Loading…
Du befindest dich hier: Home | Lifestyle

Lifestyle | 22.12.2020

Let’s talk about …

Mit Methodik, Plüsch und ganz viel Verständnis arbeitet der Grazer Verein Mafalda daran, Mädchen ein besseres Gefühl für ihre Sexualität und ihren Körper zu vermitteln.

Bild 2011_ST_EM_Mafalda.jpg
© Shutterstock

Der Umgang mit Sexualität will gelernt sein. Mafalda ist ein projektbasierter Verein in Graz, der sich seit über 30 Jahren für unterschiedlichste Belange von Mädchen und Frauen einsetzt. Begonnen mit dem Thema „Chancengleichheit im Job“ habe sich das Ganze bald zu einer Anlaufstelle in vielen unterschiedlichen Bereichen entwickelt, erzählt uns Susanne Alter, die Leiterin der psychosozialen Beratungsstelle. „Es besteht einfach so viel Aufklärungsbedarf in puncto Sex und Zärtlichkeit.“ Seit mittlerweile 20 Jahren führt Mafalda nun auch sexualpädagogische Workshops durch, die sich vor allem auf Schulen wie NMS oder polytechnische Einrichtungen fokussieren. „Zehn speziell in Sexualpädagogik ausgebildete Referentinnen vermitteln dort mit verschiedensten Methoden Inhalte, die sich im Schulalltag nur schwer besprechen lassen. Und da bekommen wir wirklich viele Anfragen“, erklärt Verena Strobl-Pavel, die Organisatorin der sexualpädagogischen Workshops.

Pornos sind keine gute Quelle. Bei ihren Schulbesuchen konzentriere sich der Verein in erster Linie auf die Bedürfnisse von Mädchen und möchte einen Raum bieten, in dem wert- und urteilsfrei über intimste Themen gesprochen werden darf. Um auch die Anliegen der Burschen nicht zu vernachlässigen, gibt es immer wieder enge Kooperationen für Parallelworkshops mit der Fachstelle für Burschenarbeit in Graz. Über den Sommer wurde auch gemeinsam ein neues Projekt mit dem Namen „Da schau her“ (www.daschauher.info) entwickelt, das sich sinnvollen aufklärenden YouTube-Videos widmet.

„Viele Jugendliche schauen als Informationsquelle Pornos, doch die bieten leider meist nur begrenzt Antworten auf die Fragen, die sie wirklich beschäftigen“, sagt Alter. „Es wirkt, als gäbe es ‚richtig und falsch‘ oder eine vorgegebene Art, Sex zu haben. Dabei geht es vielmehr darum, was mir und meinem Partner oder meiner Partnerin gefällt.“

Schönheitsnormen, Vulvina und Co. Die Mafalda-Workshops thematisieren nicht nur das Thema Sex an sich, erklärt Strobl-Pavel. Es gehe auch um Dinge wie Schönheitsnorm oder Standards, um den Mädchen dabei zu helfen, Frieden mit ihrem Körper zu schließen. Auch Sprache sei dabei Gegenstand der Diskussion. „Die Dinge, die wir sagen, prägen Normen und Wertschätzung und leider werden vor allem Körperteile von Frauen oft abwertend dargestellt. Gewisse Begriffe wie ‚Jungfernhäutchen‘ oder ‚Scheide‘ verwenden wir in den Workshops nicht. Wir benennen die Klitoris, die oft gar nicht vorkommt in den Lehrbüchern, und sprechen von der Vulva – oder der neuen Bezeichnung ‚Vulvina‘, die Kombination aus Vulva und Vagina.“ Der reguläre Schulunterricht behandle oft rein die Reproduktionsorgane von Frauen und nicht das Lustempfinden. Mafalda arbeitet deswegen mit verschiedensten Methoden wie der „Körperampel“, den „Fragen an das andere Geschlecht“ oder diversen Quizformaten. Um das Besprochene auch anschaulich darzustellen, werden beispielsweise Koffer mit Verhütungsmitteln und Menstruationsartikeln mitgebracht oder spezielle Plüschmaterialien von PAOMI verwendet.
Susanne Alter weiß, welche Wissenslücken sich dabei auftun können: „Auch bei Erwachsenen ist es oft spannend zu sehen, dass beispielsweise die Klitoris kaum erkannt wird. Wie groß sie wirklich ist, ihre Form – vielen Menschen ist das alles ein Rätsel.“ Das Defizit sei zum Teil sogar in medizinischen Büchern erkennbar.

Bild 2011_ST_EM_Mafalda-2.jpg
 
Bild 2011_ST_EM_Mafalda-1.jpg
 
Bild 2011_ST_EM_Mafalda-3.jpg
 

Keine Tabus. Derartige und andere Tabuthemen können in den Workshops frei von der Seele thematisiert werden, sagt Frau Strobl-Pavel. „Dinge wie Menstruation, Selbstbefriedigung, Jungfräulichkeit lassen sich oft leichter ansprechen, wenn Mädchen unter sich sind.“ Wichtig ist es für die beiden Sozialpädagoginnen zu betonen, dass in der Klasse kein Zwang bestehe, an der Diskussion teilzunehmen – obwohl die Mädchen ihrer Erfahrung nach generell großes Interesse zeigen. Alle sollen sich wohlfühlen und ihre eigenen Grenzen wahren können. Im Zuge einer Methode namens „Black Box“ können Fragen anonym abgegeben werden, um sie im Anschluss gemeinsam zu besprechen.

Warum braucht es diese Form der Sexualpädagogik? „Da spielt auch viel der präventive Charakter mit“, meint Strobl-Pavel. „Wir sehen einfach, dass noch nicht genug Wissen vorhanden ist und dass diese Themen mehr in die Öffentlichkeit gehören, damit die Errungenschaften, die über Jahre gemacht wurden, nicht in Gefahr geraten.“ Sie sehe ein großes Problem darin, dass in manchen Ländern LehrerInnen gar nicht über sexualpädagogische Inhalte reden dürfen, die über die biologische Funktion hinausgehen. Außerdem bestehen Befürchtungen, dass sich weltweit die politische Gesetzgebung wieder verändert und es Rückschritte beim Thema Schwangerschaftsabbruch geben könnte. „Auch in Österreich ist das noch im Strafgesetzbuch geregelt – das kann einfach nicht sein.“ Susanne Alter betont noch einmal, wie wichtig es sei, einen wertfreien Umgang mit diesen Themen zu vermitteln, um persönliche Grenzen wahrnehmen und einschätzen zu können. „Auch Bilder in den Medien müssen unbedingt aufgegriffen und besprochen werden, damit junge Mädchen nicht glauben, sich daran orientieren zu müssen.“

Der verbindende Grund für die Berufswahl der beiden Frauen setze sich zusammen aus dem grundlegenden Interesse an Frauenthemen und dem Wunsch, Mädchen solidarisch zu unterstützen. Und was ist das Schönste an so einem verantwortungsvollen Job? Susanne Alter beantwortet es so: „Diesen besonderen Raum für Mädchen und Frauen bieten zu können, ihnen dabei zu helfen, sie selbst sein. Damit sie und sich ausprobieren und ihre Identitäten kennenlernen können. Das erfüllt mich.“

www.mafalda.at