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Lifestyle | 31.08.2021

Let’s talk about Money!

Frauen – Geld – Finanzen: Darauf hat die Schuldnerberatung Steiermark aktuell den Fokus gelegt. Eine Expertin erklärt, wieso das Thema so wichtig ist und wieso wir endlich anfangen müssen, über Schulden zu reden.

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© Shutterstock

Der Spruch „Über Geld spricht man nicht, Geld hat man“ ist völlig kontraproduktiv. „Natürlich müssen wir über Geld sprechen! Das Thema darf kein Tabu sein“, sagt Julia Strablegg-Muchitsch. Seit acht Jahren arbeitet die Sozialarbeiterin und Erwachsenenpädagogin bei der Schuldnerberatung Steiermark. Das Unternehmen hat die Hauptaufgabe, Menschen in finanziell schwierigen Situationen zu beraten, weiterzubilden und auch gerichtlich zu unterstützen. Auch Existenzsicherungsberatung für GlücksspielerInnen sowie Finanzbildung für Jugendliche und Erwachsene werden angeboten.

Egal ob die Ursache für die Schulden Arbeitslosigkeit, Einkommensverschlechterung, gescheiterte Selbstständigkeit oder mangelndes Wissen über Finanzen sind – hier erhalten Menschen kostenlos und vertraulich Lösungen, Perspektiven und Rat.

Massiver Handlungsbedarf

Aktuell wird der Fokus der Schuldnerberatung gezielt auf Frauen und ihre finanzielle Situation gerichtet. Und wie zu erwarten war, gibt es hier massiven Handlungsbedarf. „Es sind weniger Frauen, die zur Beratung kommen, und auch weniger Frauen, die in Privatkonkurs gehen. Das heißt aber nicht, dass es ihnen finanziell besser geht“, erklärt Strablegg-Muchitsch. In der Finanzbildung sei bekannt, dass Frauen weniger Wissen haben als Männer. „Da sprechen wir jetzt nicht von Erfahrung mit Bitcoin, Aktien und Co., sondern einfach vom Meistern des eigenen Alltagslebens. Und das sollte jeder Person zugänglich sein.“
In Österreich arbeiten Frauen nach wie vor eher Teilzeit, dementsprechend verdienen sie weniger als Männer. Zudem übernehmen sie auch den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit (Betreuung von Kindern oder pflegebedürftigen Familienmitgliedern) und zahlen somit nicht oder weniger in die Staatskasse ein. Viele Frauen sind deswegen gefährdet, in der Altersarmut zu landen. „Wir haben viel mit Frauen zu tun, die kurz vor der Pension stehen und fast nichts bekommen werden – und dann gibt es leider nicht mehr viel Handlungsspielraum. Unser System ist so, dass es nur Erwerbsarbeit honoriert.“ Bei Frauen seien die Gründe für Schulden außerdem oft in Scheidungs- und Trennungssituationen zu finden. Ein erstaunlich großer Teil sei auch nach wie vor aufgrund von Bürgschaften und Mithaftungen verursacht.

Das Thema Finanzbildung – am besten schon während Schule und Ausbildung – liegt der Expertin so am Herzen, weil sie weiß, dass Menschen ohne finanzielles Basiswissen früher oder später Probleme bekommen. Die Menschen müssen genug Mittel zur Verfügung haben, um zu überleben – und für viele sei das gerade nicht Realität.

Zur Person

Sozialarbeiterin und Erwachsenenpädagogin Julia Strablegg-Muchitsch arbeitet seit acht Jahren bei der Schuldnerberatung Steiermark. Da ihr das Thema Frauenpolitik persönlich ein großes Anliegen ist, hat sie das Projekt „Frauen-­Geld-Finanzen“ übernommen und macht aktuell die zusätzliche Ausbildung Gender – Diversität – Intersektionalität bei der GenderWerkstätte.


© Johnny What

Stigmatisierung des Themas

Welche Gründe hindern so viele Personen mit finanziellen Schwierigkeiten daran, sich Hilfe zu holen? „Probleme mit Geld und vor allem Schulden sind extrem schambehaftet. Im Wort selbst schwingt ja schon das ‚Selber-Schuld-Sein‘ mit und das wird gesellschaftlich verstärkt“, erklärt Strablegg-Muchitsch. „Meine KollegInnen und ich machen zwar die Erfahrung, dass die Menschen sich heute eher als vor 20 Jahren trauen, zur Beratung zu gehen, aber nach wie vor ist das Thema ein unangenehmes.“ Die Stigmatisierung von finanziellen Problemen führe dazu, dass viele Betroffene psychische und in Folge auch physische Probleme bekommen, weil die Situation ungemein belastend sei – und Therapie kostet.

Deshalb ist der Expertin die Kombination der zwei Bereiche wichtig: Die Beratung an sich und auch die Finanzbildung, die als „Schuldenprävention“ verstanden werden kann – dieses Wort werde allerdings nicht mehr verwendet.
„In den Workshops besprechen wir dann Dinge wie Einnahmen und Ausgaben, finanzielle Planung, was wird in meinem Leben passieren, wie viel kostet mein Alltag – also da geht es noch gar nicht um Schulden.“

Was sie als besonders wichtig erachtet, um Vorurteile abzubauen? Den gesellschaftlichen Diskurs mehr vorantreiben und politisches Engagement zeigen. „Ich möchte, dass mein Kind einmal selbst wählen kann, welchen Weg es im Leben einschlägt.“ Besonders wichtig zu betonen ist ihr, dass Überschuldung kein individuelles Problem sei. „Investitionen in Schuldenberatung bringen dem Staat was, das ist belegt.“ Nicht nur die Einzelperson sei davon betroffen. Menschen, die keine Schulden haben, arbeiten mehr, brauchen weniger Sozialleistungen und Gesundheitsservice und können in Folge mehr konsumieren, was wiederum der Wirtschaft helfe.

Nachhaltige Veränderungen

Um die finanzielle Situation von Frauen nachhaltig zu verbessern, müssen sich vor allem gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen ändern, wie Rollenbilder und Arbeitszeitverkürzung, fordert Strablegg-Muchitsch. In Partnerschaften solle es möglich sein, alles anzusprechen und die Kinder­erziehung und -betreuung gemeinsam zu planen. „Da gehört viel Kompromiss in der Beziehung dazu, viel Organisation. Das Problem der Frauenarmut wird meiner Meinung nach nur lösbar sein, wenn unter anderem Care-Arbeit fair aufgeteilt und honoriert wird.“

 

 

Infos: www.sbstmk.at