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Lifestyle | 10.04.2020

Wieso Zusammenhalt jetzt so wichtig ist

Vielleicht sogar noch belastender als das Virus selbst ist das gesellschaftliche Stigma, das mit ihm einhergeht. Ein Aufruf, warum wir jetzt vor allem Liebe brauchen und Hass am falschen Platz ist.

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"Man muss mittlerweile keine Angst mehr vor den sozialen Reaktionen haben.", Dado Ibrakovic, Tanzlehrer. © Unsplash

Seit dem Ausbruch von Covid-19 werden Menschen weltweit verurteilt, wenn sie sich angesteckt haben, die Bezeichnung „Chinesen-Virus“ rechtfertigt Alltagsrassismus gegen Asiaten. Betroffene möchten ihre Geschichten teilen, haben aber Angst, das Gesicht zu verlieren. Es ist dieselbe Angst, die gerade in den Köpfen vieler herrscht: Dass man sagen muss, man sei infiziert, wenn es dann so weit ist. Anderen wird aufgrund ihres Äußeren eine Schuld aufgebürdet, für die sie nichts können. Die Gesellschaft muss jetzt lernen, tief durchzuatmen.


Kein „China-Virus“.

In den USA werden Mitbürger mit asiatischen Zügen bedroht. Einem Freund mit vietnamesischen Eltern rufen Kinder in München „Corona“ nach. Die Sitzplätze neben koreanischen Austauschstudenten an der Uni Leoben bleiben zu Jahresbeginn leer. Ein Universitätsprofessor mit chinesischen Wurzeln, der lieber anonym bleiben möchte, ist nicht überrascht. „Mit derselben Entwicklung wie in den USA rechne ich seit 3 Monaten. Heute ist die Lage für Asiaten in Österreich noch harmlos, in vier Wochen vielleicht schon ganz anders.“ Seit 14 Jahren lebt er in Österreich, aufgewachsen ist er in Deutschland. Im Ernstfall nützt ihm die Integration nichts, das ist ihm bewusst. Seine Wahlheimat gleicht für ihn dem Paradies, doch kämen in Extremsituationen die schlechtesten Seiten in Leuten zum Vorschein. Das sei nicht wünschenswert, aber doch nur menschlich. Die Schwester steht als Ärztin in Boston direkt an der Front, vor dem Alltagsrassismus schützt sie das nicht. In Österreich haben bisher weder der Professor noch seine Studierenden Abschätzung erfahren. Auch im Supermarkt wird er ganz normal behandelt: mit einem Meter Abstand, so wie alle anderen auch. Ein Grazer Grafiker mit philippinischen Wurzeln berichtet ebenfalls, noch keine negativen Erfahrungen gemacht zu haben – keine schiefen Blicke, keine verletzenden Worte. Die intensive Aufklärungsarbeit der Medien und Regierung seit Beginn der Krise scheint ihre Wirkung zu zeigen. Oder ist es simpel der Gelassenheit der Österreicher zu schulden, dass unsere Regionen so vorbildhaft solidarisch agieren? „Ich glaube, wenn wir wie Italien Tausende von Toten zu vermelden hätten, könnte sich die Situation schnell ändern.“

 



Isoliert und nicht allein.

Der Grazer Tanzschullehrer Dado Ibrakovic war eine der ersten öffentlichen Personen in der Steiermark, die sich mit Covid-19 infizierten. Im Gegensatz zu vielen anderen hat er sich dazu entschieden, seine Krankheit über Facebook offen zu kommunizieren, trotz der Gefahr des gesellschaftlichen Stigmas. „Als ich gesehen habe, dass sich vor unserem Fenster Menschen in Massen trafen, musste ich etwas tun, damit die Leute verstehen, worum es wirklich geht.“  Ibrakovics Erkrankung hatte es in sich; 11 Tage lang brachte sie ihm Fieber, 5 Tage davon pure Verzweiflung. Der kleine Sohn musste zu den Großeltern, Ehefrau Conny isolierte sich in der Wohnung. Dennoch war das Schlimmste an Corona die Angst davor, jemanden angesteckt zu haben, für den eine Erkrankung fatal sein könnte. Über Videos versuchte er zu vermitteln, aufeinander acht zu geben. Die erwartete soziale Ausgrenzung blieb aus. Immer noch trudeln positive Nachrichten ein. Gesellschaftliches Stigma spürt er keines. „Meine Erfahrung ist, dass das Thema mittlerweile schon so omnipräsent ist und überall thematisiert wird, dass man keine Angst mehr vor den sozialen Reaktionen haben muss.“ Natürlich gäbe es auch genug andere, die das Gegenteil erfahren hatten. Wenn Transparenz und Ehrlichkeit im Vordergrund stehen und man nach menschlichen Prinzipien handelt, kann wenig Negatives gegen einen gerichtet werden, so Ibrakovic aus seinen Erfahrungen.


Solidarisch anstatt entzweit.

Seien es die Delfine, die wieder im Triester Hafen schwimmen, die reine Luft in Graz oder die unzähligen Nachbarschaftsprojekte, die wie Schwammerln im Juni­regen aus dem Boden sprießen: Natur wie Mensch bekommen in diesen schwierigen Zeiten die Chance, die schönen Seiten des Lebens wahrzunehmen. „Ohne die schlimmen Situationen ändert man im Leben nichts, was zum Besseren führen könnte“, meint Ibrakovic und hat dabei sehr recht. Bisher ist es die Angst, die uns antreibt, zu Hause zu bleiben und uns auf uns selbst zu konzentrieren. Je stärker sich unsere Situation zuspitzt, desto leichter werden Panik, Hass und Angst geschürt – gegenüber denjenigen, die uns vielleicht schon angesteckt haben, unseren Nachbarn, bei denen der Rettungswagen vorgefahren ist, dem asiatischen Lieferservice. Diese Negativität müssen wir im Keim zu ersticken lernen, bevor der Pollen fliegt. Wenn ich an Corona erkranke, dann weil unsere Nation gerade mit einer weltweiten Pandemie kämpft, nicht weil der Nachbar im Stiegenhaus gehustet hat oder eine chinesische Familie an mir vorbeispaziert ist. Meine Mitmenschen und mich selbst schütze ich am besten mit meinem Eingeständnis der Präsenz eines Virus, gegen das niemand immun ist. Das Beste, das wir aus dieser für unser aller Leben schwierigen Situation ziehen können, ist, dass wir nicht allein sind. Dass wir alle – egal wie wir aussehen und wie jung oder alt wir sind – im selben löchrigen Boot sitzen. Nur wenn jeder von uns das hereinfließende Wasser mit seinen Daumen stoppt, sehen wir den Silberstreifen am Horizont. Lasst uns das nicht vergessen.