten, desto geringer wird die Chance, dass sie an Long Covid leiden. Der entscheidende Faktor ist und bleibt die Impfung.