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Lifestyle | 25.09.2019

Wählen?!

Wählerfrust oder Wahllust? Was sagt die Generation, die für das Klima auf die Straße geht, über die gegenwärtige Politik im Land? Fünf junge Menschen im Gespräch mit dem Landeshauptmann.

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Was ich schon immer sagen wollte: Fünf junge Menschen machen ihrem Ärger Luft. © Thomas Luef

Als sich Greta Thunberg für den Klimaschutz auf die Straße zu setzen begann, meinte der deutsche Politiker Christian Lindner, Klimaschutz sei etwas für Profis, und sprach damit den Jugendlichen die Kompetenz ab. Wir von der STEIRERIN fragten uns damals, inwieweit die etablierte Politikergeneration die jungen Wähler ernst nimmt. Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer nahm die Einladung zu einem Generationengespräch an.

STEIRERIN: Herr Landeshauptmann, was können Sie als Landespolitiker tun, damit die Welt ein bisschen besser wird?
Schützenhöfer: Schauen wir die Klimapolitik an: 39 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes passieren in China, 37 Prozent in den USA und Europa, Deutschland macht davon zwei Prozent aus, Österreich vermutlich null-komma-irgendwas. Diese Zahlen sind zum Verzweifeln, weil sie zeigen, dass wir hier nicht viel tun können. Dennoch wollen wir im Kleinen etwas bewegen. Eine Bewusstseinsschärfung ist ja bereits in Gange, es muss noch viel mehr geschehen, das nicht anlassbezogen ist, also nur dann passiert, wenn wieder eine Klimakatastrophe da war. Wir sollten daran arbeiten, die Herkunft der Lebensmittel genauer zu deklarieren. Wenn in einem Ort der letzte Kaufmann zusperrt, sollten wir uns um Lösungen bemühen, wie man das Geschäft weiterführt. Ich kenne da ein Beispiel, wo in einem Ort der letzte Kaufmann zusperrte und nach vielen Bemühungen letztlich doch noch ein Nachfolger gefunden wurde. In seinem Laden werden nun in einer „Bauern­ecke“ Eier, Paradeiser und das Geselchte der umliegenden Bauern verkauft. Wenn wir es zustande brächten, jene Lebensmittel zu essen, die im August von heimischer Erde auf den Teller kommen, haben wir viel gewonnen. Denn wenn die Großindustrie merkt, dass im August keiner Spargel isst, wird sie ihn nicht mehr liefern.  Was wir alle tun können, ist, Papiersackerl statt Plastiksackerl zu verwenden.

 

Ich wünsche mir mehr Sachlichkeit im Wahlkampf und in der folgenden Regierung.

Elisa Kreimer



STEIRERIN: Politik richtig verstanden heißt also auch, Änderungen nur im Rahmen des Möglichen zu erwarten?
Schützenhöfer: Ich bin Landeshauptmann der Steiermark. Wenn ich sage, es ist ein Wahnsinn, was klimatechnisch in China passiert, wird das nicht bis dort hindringen. Man muss im Kleinen beginnen.
Saraph: Es gibt ja immer mehr Vegetarier und Veganer, die die Verhältnisse in der Fleischindustrie nicht akzeptieren wollen. Ich kenne einen Bauern, der ein Rind schlachtet und alles verkauft, sodass kein Fleisch verschwendet wird. Ich fände es wichtig, dass wir nur Fleisch konsumieren, das hier produziert wird und nicht von irgendwoher kommt.
Schützenhöfer: Ein Teil des ganzen Problems hängt damit zusammen, dass sich die Landwirtschaft selbst überspielt, indem der Große den Kleinen überrollt und die Gesellschaft skandalöserweise zur Kenntnis genommen hat, dass ein Bauer für ein Kilo Fleisch im Nettoertrag heute genauso viel bekommt wie noch vor 30 Jahren. Das ließe sich keine andere Berufsgruppe gefallen. Leider betrifft das nicht nur Fleisch, sondern auch Milch, Äpfel, eigentlich alle landwirtschaftlichen Produkte. Ich persönlich bin der Meinung, dass wir auch im Preisniveau etwas tun müssen, weil es sich für den Bauern wieder auszahlen muss.

