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Lifestyle | 05.11.2020

Die Kunst des Scheiterns

Mit den Fuckup Nights Graz hilft die Mediatorin Lisa Steindl Unternehmen, mit Fehlern und Scheitern richtig umzugehen.

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"Viele scheitern gerade deswegen, weil sie so große Angst vor dem Scheitern haben.", Lisa Steindl © Thomas Luef

Dank Lisa Steindl haben Unternehmer in Graz regelmäßig die Gelegenheit, zu erzählen, was bei ihnen einmal so richtig schiefgelaufen ist. Die studierte Betriebswirtin ist systemischer Coach und Mediatorin mit Spezialsierung auf das Schreckgespenst jedes Unternehmers: das Scheitern. Mit ihrem eigenen Unternehmen „G’scheiter miteinander“ organisiert sie firmeninterne Workshops und Coachings. Das Ziel: eine gesunde Kultur des Scheiterns etablieren. Genau darum geht es auch bei den Fuckup Nights Graz. „Ich habe ein Format für Austausch und Netzwerken gesucht“, erzählt sie. „Als ich in Irland bei einem Konfliktmanagement-Unternehmen gearbeitet habe, war ich bei einer Fuckup Night, wo jeder seine größte Herausforderung nennen sollte. Meine war es, mir ein Netzwerk aufzubauen. Einer sagte zu mir: Organisiere doch die Fuckup Nights in deiner Stadt, wenn du zurückkommst!“ Genau das tat Steindl  2017 gemeinsam mit Salomé Wagner und seither sind die Fuckup Nights im Lendhafen fixer Bestandteil der Grazer Businessszene.

Offen darüber sprechen

Das Konzept: Drei Speaker erzählen jeweils zehn Minuten über ihr größtes Fuckup. Anschließend gibt es eine Austauschrunde mit dem Publikum oder einen Workshop. „Ein Ziel der Fuckup Nights ist, dass man die Kultur des Scheiterns so umdenkt, dass Scheitern einfach dazugehört. Ich habe BWL studiert und Scheitern ist da nicht dabei. Das wird nicht mitbedacht. Wir sagen bei den Fuckup Nights nicht, dass Scheitern so großartig ist. Natürlich will man es vermeiden und natürlich tut es extrem weh. Man wünscht es sich nicht, aber es gehört einfach dazu.“

Um dieses Umdenken zu erreichen, braucht es vor allem eines: offenen Austausch über Fehler. Das ist das zweite Ziel der Fuckup Nights. Wie so oft im Leben muss jemand mutig vorangehen und seine Geschichte erzählen. „So schafft man Austausch auf Augenhöhe“, sagt Steindl. „Das dritte Ziel ist dann, dass man aus den Fehlern lernt. Wenn man darüber redet, was nicht funktioniert, müssen andere diesen Fehler nicht auch noch machen.“ Oft würden sich aus anfänglichen Misserfolgen auch noch großartige Dinge ergeben – etwa in der Medizin, wenn eine scheinbar gescheiterte Studie zu wichtigen Erkenntnissen in einem anderen Bereich führe.


In Österreich ist man angesichts von Menschen, die scheitern, schnell mit Ablehnung und Vorurteilen zur Stelle, anstatt nach wertvollen Erkenntnissen zu suchen, die sich aus Fehlern gewinnen lassen. Für Steindl liegt das daran, dass wir in Österreich nicht besonders risikofreudig sind – weil es uns so gut geht! In anderen Kulturen, wie etwa der Türkei, seien viele Menschen aus purer Notwendigkeit Kleinunternehmer, wenn sie etwa als Händler am Basar arbeiten.  „In Österreich sind viele in ihrer Komfortzone, haben eigentlich eine Idee, trauen sich aber nicht, etwas Neues anzufangen, weil sie denken, dass es ohnehin nicht funktionieren wird.“ Würde man mehr über das Scheitern reden, anstatt es zu tabuisieren, hätten auch viel mehr Menschen die Chance, ihre Träume zu verwirklichen. „Der Trick ist, dass man dem Thema Fehler und Scheitern einmal Raum gibt. Dann entwickelt es sich von selbst“, erklärt Steindl. In Unternehmen funktioniert das mit Workshops sehr gut. „Man muss sich Fragen stellen wie: ,Was bedeutet Scheitern? Was wäre für uns der nächste Schritt, etwas auszuprobieren und mutig zu sein?‘ Jetzt mehr denn je braucht man mutige Mitarbeiter, die Eigeninitiative ergreifen und innovativ sind! Wenn man Fehler zulässt, kann man das fördern.“ Man könnte interne Fuckup Nights veranstalten oder nach dem Vorbild von Kommunikationsregeln auch Regeln für den Umgang mit Fehlern aufstellen.

Es gibt zahllose Gründe für Scheitern, aber viele würden gerade deswegen scheitern, weil sie sich aus Angst vor dem Scheitern nicht fokussieren, sondern sich alles offenhalten und sich dann verzetteln, merkt Steindl an und sagt: „Der einzige Weg, die Angst zu überwinden, ist, durch die Angst hindurchzugehen.“ Oder, wie J. K. Rowling es formulierte: „Ohne Misserfolge zu leben ist unmöglich. Es sei denn, du lebst so vorsichtig, dass du genauso gut gar nicht gelebt haben könntest – was einem totalen Scheitern gleichkommt.“


www.gscheitermiteinander.at