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Lifestyle | 03.09.2020

"Wir schauen nicht weg!"

Gewalt gegen Frauen hat viele Gesichter. Aber eines haben alle gemeinsam – sie sind nie in Ordnung. Soziallandesrätin Doris Kampus setzt daher deutliche Zeichen im Kampf gegen Gewalt – unter anderem mit einer beispielhaften Initiative.

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Soziallandesrätin Doris Kampus setzt deutliche Zeichen im Kampf gegen Gewalt. © Thomas Luef

Auf den Tag genau zum Fünf-Jahr-Jubiläum des Amtsantritts als Landesrätin für Soziales, Arbeit und Integration treffen wir Doris Kampus zum Gespräch. Und eines ist sofort spürbar. Das Brennen für die ihr so wichtigen Themen ist um keinen Funken weniger als vor fünf Jahren. „In den letzten Jahren haben wir schon viel erreicht, aber der Weg vor uns ist noch lang, wie aktuelle Geschehnisse zeigen.“ Die Politikerin spricht damit das aktuell brisante Thema „Gewalt an Frauen“ an, dass durch zwei Frauenmorde in Kärnten erst unlängst wieder traurige Präsenz erhalten hat.

STEIRERIN: Frau Landesrätin, wie brisant ist das Thema Gewaltschutz in der Steiermark?
Doris Kampus: Ein Beispiel: Das Gewaltschutzzentrum betreut jährlich rund 3.000 Personen – und das alleine in der Steiermark. Das sind fast zehn Betroffene täglich. Gewalt ist ein Thema, das bei uns gesellschaftspolitisch existiert – in allen Altersgruppen und Gesellschaftsschichten.

Sind hauptsächlich Frauen betroffen?
Es ist ein weibliches Thema. Ja, es gibt auch Männer, die Opfer sind. Aber die Zahl ist sehr gering.

Wo beginnt Gewalt?
Gewalt beginnt schon beim Verbalen. Heutzutage auch ganz oft online. Mit dem Internet ist eine neue Welt aufgetaucht, die rasant an Dynamik aufnimmt. Und so wichtig diese Welt einerseits ist – das hat man auch gerade in Zeiten von Covid-19 gesehen –, so dunkel ist sie andererseits. Viele Menschen glauben, es ist ein rechtsfreier Raum, in dem ich andere beleidigen und ihnen drohen kann. Auswertungen dazu zeigen, dass auch hier meistens Frauen Opfer von verbaler Gewalt werden. Oft betrifft es vor allem starke Frauen wie Journalistinnen und Politikerinnen, die Position beziehen. Sie werden so für manche zum Feindbild – im Internet und im Alltag.

So wie die sexistische Beleidung des Tiroler Landeshauptmannstellvertreters Josef Geisler gegenüber einer WWF-­Mitarbeiterin?
Diese Aussage war schockierend und letztklassig. Da gibt es keine Entschuldigung dafür. So etwas sagt man nicht und tut man nicht.

Die Steiermark ist Vorreiterin in Sachen Gewaltschutz, wie auch die neue Kooperation mit Spar Steiermark zeigt.
Gemeinsam mit Spar Steiermark hat das Sozialressort des Landes Steiermark eine landesweite Gewaltschutz-Initiative gestartet, die in dieser Form einzigartig in Österreich ist. In den kommenden Wochen werden nicht nur in allen steirischen Spar-Märkten mehr als 25.000 Info-Folder mit Kontaktdaten von Gewaltschutz­einrichtungen aufgelegt, sondern auch auf Tausenden Kassabons die Nummer des Gewaltschutzzentrums aufgedruckt und mit Plakaten auf das Thema aufmerksam gemacht. Wir hoffen, dass damit vielen Betroffenen die Scheu genommen wird, sich Rat und Hilfe zu suchen.

Welche Angebote gibt es für Frauen, die Hilfe suchen?
Für betroffene Frauen gibt es ein umfassendes Netzwerk an Hilfestellungen: von der Beratung über finanzielle Unterstützung bis hin zu regionalen Schutzwohnungen, deren Zahl wir aktuell aufstocken.

Warum ist gerade der Ausbau der regionalen Schutzwohnungen so wichtig?
Einerseits brauchen viele Frauen schnell eine Möglichkeit, um aus der aktuellen Wohnsituation rauszukommen. Andererseits, wenn Kinder noch in die Schule gehen, wollen die Mütter oft im Umfeld bleiben. Deshalb setzen wir sehr stark auf Regionalität und bauen in den Regionen und auch in Graz die Schutzwohnungen aus. Sie bieten nicht nur Schutz, sondern geben einem auch die Zeit, an einem neuen Lebenskonzept zu arbeiten.

Wie groß ist Hemmschwelle von Opfern, sich Hilfe zu suchen?
Teilweise sehr groß. Die Erfahrung zeigt, dass es mehrere Gründe dafür gibt. Oft suchen die Opfer die Fehler zuerst bei sich selbst. Was mache ich falsch? Auch wenn Kinder mit im Spiel sind, ist die Hemmschwelle größer, da der Versuch da ist, die Familie, die anscheinend heile Welt zusammenzuhalten. Ein zweiter Grund ist Scham. Was sagen die Nachbarn? Was sagt der Rest der Familie? Jeder von uns gibt gerne das Bild nach außen, dass alles in Ordnung sei. Dabei ist oft nichts in Ordnung. Und der dritte Grund ist wirtschaftliche Abhängigkeit.

Kämpfen Sie deshalb so für die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen?
Das ist das Um und Auf. Es verhindert zwar nicht eine mögliche Gewaltsituation, würde es aber Frauen unglaublich erleichtern, Stopp zu sagen. Die Rahmenbedingungen, damit Frauen Kinder und Karriere vereinbaren können, müssen einfach gegeben sein. Da gibt es frauenpolitisch noch sehr viel zu tun.

Stichwort „Zivilcourage“ – viele trauen sich nichts zu sagen, auch wenn sie glauben, Opfer zu kennen. Was würden Sie in so einem Fall raten?
Im Zweifelsfall sollte man immer hinschauen und nicht wegschauen – davon bin ich überzeugt. Lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig. Das ist natürlich nicht immer einfach, vor allem wenn es Bekannte oder Nachbarn betrifft. Deshalb war auch die Einführung der „BanHate“-App so wichtig. Über diese App kann man einfach und geschützt Hasspostings und Gewaltverbrechen melden. Diese werden dann auf den Sachverhalt überprüft und gegebenenfalls an die zuständigen Behörden weitergeleitet.


Gewaltschutzzentrum Steiermark
Tel.: 0316/77 41 99
gewaltschutzzentrum-steiermark.at

Verein Frauenhäuser Steiermark
Tel.: 0316/42 99 00
www.frauenhaeuser.at

TARA Frauenberatungsstelle bei sexueller Gewalt
Tel.: 0316/31 80 77
www.taraweb.at

Divan – Frauenspezifische Beratungsstelle für Migrantinnen
Tel.: 0676/880 157 44
www.caritas-steiermark.at/divan

24-h-Frauenhelpline
Tel.: 0800/222 555

Männerberatungstellen
Tel.: 0316/83 14 14
www.vmg-steiermark.at

Verein Männernotruf
Tel.: 0800/246 247
www.maennernotruf.at

www.soziales.steiermark.at