Talk-Teilnehmer
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Elias Kreimer, 21, Angestellter.
Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander, die Reallöhne sind seit Jahren nicht gestiegen, dafür das Vermögen Wohlhabender. Je weiter das auseinandergeht, desto instabiler wird die Gesellschaft. Das werden auch die Wohlhabenden nicht wollen. © Thomas Luef

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Vilja Schiretz, 18, fertige Matura.
Es darf nicht an falschen Stellen gespart werden, im Sozialsystem, bei der Krankenversorgung oder der Bildung. Ich verstehe, dass es den meisten Menschen lieber ist, wenn alles billiger wird. Doch man weiß nie, ob man selbst einmal in die Situation kommt, in der man Unterstützung braucht. © Thomas Luef

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Maximilian Berge, 14, Schüler.
Ich wünsche mir eine Politik für die Zukunft, ich finde, es sollte mehr für uns und unsere Nachkommen getan werden. Statt Parteipolitik sollten die Interessen aller Menschen vertreten werden, bei uns, in Europa, in der Welt. Und die Steuerpolitik sollte für alle Menschen gleich gerecht sein. © Thomas Luef

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Vilja Schiretz, 18, fertige Matura. (2. v. r.)
Es darf nicht an falschen Stellen gespart werden, im Sozialsystem, bei der Krankenversorgung oder der Bildung. Ich verstehe, dass es den meisten Menschen lieber ist, wenn alles billiger wird. Doch man weiß nie, ob man selbst einmal in die Situation kommt, in der man Unterstützung braucht. © Thomas Luef

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Anjalee Saraph, 18, fertige Matura.
Durch die Digitalisierung fallen Arbeitsplätze weg, ich hätte gern mehr Infos über neue Jobmöglichkeiten. Ich finde, wir sollten uns mehr um behinderte Menschen kümmern, mehr Offenheit würde ich mir bei Gesprächen über Flüchtlinge wünschen. Die Politik sollte lösungsorientierter sein. © Thomas Luef

STEIRERIN: Was wäre das? Mindestpreise vorgeben ist ja nicht möglich.
Schützenhöfer: Wir können auf die Frage der Herkunft eine bessere Antwort geben. Wie ich letztens gehört habe, kommt ein Teil der Teiglinge, die bei uns zu billigen Semmeln verarbeitet werden, aus Asien. Das kann doch bitte nicht sein, dass ich hier so eine Semmel kaufe, deren Teig aus Asien kommt, aber „Hergestellt in Österreich“ draufsteht! Das muss radikal anders werden. Was ich jungen Menschen wie Ihnen auch noch gern sagen möchte: Sie sind alle in einen Wohlstand hineingeboren. Ich in gewisser Weise auch, ich bin Jahrgang 1952, dennoch habe ich die Nachkriegszeit erlebt. Es gab bei uns ein Mal die Woche Fleisch, das war keine Frage der Herkunft, das war die Suppenhenn’ der Tante oder das Geselchte vom Onkel. Ich weiß, man kann euch das nicht vorwerfen, aber wir dürfen nicht übersehen, dass es noch immer arme Menschen gibt. Eure Eltern werden vermutlich ein paar Cent für Regionalität ausgeben können. Es gibt auch andere Situationen.
Kreimer: Ich versuche auch, gewisse Dinge im kleinen Bereich zu ändern, um letztlich das Große verändern zu können. Dieses Bewusstsein kommt bei uns Jugendlichen immer mehr. Ich esse etwa kein Fleisch mehr. Das mit der Lebensmittelkennzeichnung finde ich sehr wichtig, es ist ja nicht so einfach, bei verarbeiteten Produkten festzustellen, woher sie kommen. Ich verstehe auch nicht, dass Getreide, das bei uns wächst, um den halben Globus geschickt werden muss. Ich finde, die Politik muss hier Rahmenbedingungen setzen. Und weil es mir heute beim Herfahren passiert ist: Ich würde ja gerne mehr für den Umweltschutz tun, aber wenn es für mich günstiger ist, mit meinem alten Diesel vom Land nach Graz zu fahren und dort drei Stunden für das Parken zu zahlen, passt das nicht. Auch da könnte von der Politik etwas kommen, es bräuchte mehr Anreize für die Öffis, dagegen sollte das Parken in der Stadt erschwert werden.
Schiretz: Wenn man kein Jahres­ticket oder so hat kostet eine Öffi-Fahrt in die Innenstadt und retour fünf Euro. Mit Schienenersatzverkehr ist es dann nicht einmal komfortabel. Öffi-Tickets sollten definitiv billiger sein.

