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Lifestyle | 17.11.2020

100 Jahre Konservatorium

Seit 1920 gibt es in Graz ein Konservatorium – dessen Wurzeln freilich weit ins 19. Jahrhundert zurückreichen. Stürmische Zeiten hat die Bildungseinrichtung allemal durchlebt, wurde sie doch Zeugin von Kriegen, Krisen und politischen Umbrüchen.

Fotos Mag. Marko, Land Steiermark, Musikverein für Steiermark

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Österreich im Jahr 1920: Immer noch ist man gezeichnet von den Folgen des Ersten Weltkrieges. Vor allem in den Städten gibt es Hunger und Elend. Die Wirtschaft liegt am Boden, die Währung steht am Rande des Zusammenbruchs. Ablenkung vom tristen Alltag bieten Freizeit, Kunst und Kultur, deren Stellenwert rasch zu steigen beginnt. Das zeigt sich auch in Graz, wo die Landesregierung der Musikschule des dort ansässigen Steiermärkischen Musikvereins einen lang gehegten Wunsch erfüllt: Sie darf fortan den Titel „Konservatorium“ führen.
Der Musikverein selbst war bereits 1815 als „Akademischer Musikverein von Grätz“ gegründet worden. Schon bald rief dieser eine eigene Musikschule ins Leben, die regen Zulauf erhielt. Zu den Unterstützern zählten herausragende historische Persönlichkeiten. Als man in den 1830er-Jahren in massive Finanznöte geriet, war es kein Geringerer als Erzherzog Johann, der durch sein rettendes Eingreifen eine Schließung der Vereinsmusikschule verhinderte. In den folgenden Jahrzehnten gab es Höhen und Tiefen, doch wurden die Krisen stets gemeistert. Selbst der entbehrungsreiche Erste Weltkrieg (1914–1918) brachte den Betrieb nicht zum Erliegen.

 

 

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Weltwirtschaftskrise und nationalsozialistische Umtriebe. Zwei Jahre nach Kriegsende war die Verleihung des Titels „Konservatorium“ nun tatsächlich ein einschneidendes Ereignis. 1934 folgte der nächste Meilenstein: Dem Konservatorium wurde das Öffentlichkeitsrecht zuerkannt, das zur Abhaltung staatsgültiger Prüfungen ermächtigte. Diese Errungenschaft wurde aber bereits von der Weltwirtschaftskrise überschattet. In seiner finanziellen Not war das Konservatorium gezwungen, mit der überaus wertvollen „Kaisersammlung“ – Kaiser Franz Joseph hatte diese 1879 dem Musikverein vermacht – seinen wertvollsten Besitz zu veräußern. Zudem warf der Nationalsozialismus in Österreich seine Schatten voraus. Die illegale NS-Bewegung erstarkte zusehends, auch innerhalb des Konservatoriums. Doch als die Nationalsozialisten 1938 die Macht an sich rissen, wurden die bestehenden Strukturen im steirischen Musikschulwesen rasch zerschlagen. Die politische Erziehung hatte Vorrang gegenüber der pädagogischen. Im ganzen Land schossen „Musikschulen für Jugend und Volk“ aus dem Boden, die für die primäre Musikausbildung verantwortlich zeichneten. Und während die musikalische Berufserziehung jetzt an der Landesmusikschule erfolgte, verlor der Musikverein seinen traditionellen Status als musikalische Bildungsstätte.

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Als der Zweite Weltkrieg im Frühjahr 1945 zu Ende ging, lagen Teile von Graz in Schutt und Asche. Wie zahlreiche andere Einrichtungen, so erhob sich auch das Konservatorium unglaublich rasch aus den buchstäblichen Trümmern. Ab Herbst 1945 wurde die Landesmusikschule als Steiermärkisches Landeskonservatorium mit öffentlichen Mitteln weitergeführt – pädagogisch verschrieb man sich wiederum dem ureigenen Leitgedanken, nämlich „künstlerischer Vor- und Ausbildung von Musikern sowie der Musikpflege der Jugend und Laien“.

Strukturelle Weichenstellungen. Eine nachhaltige Strukturreform setzte die öffentliche Hand 1963 durch die Aufgliederung des Landeskonservatoriums in die „Akademie für Musik und darstellende Kunst“ (heute Kunstuniversität) und in die verbleibende Landesmusikschule. 17 Jahre später wurde Letztere wiederum zu einem Konservatorium mit Öffentlichkeitsrecht erhoben. Und 1991 erhielt das Konservatorium anlässlich des 250. Todestages von Johann Joseph Fux seinen heutigen Namen: „Johann-Joseph--Fux-Konservatorium des Landes Steiermark in Graz“. 2004 dann ein Paukenschlag: Das Haupthaus in der Nikolaigasse wurde großzügig umgebaut und modernisiert – ein Projekt, das mehrere Jahre in Anspruch nahm und das Konservatorium zukunftsfit für die Herausforderungen des neuen Jahrtausends machte.      

www.konservatorium.steiermark.at

Gründung des Grazer Musikvereins, der schon bald darauf eine eigene Musikschule eröffnet.

