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Lifestyle | 22.02.2021

Der Surrealismus der Leipziger Schule

Die wesentlichen Merkmale

Der Begriff der Leipziger Schule fasst Maler zusammen, die in der Wirkungsstätte Leipzig leben und arbeiten. Anfangs begleitete die „Leipziger Kunst“ die sozialistische Gesellschaft der DDR, ehe sie nach dem Mauerfall einen regelrechten Hype erfuhr. Wir werfen einen Blick zurück auf den besonderen Stil der Leipziger – und auf die Künstler, die mit ihren Werken den sozialistischen Realismus unterwanderten.

Die wesentlichen Merkmale der Leipziger Schule

Die Künstler der Leipziger Schule verband weniger ein gemeinsamer Stil, sondern vielmehr die Wirkungsstätte Leipzig. Bekannte Maler wie Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer oder Bernhard Heisig studierten und lehrten an der Hochschule für Graphik und Buchkunst. Der populäre Begriff der Leipziger Schule lässt sich indes auf die von Bernhard Heisig gegründete Malklasse zurückführen. Generell wirkte das dort entstandene Netzwerk weit über die Hochschule hinaus.

Was die Vertreter der Leipziger Schule verband, war eine gemeinsame Bildsprache. Diese war keinesfalls einheitlich, sondern vereinte vielmehr unterschiedliche Stilformen miteinander. Allen Künstlern gemein war ein hoher kreativer Anspruch, verbunden mit exzellentem handwerklichem Können. Innerhalb der Leipziger Schule bildeten sich fortan zwei unterschiedliche Strömungen heraus: Einerseits die ausdrucksstarken und leidenschaftlichen Werke, andererseits die sachlichen, etwas formstrengeren Bilder. Während Tübkes Werke Einflüsse aus der Renaissance und dem Manierismus aufweisen, wirkt das malerische Oeuvre von Bernhard Heisig expressiv. Der ersten Generation der Leipziger Schule folgten nach der Wende Schüler wie Neo Rauch oder Matthias Weischer nach. Unter der Bezeichnung der „Neuen Leipziger Schule“ führten sie die künstlerische Tradition – wenn auch unter anderen politischen Rahmenbedingungen – fort.

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Die Vertreter der Leipziger Schule verstehen es, die klassische Moderne mit früheren kunstgeschichtlichen Epochen zu verbinden. Foto: pixabay.com © freephotocc

Nach dem Mauerfall galten die DDR-Künstler als reaktionär. Allerdings konnte die Herabwürdigung des Figurativen den Schaffensdrang der Künstler nicht aufhalten. Auch nicht den bekannten Leipziger Maler Lutz R. Ketscher, dessen surrealistische Werke über die Landesgrenzen hinaus Berühmtheit erlangten. Als wahrer Meister seines Faches interessierte sich der junge Ketscher schon als Kind für Zeichnungen. Seine Lehrstelle als Chromolithograph öffnete ihm Tür und Tor für seinen künstlerischen Werdegang. Was folgte, ist bekannt: Eine Ausbildung an der HGB in Leipzig.  

Lutz R. Ketscher als Meister der surrealistischen Kunst

Schon als junger, freidenkender Mann setzt Ketscher mit seinem unnachahmlichen Stil ein Markenzeichnen. Seine Bilder bestechen mit einer Liebe zum Detail und präzisen Bildkompositionen. Zusätzlich wertet eine intensive Farbgebung die oftmals mythologischen Sujets auf. Den Geist der Antike kleidet Ketscher in ein vollkommen neues, gesellschaftliches Gewand. Beim Betrachter ruft seine harmonische Bildsprache eindrucksvolle Assoziationen hervor. Unter anderem das Gefühl, das künstlerische Erleben zwischen zwei Gesellschaftssystemen vorzufinden.

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Die Bilder der Neuen Leipziger Schule laden deren Betrachter zum Interpretieren der auf den Leinwänden erzählten Geschichten ein. Foto: pixabay.com © scholacantorum

Gerhard Richter als großer Künstler der figurativen und abstrakten Malerei

Einen weiteren wichtigen Platz in der Riege der Leipziger Schule nimmt der 1932 geborene Gerhard Richter ein. Im zarten Alter von 29 Jahren aus der DDR geflohen, verwirklichte Richter in Düsseldorf seinen Traum vom Kunststudium. In seiner künstlerischen Schaffenszeit fertigt er mehr als 3.000 Kunstwerke an. Viele seiner Arbeiten bilden ein Zeugnis seiner emotionalen Natur ab. Seine Werke sind auch eine Reaktion auf das, was er erblickt – wobei Richter gerne den Zufall an seiner Seite weiß.

