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Lifestyle | 24.10.2019

Loden forever

In Mandling wird seit 130 Jahren Loden erzeugt. Die Qualitäten des gewalkten Wollstoffes von Steiner1888 überzeugen Kunden von Yves Saint Laurent bis Gucci. 40 Arbeitsschritte braucht es dafür.

Als drei Herrschaften aus dem noblen Hause Chanel die Hallen der Manufaktur im kleinen Dorf an der steirisch-salzburgerischen Grenze durchschritten, war das doch ein erinnerungswürdiger Moment in der Unternehmensgeschichte von Steiner1888. Karl Lagerfeld hatte in Mandling Loden für seine Kollektion „Metiers d’Arts“ geordert.
Präsentiert wurde sie dann im Salzburger Schloss Leopoldskron, das extra für die große Show vollkommen neu möbliert worden war. Getragen wurden die Entwürfe unter anderem von den Lagerfeld-Musen Cara Delevingne und Kendall Jenner. Das war vor fünf Jahren. Damals war freilich auch der heuer verstorbene Modezar vor Ort. Ein Platz im Publikum war für Geschäftsführer Herbert Steiner reserviert. Bloß einer.
Das Ereignis war einzigartig, die Kundenschicht ist für das Familienunternehmen am Fuße des Dachsteins aber nicht außergewöhnlich: Gucci, Prada, Kenzo und Louis Vuitton haben bereits den gewalkten Wollstoff geordert, Yves Saint Laurent zählt seit Jahren zu den Stammkunden.

 

Gewagte Tour. Der Grundstein für das Unternehmen wurde im Jahr 1888 mit einer kleinen Lodenwalke gelegt. Der Urgroßvater der heutigen Geschäftsführer, die Cousins Johannes und Herbert Steiner, hatte sich da-rüber hinaus schon einen Kult-Status erarbeitet, noch bevor er den Betrieb 1910 übernahm. Franz und sein Bruder Irg waren als Erste die Dachstein-Südwand duchstiegen, die noch heute als eine der anspruchsvollsten Touren der Ostalpen gilt. Dabei hatten sie gewalkte Stoffhosen aus eigener Produktion getragen. Natürlich.
Von der reinen Funktionskleidung hat sich Loden längst zu einem hochwertigen Rohstoff für High-End--Fashion, aber auch Home-Kollektionen mit vielerlei Decken und Pölstern und die Ausstattung von Hotelinterior – als Bezugsstoff vom Stuhl über die Couch bis zum Betthaupt – entwickelt. Bereits in fünfter Generation wird das Unternehmen heute geführt, Johannes und Herbert Steiner sind im wahrsten Sinne des Wortes in das Metier hineingewachsen. Zum Portfolio des Hauses gehören darüber hinaus Schilifte und ein Hotel in Obertauern. Im Vorjahr ist dort der erste Lodenlift der Welt in Betrieb gegangen, der Sitzbezug besteht aus original Schladminger Loden aus österreichischer Bergschafwolle.

Urban und lässig. Nicht das Bergschaf allein liefert heute das wertvolle Ausgangsprodukt, das in Mandling in mehr als 40 aufwendigen Arbeitsschritten veredelt wird – als Zusatz fungiert auch Wolle von Alpakas, Merinoschafen, Angorakaninchen und Kaschmirziegen. Das Produktsortiment hat man sukzessive erweitert. Seit 2001 gibt es die Interior-Kollektion, seit 2013 eine hauseigene Fashion-Kollektion. „Loden versuchen wir hier immer neu zu interpretieren, traditionelle Elemente auch einmal anders und durchaus urbaner zu definieren“, sagt Johannes Steiner. Die in der Südsteiermark aufgewachsene Designerin Carolin Sinemus mit Kunden von Victoria Beckham bis Nicole Kidman ist verantwortlich für die aktuelle Kollektion von Steiner1888, die ab Dezember im Handel sein wird (siehe auch Porträt auf den Seiten 10–12).

 

Hammerwalke. Ganz oben im Dachboden türmen sich Säcke über Säcke mit dem kuscheligen Naturmaterial. Nicht nur hier. „80.000 Kilo Rohwolle umfasst unser Lager“, erzählt Herbert Steiner, der uns durch die Hallen der Produktion führt, die als „Wollwelt“ auch Besucher erleben können. Aus der Wolle wird in mehreren aufwendigen Arbeitsschritten ein Garn gesponnen, das wiederum zu einem Wollstoff verwoben wird. Und jetzt geht es erst ans Eingemachte: Das Walken bezeichnet das „Kneten“ des nassen Stoffes, bis dieser verfilzt. Die Hammerwalke aus dem Jahr 1888 ist dafür noch immer für spezielle Anforderungen im Einsatz, etwa für die berühmte Trachtenjacke, den Schladminger. Freilich haben aber längst auch modernere Technologien Einzug gehalten. Alle Arbeitsschritte passieren dabei allein in Mandling, schon eine Seltenheit in modernen Produktionsprozessen. Die Eigenschaften des Materials bieten viele Einsatzmöglichkeiten: Es ist strapazierfähig, wasserabweisend, feuchtigkeitsspendend, windabweisend, atmungsaktiv, geruchshemmend, schmutzabweisend und schwer entflammbar. 180.000 bis 200.000 Laufmeter gewalkte Wollstoffe werden pro Jahr bei Steiner1888 hergestellt.

Bewusstsein. Allerdings hat sich die Verwendung des Lodens in der Kleidung im Vergleich zu früheren Zeiten, unter anderem aufgrund der Entwicklung von Kunstfaser-Technologien, doch reduziert. Der Einsatz im Alltag ist nicht mehr selbstverständlich. Wolle ist beispielsweise auch drei- bis viermal teurer als klassische Baumwolle, die Arbeit noch nicht eingerechnet.
Johannes Steiner plädiert daher für mehr Bewusstsein und Wertschätzung für ein echtes Naturmaterial. „Beim Essen sind wir sensibilisiert und  kaufen bereits sehr regional  ein, bei der Bekleidung ist der Trend zur Nachhaltigkeit allerdings noch nicht ganz angekommen.“