Loading…
Du befindest dich hier: Home | Lifestyle

Lifestyle | 11.01.2021

Dreimäderlhaus

Was ist wichtig, um als Patchworkfamilie weiter zusammenzuhalten? Reden, reden, reden ist das Zauberwort, erzählt uns Heidi Fink.

Bild 2012_ST_EM_Patchwork-2.jpg
© privat

Heidi Fink ist 31 Jahre alt und arbeitet als Pflegefachassistentin im LKH. Mit ihren Töchtern (14 Jahre und 5 Monate) sowie zwei lieben Hunden lebt sie in einer Mietwohnung in Graz. Wie sie selbst mit einem Schmunzeln sagt, hat sie sich mittlerweile vom „Überleben zum richtigen Leben“ gemausert und damit auch endlich die Möglichkeit, in ihrem ganz eigenen Bett zu schlafen, anstatt auf einer Couch im Wohnzimmer. Was für viele selbstverständlich klingen mag, ist für eine alleinerziehende Mutter ein langer Weg und mit vielen Herausforderungen verbunden.

Anders geplant. „Als es mit sechzehn Jahren plötzlich hieß, ich bekomme ein Baby, wusste ich zuerst nicht, ob ich mich freuen oder ‚rean‘ sollte“, erzählt Heidi. „Ich habe damals gerade meine Friseurlehre gemacht und wurde schwanger, weil ich Medikamente nehmen musste und diese auch nach Wochen noch mit der Pille wechselwirkten.“ In diesem jungen Alter hat man ja eigentlich andere Pläne – Ausbildung, Party machen, Freundschaften pflegen. Doch Heidi entschied sich dafür, diese riesige Herausforderung zu wagen. Da ihre Mutter ebenfalls sehr früh ein Kind gekriegt hatte, stieß sie in der Situation auf viel Verständnis. „Dass ich schon siebenfache Tante und in einer großen Familie aufgewachsen bin, war hilfreich. Da hatte ich die Unterstützung von daheim und hätte es nicht übers Herz gebracht, die Kleine nicht zu bekommen.“ Die Lehre wurde unterbrochen und nach der Karenz fortgeführt.

Harte Zeiten. In diese Zeit fiel auch die Trennung vom Vater der damals eineinhalbjährigen Emily. Diese Zeit war keine leichte, erinnert sich Heidi. „Ich bin wieder zu meinen Eltern gezogen, die mich finanziell leider nicht allzu viel unterstützen konnten.“ Die reinen Grundbedürfnisse zu erfüllen und einen Beruf zu erlernen, waren nicht die einzigen Challenges in dieser Zeit – es galt, eine vernünftige Beziehung zum Ex-Partner und Kindspapa aufrechtzuerhalten. „Wir haben das gemeinsam gemacht, auch wenn viele total erstaunt waren, wie das gehen soll. Davor hatten wir immer als Traumpaar gegolten“, sagt Heidi. Nun traten verständlicherweise Themen wie Eifersucht und andere Differenzen in den Vordergrund. Um ihrer gemeinsamen Tochter ein förderliches Umfeld zu bieten, sprangen sie aber beide über ihren Schatten. „Natürlich war es nicht leicht – wir hatten ja irgendwann beide neue PartnerInnen, und das ist natürlich herausfordernd. Auch die Frage der Kindererziehung – immerhin hat man als Mutter, die quasi rund um die Uhr bei der Kleinen ist, mehr Einblick als der Papa, der sie jedes zweite Wochenende abholt. Die Vaterbeziehung ist aber auch sehr wichtig und obwohl wir nicht wussten, wo die Reise hinführt, haben wir immer zusammengehalten.“

Bild 2012_ST_EM_Patchwork-8.jpg
© privat

Wichtige Entscheidungen. Gemeinsam mit ihrem älteren Bruder zog sie nach Graz in eine Wohnung, um noch einmal neu anzufangen. „Wir waren immer ein tolles Team und stehen uns auch heute sehr nah.“ Eine Teilzeitstelle in einem Friseursalon war schnell gefunden und eine eigene kleine Wohnung folgte, doch der Verdienst reichte einfach nicht, um sich etwas aufzubauen. Nach sieben Jahren gemeinsamen Wohnens mit dem Bruder war es für Heidi wichtig, einen eigenen kleinen Bereich zu haben – trotzdem blieben die beiden zumindest im selben Wohnhaus. „Als Friseurin mit meinem 30-Stunden-Job konnten wir mit meinem Gehalt gerade über die Runden kommen. Ich musste alles – auch Mahlzeiten – hart einkalkulieren, die Brieftasche war immer leer. Irgendwann habe ich mir dann gesagt, so geht es nicht weiter, ich will meinem Kind was bieten.“