Beispielsweise positioniert er mit einem Pinsel Farbtupfer auf einer Leinwand – um später zusätzliche Farbe aufzutragen. Stilistisch experimentiert Richter viel – mal mit figurativen Bildern, mal mit komplexen Abstraktionen.  Zu seinem Markenzeichen avancierten in den 1980er Jahren Kerzen- und Schädeldarstellungen. Ihr gelungener fotorealistischer Stil verleiht den flammenden Kerzen eine mystische Ausstrahlung, die ihresgleichen sucht. Dabei fungieren die gemalten Gegenstände immer auch als Symbole, etwa für das vergängliche Dasein. Richters Anliegen ist es, Unterschiede und Widersprüche lebensfähig in der Kunst zusammenzubringen.

Neo Rauch – einer der bekanntesten zeitgenössischen Künstler

Der 1960 in Leipzig geborene Neo Rauch gilt heutzutage als wichtiger deutscher Maler. Sein kreativer Werdegang begann ebenfalls an der bekannten Leipziger Hochschule. Nach seinem Abschluss arbeitete der Professor einige Jahre an der Hochschule für Grafik und Buchkunst. Das Oeuvre des Künstlers ist so vielseitig wie beeindruckend. Neben unzähligen Malereien ergänzen Zeichnungen und druckgrafische Arbeiten sein Werk.

Ab dem Jahre 1993 wurden die Werke des bedeutenden Malers der Leipziger Schule vielerorts ausgestellt. Unter anderem im Leipziger Museum der bildenden Künste oder in der Galerie der zeitgenössischen Kunst. Auch in internationalen Gruppenausstellungen in Venedig, Moskau oder Sao Paulo wurden Rauchs Kunstwerke zur Schau gestellt.

Wenn Surrealismus und Pop-Kultur aufeinandertreffen

Neo Rauch versteht es, zeitgenössische Manier mit einem postkommunistischen Surrealismus anzureichern. Moderne Mythen verschmelzen in seiner Kunst mit politischem Realismus. Neo Rauchs großformatige Gemälde bilden Dinge und Menschen in einer Art Zwischenwelt ab: Sie vereinen Realität und Pop-Art mit Cartoons. Gleichzeitig zeugen viele Kunstwerke aus der Sammlung von der Heimatverbundenheit des Künstlers. Oft finden sich die dargestellten Landschaften in der Stadt Leipzig, aber auch in Aschersleben wieder.

Dass die Menschen auf Neos Bildern nie wirklich greifbar wirken, hängt möglicherweise auch mit dessen Biographie zusammen. Schon früh musste Neo Rauch einen schweren Schicksalsschlag – den Tod seiner Eltern – verarbeiten. Zur Gänze verstanden werden wollte der Künstler ohnehin nicht. So bezeichnete er Meisterwerke, die die Welt verändern und von anderen verstanden werden, als „künstlerische Unfälle“. Auch Rückschauen behagen ihm nicht. Da „Gelassenheit und Altersmilde“ fehlen, die es benötigt, um sich mit früheren Werken auseinanderzusetzen. Generell sucht der vertraute Maler der Leipziger Schule mit zunehmendem Alter seine Lebensruhe. Seine Kunst bewertet er selbst mehr oder minder als Gleichgewicht – als eine Darstellung zwischen der Wirklichkeit und dem Surrealismus.

Leipziger Schule als Sinnbild der ausgereiften Zeichenkunst

Was die Maler der Neuen Leipziger Schule vereint, ist ihre ausgereifte Zeichenkunst. Traditionelles Kunsthandwerk bringen die Leipziger Kreativschaffenden mit narrativen Elementen zusammen. Als Ergebnis steht ein Kunststil, der Geschichten erzählt und die Phantasie der Betrachter anregt. Dennoch sehen sich die Künstler nicht nur als Teil einer Bewegung, sondern als eigenständige Kreative an. Sie alle eint eine gewisse Leipziger Traditionslinie, welche die Malerei gemäß ihren eigenen Möglichkeiten neu verhandelt.