 

Es müsste den Menschen mehr vermittelt werden, dass Wählen jeden etwas angeht.

Vilja Schiretz



STEIRERIN: Seid ihr bereit, für umweltverträglicheres Verhalten mehr zu zahlen oder ist die Frage Öffi- oder Autonutzung eine klare Kosten-Nutzen-Rechnung?
Kreimer: Bis zu einem gewissen Punkt ist man schon Idealist. Doch ich denke, dass klare Rahmenbedingungen besser wären. Gutes Verhalten für die Umwelt und den Planeten gehörte belohnt, schlechtes Verhalten sollte kosten.
Saraph: Es wäre super, wenn Firmen ihre Mitarbeiter zu Carpooling bewegen könnten. Oder Zufahrtsbewilligungen zu den Firmen jenen verwehren, die öffentlich fahren könnten.
Berge: Ich war letztens bei meiner Oma am Dorf, da war eine Kolonne Autos, alle fuhren nach Graz. Und das, obwohl die Bahn daneben ist. Als Begründung kam, dass die Anreize für den Umstieg auf Öffis fehlten, Autofahren ist nun einmal bequemer.

STEIRERIN: Mit Verboten oder Einschränkungen macht man sich beim Wähler ja nicht gerade beliebt.
Schützenhöfer: Die Alternative muss stimmen. Als Politiker muss man sich ja immer selbst in die Augen schauen können. Franz Voves und ich haben damals Gemeinden zusammengelegt und von allen Seiten Ohrfeigen bekommen. Doch wir waren überzeugt, dass es richtig war. Das Verkehrs­problem jedenfalls kann ich nur über Anreize steuern. Eine CO2-Steuer halte ich für falsch, das ist ähnlich unsinnig wie die Begründung für einen Fleck, dass der Schüler begreifen müsse, dass er lernen solle. Mit Michael Schickhofer, Anton Lang und Bürgermeister Nagl habe ich vereinbart, dass wir ab 2020 zehn Jahre lang jährlich statt fünf Mio. zehn Mio. In den öffentlichen Verkehr investieren, da kann man viele Maßnahmen vorziehen. Der Öffentliche Verkehr ist definitiv zu wenig attraktiv.

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© Thomas Luef

SPITZER: Was halten Sie von Pfand auf Plastikflaschen? Wieso gibt es das in Österreich nicht?
Schützenhöfer: Ich würde sagen, das wäre eine Maßnahme der Stufe 2. Stufe 1 muss sein, zu schauen, dass der Plastikverbrauch immer weniger wird. Und hier müssen wir ansetzen.