Beruflicher Neustart. Sie ergriff die Chance, sattelte beruflich komplett um und startete unter großen Anstrengungen eine Ausbildung zur Pflegefachassistentin. Drei Jahre lang schlief sie in ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung auf der Couch, damit ihre Tochter ein eigenes Zimmer haben konnte. „Mein Leben bestand aus arbeiten, lernen, Kindererziehung und Sport (Fußball und Boxen) als Ausgleich“, erzählt sie. „Da war es wirklich eine unglaubliche Erleichterung für mich, wenn der Kindspapa jedes zweite Wochenende Zeit mit der Tochter verbringt.“ In einer Zeit als Alleinerziehende passieren natürlich generell viele Zwischenfälle. Partner, die kommen und gehen, harte Zeiten ohne Geld und mit vielen Sorgen. „Natürlich sitzt man dann manchmal da und denkt sich: Warum muss genau ich so leben? Warum kriegen so viele andere mehr Möglichkeiten und ich muss immer kämpfen?“

Nach einem erfolgreichen Praktikum im LKH wurde Heidi dort fix angestellt. Ab diesem Zeitpunkt pendelten sich die finanziellen Schwierigkeiten etwas ein, worauf Heidi heute sehr stolz ist. Mittlerweile hat Heidi wieder einen Partner, den sie jeden Tag sieht und mit dem sie die fünf Monate alte Mia bekommen hat. Auch die Beziehung zum Kindspapa von Emily hat nun eine gewisse Reife und sich mit den Jahren stetig verbessert.

Bild 2012_ST_EM_Patchwork-7.jpg

© privat

Bild 2012_ST_EM_Patchwork-9.jpg

© privat

Bild 2012_ST_EM_Patchwork-4.jpg

© privat

Feiern als Patchworkfamilie. „Wir bemühen uns sehr, guten Kontakt aufrechtzuerhalten, und feiern Weihnachten und Ostern zwar nicht als ‚richtige Familie‘, aber als Patchworkfamilie“, sagt Heidi.
Ihr „Rezept“ für eine funktionierende Kommunikation? „Ja, genau das: reden. Ganz viel reden.“

Dabei sei es wichtig, auch negative Situationen anzusprechen, sich mit den Problemen, Wünschen und Zukunftsperspektiven der gemeinsamen Tochter gleichermaßen zu beschäftigen und sie nicht unter persönlichen Konflikten leiden zu lassen. „Da ist es ganz wichtig, dass es nicht um mich persönlich geht. Und dass das eigene emotionale Chaos dem Kind nicht die Zukunft verbaut.“

Auch als junge Mama verstehe man nicht alles auf Anhieb, jeden Tag ein kurzes Gespräch mit der Tochter zu führen, sei unerlässlich – und meist auch ein schönes Erlebnis. „Manchmal kann es passieren, dass sie weint, manchmal lacht sie, aber normalerweise sagt sie immer etwas und klatscht die Themen gleich auf den Tisch“, lächelt Heidi. „Im Endeffekt sehe ich vor mir eine 14-jährige junge Frau, der wir einfach nur Tipps mitgeben können, damit sie ihr Leben so gestalten kann, wie sie es möchte.“

Sicherheit geben. Bei Meinungsverschiedenheiten zögere Heidi auch keine Sekunde, Emilys Vater hinzuzuziehen. „Das funktioniert ganz gut. Wenn es ein Problem gibt, rufe ich an, er kommt und dann besprechen wir das zu dritt am Tisch.“ Eine Struktur im Zuhause und das Gefühl, dass die Eltern am gleichen Strang ziehen, gebe Sicherheit. Und da lerne man dann auch dazu, vor allem auch bei der Beziehung zwischen Vater und Tochter. Und auch wenn sich die Beziehung mittlerweile natürlich gewandelt habe, verbinde die beiden statt der ersten Jugendliebe eine tiefe und ehrliche Freundschaft. „Wir tun das Ganze nicht für uns, wir machen das für sie.“

Leben, wie ich will. Letztes Jahr ist Heidi mit ihren zwei Töchtern endlich in eine größere Wohnung gezogen, nun hat sie ihr eigenes Zimmer mit eigenem Bett – ein wichtiger Rückzugsort für sie. Mit ihrem jetzigen Partner plant sie als nächsten Schritt, irgendwann zusammenzuziehen. Aber aktuell genieße sie das Gefühl, sich das alles selbst erarbeitet zu haben. „Jetzt bin ich 31 Jahre und habe das erste Mal das Gefühl, dass ich leben kann, wie ich will, das ist richtig schön.”