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Lifestyle | 26.10.2020

Über den Fall nach der Behandlung

Heilung ist ein Prozess. Doch wenn der körperliche Teil abgeschlossen ist, gerät die Arbeit auf psychologischer Ebene oft in Vergessenheit. Jutta Hirn und Gerti Schmid teilen ihre Erfahrungen mit Brustkrebs.

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© Thomas Luef

Gespräche und Erfahrungen mit Betroffenen sowie auch Recherchen zeigen, der Schaden, den eine Brustkrebserkrankung anrichtet, findet natürlich nicht nur auf körperlicher Ebene statt. Die Annahme, am Ende einer physischen Therapie sei auch der psychische Schaden behoben, erweist sich in vielen Fällen als Irrtum. Im Verein „Frauenselbsthilfe nach Krebs“ des Landesvereins Steiermark arbeiten Leiterinnen Elisabeth Holzer und Jutta Hirn an genau diesem Problem. In einem Gespräch teilen Jutta Hirn und ihre Kollegin Gerti Schmid ihre Erfahrungen.

Frau Hirn, wie brachte Sie Ihr Weg von der Diagnose bis hin zur Selbsthilfegruppe und schließlich sogar zur Leitung der Gruppe?
Juttta Hirn: Nach meiner Krebsdiagnose im Jahr 2003 hatte ich eine Total--Operation. Irgendwann im Anschluss daran hatte ich ein Gespräch mit einem Professor und er sagte: „Ich weiß, wie Sie sich fühlen.“ Und in dem Augenblick dachte ich mir: So ein Unsinn. Wie kann ausgerechnet ein Mann wissen, wie ich mich fühle? Eine ausgezeichnete Psychologin legte mir dann nahe, mir eine Selbsthilfegruppe anzusehen. Das war noch eine andere Gruppe. Aber schon damals hatte ich das Gefühl: Ja. Es kümmert sich jemand um mich. Mein Mann ist nett, aber auf dem Gebiet etwas unerfahren. Das war eine völlig andere Art von Unterstützung.

Man hört ja öfter, dass das familiäre oder freundschaftliche Umfeld nicht damit rechnet, dass psychische Leiden bestehen bleiben können oder erst nach der physischen Behandlung richtig einsetzen.
Hirn: Genau. Seitens der Gruppe erhält man ein völlig anderes Verständnis dafür. Man fühlt sich anders. Nach den ersten drei Malen der Chemotherapie ging es mir noch wunderbar. Ab dem vierten Mal ging es mir schlecht. Und nach dem sechsten Mal konnte ich kaum mehr gehen. Mein Mann ging immer mit mir zur Behandlung. Aber danach bekam ich Hilfe seitens der Therapeutin und den Frauen in meiner Gruppe und wusste: Das will ich auch machen. Tatsächlich bekam ich 2012 denselben Krebs nochmal, auf derselben Seite. Aber diesmal dachte ich mir: Ich weiß, wie es mir geht und wie ich mich fühle. Was soll diesmal schiefgehen?

Frau Schmid, wie fühlte sich die Zeit nach der Diagnose für Sie an?
Gerti Schmid: Nach einer Routine--Untersuchung 2006 bekam ich die Diagnose und konnte beziehungsweise wollte es zunächst gar nicht glauben. Im LKH-West bekam ich anfangs sogar psychologische Betreuung, weil ich so dagegen angekämpft habe. Dort wurde ich dann auch operiert. Aber ich finde, dass Frauen heutzutage im Vergleich viel, viel besser betreut werden. Ich habe auf dem Gebiet noch ein Manko erlebt.

Und wie kamen Sie zur Frauenselbsthilfegruppe?
Schmid: Ich war schon immer ein Mensch, der gerne zu Gruppen gegangen ist. Als ich dann also von den Selbsthilfegruppen in der Stadt erfuhr, wollte ich dorthin, auch wenn mein Mann anfänglich nicht so davon begeistert war. Dort habe ich Frau Holzer und Frau Hirn kennengelernt, gegen 2007/8. Und alles war so einladend. Zu Beginn sagte ich mir noch, selbstherrlich: Ich brauche das eigentlich gar nicht. Ich habe ja schon alles hinter mir. Aber ich muss sagen: Ich bin so froh, im Endeffekt weiterhin daran teilgenommen zu haben. Das hat mir so geholfen. Ich dachte mir: Ich habe es überwunden und vielleicht hilft das anderen auch.

Ich nehme an, es fällt vielen Frauen zunächst schwer, sich auf eine Selbst-hilfegruppe einzulassen?
Schmid: Ich habe öfter Prospekte für andere erkrankte Frauen in meinem Bekanntenkreis mitgenommen. Was ich oft gehört habe, war: „Das brauche ich gar nicht. Ich hab ja meine Familie.“ Ich riet ihnen an, es sich vielleicht noch zu überlegen. Denn oft ist die Familie eben nicht genau das Richtige, nicht genau das, was man braucht. Manchmal braucht man eine etwas andere Sicht der Dinge.

Welche Themen können Sie in der Gruppe besser besprechen als zu Hause?
Schmid: Viele der Teilnehmerinnen, junge vor allem, sind irgendwann wieder in ihr Leben, ihren Beruf, ihren Alltag zurückgekehrt. Etliche haben uns aber leider auf andere Art verlassen. Das ist auch der Lauf der Dinge. Es ist wichtig, über solche Dinge zu sprechen. Das ist wichtiger, als man zunächst denkt. Man verdrängt das ja. Das schlimmste Ende. Aber wenn man darüber sprechen kann, wird dem Ganzen das „Grausliche“ genommen.
Hirn: Ja, es ist dann etwas natürlicher. Man freut sich, dass man lebt. Und wenn es auf das Ende zugeht, denkt man sich vielleicht irgendwann: Dann ist es halt so. Auch das muss man akzeptieren. Die Angst davor wurde mir auch durch Vorträge innerhalb der Gruppe genommen. Gedanklich kam ich von: „Was für ein fürchterliches Thema“ zu „Eigentlich … Ja, warum nicht? Es ist einfach so. Und ich muss keine Angst haben. Das ist halt das Leben.“

Hat es positive Auswirkungen auf das private Umfeld, wenn man sich woanders Hilfe sucht?
Schmid: Ja, weil man so viel loswird. Man kommt gelöster und freier nach Hause. Und das spüren die Menschen, die einem nahestehen, dann auch. Dass einem eine gewisse Last genommen wird.
Hirn: Genau – die Kinder möchte man nämlich nicht belasten, die Enkelkinder schon gar nicht. Der Partner leidet normalerweise ohnehin schon mit einem mit. Wichtig ist auch, dass es mir einfach guttut. Dass man für das einsteht, was man gerne tun möchte und was einen freut.
Schmid: Und es ist ein Kampf, an den Punkt zu kommen, an dem man sich selbst eingesteht, was man braucht und was man will. Ob es für die anderen verständlich ist, ist nicht wirklich mein Kaffee. Ich bin ich. 


Frauenselbsthilfe nach Krebs Landesverein Steiermark

Elisabeth Holzer • Tel.: 0316/32 34 33
Jutta Hirn • Tel.: 0316/37 41 12                                   
8010 Graz • Joanneumring 3/1

www.frauenselbsthilfenachkrebs.webs.com

Frauengesundheitszentrum

Tel.: 0316/837 998