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Lifestyle | 16.03.2021

Frauen. Stadt. Geschichte.

Mithilfe spannender und historisch bedeutsamer Spaziergänge werden die Geschichte und Errungenschaften von Frauen sichtbar gemacht – und das mitten in Graz.

Text: Stephanie Gaberle, Fotos: © Frauenservice Graz, Shutterstock

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Im Jahr 1984 wurde der Verein Frauenservice Graz ins Leben gerufen – aus dem einfachen Grund, weil es damals keine angemessene Beratungseinrichtung für Frauen gab. Eine wichtige Aktion also. Seit damals habe sich der Schwerpunkt der Beratung – leider – kaum verlagert, erzählt Eva Taxacher, Referentin der beliebten Frauenstadtspaziergänge Graz. Nach wie vor gehe es für Frauen um ganz elementare Dinge.

„Wie kann man unabhängig und selbstbestimmt leben? Das ist ein umfangreiches Thema, immer wieder befassen wir uns mit denselben Inhalten: die schlechte Bezahlung von Jobs, die als ‚weiblich‘ definiert sind, oder die Tatsache, dass hauptsächlich Frauen für Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen zuständig sind.“ Damit einher gehen Schwierigkeiten beim Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt oder andere Probleme im Alltag. „Das sind Themen, die Frauen stark betreffen – die, die immer schon hier gelebt haben, und auch Frauen, die durch unterschiedliche Gründe wie Migration oder Flucht nach Österreich gekommen sind“, erklärt Taxacher. Für Frauenthemen wie Existenzsicherung und Unabhängigkeit bietet der Verein juristische, psychologische, sozialarbeiterische Beratung wie auch Bildungsangebote.

Spazieren wir los! Die Frauenstadtspaziergänge selbst entstanden aufgrund einer Initiative von Studentinnen im Jahr 1991. „Man war schockiert, wie unterrepräsentiert Frauen in der Geschichte der Stadt waren – und das sind sie ja noch immer“, sagt Taxacher. Das Ziel damals war es, mit den Spaziergängen die unsichtbar gemachten Taten von Frauen in den Fokus zu stellen und zu zeigen, wie oft Frauen hinter Männern versteckt wurden und werden. „Geschichte wurde von Männern für Männer geschrieben, und das passiert nach wie vor – im Kunstbereich, in der Wissenschaft, überall.“ Obwohl Frauen gleich viel oder noch mehr leisten, wurde ihr Beitrag oftmals aus dem öffentlichen Bewusstsein gelöscht. Das zeige sich anhand Straßennamen, Schildern, Ortsbezeichnungen und Co. „Mit diesen Dingen wird Erinnerung weitergegeben und wir wollen das Bewusstsein für die tragende Rolle der Frauen wecken.“ Die Spaziergänge sind für alle Interessierten und ohne Anmeldung zugänglich, das Programm ist vielschichtig und variiert.

Der im kommenden April geplante Spaziergang ist beispielsweise eine Kooperation mit der Neuen Galerie Graz, die aktuell die Ausstellung „Ladies first“ präsentiert, kündigt Taxacher an. Beim Walk durch die Stadt soll es sich ebenfalls um Künstlerinnen und ihre Biografie drehen. „Es gibt unglaublich viele Frauen in der Kunst, aber es scheint, als müssten sie immer neu entdeckt werden.“

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Wie kann dieses Missverhältnis nun sichtbarer gemacht werden? Eine der Aktionen, an die sich Taxacher gern zurück­erinnert, ist die „WOMENT!-Ini­tiative“ der Kulturhauptstadt Graz aus dem Jahr 2003. Dabei wurden im Stadtraum Graz 20+3 Erinnerungstafeln angebracht. „Das ist ein super Beispiel, wie man Frauengeschichte ‚einschreiben‘ kann, ohne langwierig Straßen oder Plätze umzubenennen – obwohl das in vielen Fällen auch notwendig wäre, wie wir wissen.“

Diese Tafeln könne man auch heute noch sehen, wenn man wachen Blickes durch die Stadt gehe. Am Südtiroler Platz werde man zum Beispiel auf den „Kirschenrummel“ aufmerksam gemacht – eine verharmlosende Bezeichnung für eine gewaltsame Hungerrevolte samt Frauenprotesten im Jahr 1920. Wieder betont Taxacher, dass sich die geschlechtsspezifischen Probleme seit damals keineswegs in Luft aufgelöst haben. „Gerade jetzt durch Corona wurde uns vor Augen geführt: Frauen sind exponiert und werden schlecht bezahlt, obwohl sie systemrelevant sind. Und dann sind sie auch noch die Ersten, die Arbeitsplätze verlieren, das darf nicht sein.“

Von Erstaunen bis Empörung. Welches Publikum interessiert sich für die Frauenstadtspaziergänge? Das sei völlig unterschiedlich. „Von Schüler*innen und Student*innen über Berufstätige bis zu Pensionist*innen haben wir alles dabei“, sagt Taxacher. Aufgrund der Diversität der Zuhörenden werde besonders darauf geachtet, barrierefreie Routen zu wählen und genügend Pausen zu machen. Mittlerweile gebe es auch Audiosets für besseres akustisches Verständnis.

Die Reaktionen von Zuhörenden seien ebenfalls sehr unterschiedlich, je nachdem, welches Thema behandelt wird. „Von Erstaunen bis Empörung haben wir alles dabei“, berichtet Taxacher. Dabei stoße man auf viel Zustimmung, hin und wieder würden aber auch Fragen gestellt, die das Gesagte anzweifeln. „Wir hören schon öfter den Wunsch nach Beweisen, müssen Daten, Zahlen und Fakten vorlegen, damit uns Glauben geschenkt werden kann.“ Für die Referentin sei vor allem wichtig zu vermitteln: Mit diesen Aktionen soll eine Umgebung geschaffen werden, in der alle Menschen gut zusammenleben können. Dies sei auch ihr persönlicher Antrieb. „Das ist mein Beitrag, den ich leisten kann zu einer sozial gerechteren Welt. Ich erlebe das als sehr schön, mit anderen gemeinsam etwas sichtbar zu machen und vielleicht so, Schritt für Schritt, zu ändern.“

Und warum es für uns alle wichtig ist, uns mit der Vergangenheit von Frauen auseinanderzusetzen? „Ich würde sagen, das ist ein ethisches Anliegen, denn nicht nur die Mächtigen sollen Geschichte schreiben“, sagt Taxacher. Sie möchte Frauen zeigen, dass sie nicht allein sind in ihrem Streben nach einer sozial gerechten Welt, und zitiert dazu die österreichische Historikerin Gerda Lerner: „Jede Frau ändert sich, wenn sie erkennt, dass sie eine Geschichte hat.“

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Frauengeschichte findet Stadt mit dem Team des Frauenservice Graz