STEIRERIN: Mit welchen Wünschen geht ihr bei der Nationalratswahl zur Wahlurne?
Kreimer: Ich wünsche mir einen Wahlkampf, in dem über Themen diskutiert wird, die Menschen wirklich beschäftigen, mit Pro und Contra. In der Regel geht es oft um Kleinigkeiten, die wenige betreffen, und dabei stehen nicht Argumente im Vordergrund, sondern die besten Slogans oder die lautesten Schreier. Ich bin politisch sehr interessiert, habe aber auch Freunde, die sich davon desillusionieren lassen und nicht wählen gehen. Ich wünsche mir mehr Sachlichkeit.
Spitzer: Es geht ja im Wahlkampf weniger um Inhalte, bei uns stehen meist Personen im Mittelpunkt. Ich würde mir ein breiteres Spektrum an Meinungen erwarten, nicht nur die lauten Stimmen. Alle Parteien sollten die gleiche Möglichkeit haben, sich zu präsentieren, sollen Menschen gut informieren, ohne Fake News.
Berge: Ich würde mir auch wünschen, dass Inhalte in den Mittelpunkt kommen, ohne Dirty Campaining. Ich finde es furchtbar, wenn sich die Parteien gegenseitig angreifen. Was bringt es diesen? Nichts, und uns auch nicht.
Saraph: Wenn man sich die Talkshows im Fernsehen anschaut und sieht, wie unsouverän miteinander umgegangen wird, kommt bei mir kein Vertrauen auf, dass diese Menschen meine Meinung vertreten können. Es muss doch irgendwie möglich sein, Inhalte zu präsentieren und nicht wie im Kindergarten zu streiten!
Schiretz: Ich würde mir wünschen, dass die Menschen mehr Bewusstsein bekommen, was es bedeutet, wählen gehen zu dürfen. Ich habe oft das Gefühl, dass nur die populistischen Parteien es schaffen, die Wähler zu motivieren. Es müsste den Menschen mehr vermittelt werden, dass die Wahl jeden etwas angeht. Eine höhere Wahlbeteiligung wäre sowieso wünschenswert und würde den populistischen Parteien mehr schaden.

STEIRERIN: Herr Landeshauptmann, was wünschen Sie sich vom Wahlkampf?
Schützenhöfer: Eine Abrüstung der Worte. Ich bin lange in der Politik und habe die ganze Zeit das gegenwärtige Niveau, diese abgrundtiefe Abneigung der Spitzenkandidaten gegeneinander, nicht erlebt. Es war immer schon hart, wir haben mit Gewerkschaftern oder Industriellen mitunter sehr hart gestritten, aber im Anschluss sind wir bei einem Bier oder einer Mischung beisammengesessen und haben geredet, wie man zu einer Lösung kommen könnte. Das Hauptproblem ist, dass es laufend sprachliche Grenzüberschreitungen gibt. Gewalt beginnt ja bei der Sprache. Die Primitivität in Ausdrücken und Körpersprache hat zugenommen. Niemand hätte gedacht, dass ein Trump Präsident wird, der nun über Twitter regiert; was in Italien aufgeführt wird, ist auch nicht mehr zu unterbieten.

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© Thomas Luef

STEIRERIN: Warum nur sind die Populisten so groß geworden?
Schützenhöfer: Eigentlich darf man es nicht laut sagen, aber es geht uns zu gut. Das Bewusstsein fehlt leider zu oft. Und dann wird gemotschkert. Wissen Sie, warum ich gerne mit jungen Menschen rede? Weil es nicht um Soll oder Haben geht, sondern um Sein und Sinn. Das ist meine Hoffnung. Einer überwiegenden Mehrheit in Österreich geht es gut, wenn ich auch befürchte, dass manchmal der geistige Wohlstand mit dem materiellen nicht mithalten kann. Es wird auf höchstem Niveau gejammert. Ich würde mir wünschen, dass wir wieder Politik nach Grundsätzen machen. Wir haben zu viele Politiker, die Überschriften produzieren und keine Inhalte liefern, da nehme ich meine Partei nicht aus. Ich war heuer mit meiner Frau auf Usedom auf Urlaub und habe viele Zeitungen gelesen. Die Deutschen schaffen es, Themen abzuhandeln. Bei uns verlieren sich leider manche Themen im Wahlkampf.

STEIRERIN: Eigentlich haben wir ja fast immer Wahlkampf, so gesehen werden auch viele wichtige Entscheidungen nicht getroffen. Was wollen Sie den jungen Wählerinnen und Wählern vorbeugend gegen Wählerverdruss mit auf den Weg geben?
Schützenhöfer: Nicht wählen zu gehen, ist eine depressive, negative Grundhaltung. Ich weiß aus meinem politischen Leben, dass eine Stimme mehrheitsentscheidend sein kann. Ich möchte Ihnen jetzt nicht sagen, dass wir die beste Partei sind, sondern ich möchte an Sie appellieren: Wählen Sie, was Sie wollen, aber wählen Sie und helfen Sie mit, dass nicht die ex­tremen Ränder des politischen Spektrums gestärkt werden, sondern jene Parteien, die für Österreich schon viel getan haben.

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© Thomas Luef