Die Vereinsmusikschule erhält das Recht, den Titel „Konservatorium“ zu führen.

In der NS-Zeit aus dem Musikverein herausgelöst, wird die Musikausbildung nach Kriegsende am Steiermärkischen Landeskonservatorium weitergeführt.

Aufgliederung des Landeskonservatoriums in die „Akademie für Musik und darstellende Kunst“ (heute Kunstuniversität) und in die Landesmusikschule (heute Johann-Joseph-Fux Konservatorium).


Lifestyle | 17.11.2020

Der Ton macht die Musik

Das Johann-Joseph-Fux-Konservatorium steht in der Steiermark seit vielen Jahrzehnten für musikalische Breiten- und Spitzenförderung. Bildungsmöglichkeiten, Internationalisierung und Kooperation werden hier großgeschrieben – auch in Zeiten von Corona.

Eduard Lanner, Direktor des
Johann-Joseph-Fux-Konservatoriums

 

Mit fast 2.400 Schülerinnen und Schülern, über 100 Studierenden, rund 130 Lehrkräften, dem Haupthaus in der Nikolaigasse und seinen Außenstellen in sieben Grazer Bezirken ist das Konservatorium eine zentrale steirische Anlaufstelle für Musikpädagogik und Musikausbildung. Seit 2014 wird es von Direktor Eduard Lanner geleitet. Mit ihm sprachen wir über vergangene und zukünftige Herausforderungen.

Wo sehen Sie die Stärken Ihres Bildungsangebotes?
Zunächst in der sehr breiten Palette, die wir anbieten können: Es beginnt beim Eltern-Kind-Musizieren und bei der musikalischen Früherziehung und geht über den Instrumentalunterricht der allgemeinen Musikausbildung bis hin zur Begabtenförderung für außergewöhnliche Talente. Jedes Jahr sind einige dabei, die den Sprung an die Kunstuniversität schaffen. Wir bieten Gesangs-, Chorleiter- und Orchesterleiterausbildungen, Ausbildungen an klassischen Instrumenten, an Volks-musikinstrumenten, an Instrumenten der Popularmusik wie auch an historischen Instrumenten.

Wie werden die Leistungen des Konservatoriums für die breite Öffentlichkeit sichtbar gemacht?
Durch öffentliche Auftritte. Bei zahlreichen Konzerten präsentieren unsere Orchester, Ensembles und Solisten alljährlich ihr beeindruckendes Können. Bei vielen Konzerten sind wir selbst Veranstalter oder Mitveranstalter. Als Beispiel darf ich die sehr erfolgreiche Konzertreihe „Konsonanzen“ nennen, die freilich durch Corona unterbrochen wurde.

Welche Auswirkungen hatten Lockdown und Einschränkungen generell auf Ihr Haus?     
Natürlich einschneidende. Nach der Schließung im März hatten wir dieselben Probleme wie andere Bildungseinrichtungen auch. Es gab eine gewisse Orientierungsphase, bis die Umstellung auf den Onlineunterricht vollzogen war. Und dann noch einmal ein Zeitfenster, innerhalb dessen sich die neuen Strukturen einspielen mussten. Letztlich haben wir das alles ganz gut hinbekommen, da möchte ich den Schülerinnen und Schülern, den Studierenden und Lehrkräften ein Kompliment aussprechen. Zu unseren Veranstaltungen: Die wurden zum Teil mittels Livestream übertragen. Und auf eines bin ich besonders stolz …

Worauf?
Dass wir unserer Linie auch in dieser so schwierigen Zeit treu geblieben sind. Erstens der Internationalisierung, die mir ein besonderes Herzensanliegen ist. Immerhin nehmen wir am ERASMUS-Programm teil, kooperieren mit Bildungseinrichtungen weltweit und haben in den letzten Jahren immer wieder große Konzertreisen unternommen, zum Beispiel nach Frankreich und Russland. Reisen war jetzt zwar nicht möglich, aber wir haben unsere internationalen Netzwerke so gut wie möglich gepflegt. Zweiter Aspekt: Die Kooperation, in der Steiermark mit dem Blasmusikverband, dem Chorverband, dem Musikverein und der Kunstuniversität. Gemeinsam mit Letzterer bieten wir ja in der Volksmusik ein ordentliches Bachelor- und Masterstudium an. Der Ton macht die Musik, und damit meine ich: Wenn wir die Musikausbildung in der Steiermark weiter voranbringen möchten, geht das nur durch konstruktive Zusammenarbeit.   

Wo gibt es Aufholbedarf?
Es ist gut, dass Sie das fragen. Trotz der erfreulichen Entwicklungen darf man nämlich tatsächlich auch kritisch sein. Während sich in der Breitenförderung einiges tut, sehe ich Probleme in der Spitzenförderung. Da hinkt die steirische Musikausbildung Vorzeigeländern wie Slowenien doch deutlich hinterher. Dort erfolgt die Begabtenförderung von klein auf sehr strukturiert im Rahmen des Bildungssystems. Hierzulande gibt es Mängel, es fehlt ein zentrales Management. Wir dürfen uns also nicht auf Lorbeeren ausruhen, für die Zukunft bleibt noch viel zu tun.