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Lifestyle | 29.09.2021

Wenn Essen nur noch ekelt

Long Covid kann viele Formen annehmen, weit verbreitet ist der anhaltende Geruchs- und Geschmacksverlust. Die Grazerin Carina Schneeberger lebt damit seit Herbst 2020 – Erbsenreis ist mittlerweile ihr „bester Freund“.

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© Thomas Luef

Moder. Nasser Keller und Moder – das „schmeckt“ Carina Schneeberger, wenn sie in eine Tafel Schokolade beißt. Die 36-Jährige leidet unter Parosmie, einer krankhaften Geruchs- und Geschmacksstörung, die von einer Corona-Erkrankung im Herbst 2020 zurückblieb. Seither kämpft Schneeberger mit enormen Problemen beim Essen, 13 Kilo hat die Grazerin schon abgenommen. Mit ihrem Schicksal hat sie sich heute abgefunden.
„Am Anfang war es ja noch irgendwie lustig, mein Lebensgefährte und ich haben den Geschmacksverlust mit Humor genommen und spaßhalber in Chilis und Zitronen gebissen – weil uns das einfach nichts ausmachte.“ Das war am Beginn der Corona-Infektion, die Schneebergers Lebensgefährte Ende Oktober wohl aus der Arbeit mitgebracht hatte. Vier Tage erwischte es auch sie selbst, sie war drei Wochen lang mit Gliederschmerzen, Hals- und Kopfweh beschäftigt. Ihren Lebensgefährten traf es noch schlimmer, der musste mit Verdacht auf Lungenembolie ins Krankenhaus und war insgesamt 50 Tage in Quarantäne. Das Virus verabschiedete sich schließlich von beiden, bei Schneeberger hinterließ es aber Langzeitfolgen, die sie heute noch beschäftigen.
Denn als ihre akuten Corona-Symptome abklangen und ihr Krankheitsgefühl verschwand, blieben die Geruchs- und Geschmacksstörungen. „Mir war, als könnte ich langsam wieder riechen und schmecken. Das waren aber Fehlinterpretationen meines Gehirns, denn Saures schmeckte plötzlich süß, Nagellackentferner roch nach Essig.“ Schneeberger erinnert sich auch an eine Nacht auf der Couch beim Fernschauen, als sie mit einem Mal einen starken Gasgeruch in der Nase hatte. Ihr Lebensgefährte, dessen Geruchs- und Geschmackssinn nur zu gut 20 Prozent zurückkehrte, roch davon nichts. Schneebergers Beunruhigung wuchs.

 

Die frische Pizza roch für mich
wie extrem verdorben. Beim Anblick
von Essen habe ich geweint.

Carina Schneeberger

 

Plötzlich ungenießbar. Bis zum 20. Jänner, ein Tag, der sich in ihr Gedächtnis eingebrannt hat. „Ich war am Geburtstagsfest meines Neffen und habe ein Stück Torte gegessen. Die war so süß, dass sie mir den Hals verpickt hat und ich einen Schluck Wasser trinken musste. Und dann sagte mir meine Schwester, dass in der Torte kein Gramm Zucker war.“ Da habe Schneeberger noch lachen können und es auf ihre „Geschmacksverwirrung“ schieben können. Als sie aber auf der Heimfahrt noch in ein Stück Pizza biss und sich davon fast übergeben musste, war der Spaß vorbei: „Die frische Pizza roch für mich wie extrem verdorben, ich konnte nicht in der Nähe davon bleiben, sosehr hat es mich auf einmal davor geekelt.“ Von da an ging es steil bergab. Knoblauch, Zwiebel, Katzenfutter – alltägliche Gerüche, die Schneeberger bislang nicht störten, lösten mit einem Mal einen starken Würgereiz aus. Egal was sie sich zum Essen gemacht hat, nichts davon konnte sie genießen.

 

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© Thomas Luef

Die Diagnose: Parosmie. Schneebergers Geruchs- und Geschmacksnerven wurden durch das Coronavirus irreparabel geschädigt. Um keine Mangel-erscheinungen durch die Unterernährung zu bekommen, verschrieb ihr eine Ärztin Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel – aber auch die verursachten nach einiger Zeit den unausweichlichen Würgereiz. Dazu kam die psychische Belastung: „Wenn man nichts mehr essen kann, merkt man erst, wie viel sich im Leben ums Essen dreht. Bei jedem Anblick von Essen habe ich geweint, meine Freunde musste ich bitten, in meiner Gegenwart nicht mehr vom Essen zu sprechen“, sagt Schneeberger. Das war ungefähr drei Monate, nachdem sie das einzige Gericht entdeckte, vor dem es ihr nicht grauste: Laugenstangerl. Mit Butter.

Kleine Fortschritte. Am Gipfel der Belastung fasst sie einen Entschluss: trotzdem versuchen, zu essen, auch wenn es „volley in der Abwasch landet“. Schneeberger merkte, dass sie den Ekel vor Nahrungsmitteln überwinden konnte. Die modrige Schokolade schmeckte nach dem zweiten und dritten Stück schon fast annehmbar. Sie fand weitere Gerichte, die ihr nichts ausmachten, darunter Hühnerfleisch oder Erbsenreis – „der wurde zu meinem besten Freund, einfach, weil ich wenigstens ein bisschen Abwechslung dadurch hatte“. Ein kleiner Fortschritt, der nichts daran ändert, dass Parosmie nicht behandelt werden kann. Das weiß Schneeberger aus der umfangreichen Literatur, in die sie sich hineinvertiefte, und von den Selbsthilfegruppen im Internet. Die Hoffnung besteht, dass sich die Nervenschäden mit der Zeit von selbst heilen, das kann allerdings Monate oder gar Jahre dauern.
„Mir hat es sehr geholfen, zu wissen, dass ich nicht die Einzige bin, die diese Arschkarte gezogen hat. Für meine Psyche war es wichtig, zu sehen, es gibt noch andere, denen es so geht wie mir“, sagt Schneeberger. Ihr Schicksal hat sie so zu akzeptieren gelernt, sie arbeitet weiterhin in ihrem Job im Landesdienst und geht mit ihren Freunden aus – allerdings nicht mehr zum gemeinsamen Essen.