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Lifestyle | 01.09.2019

Wandern in die Vergangenheit

Bei Säumerwanderungen werden die früheren Handelsrouten über die Alpen touristisch belebt. Das Freilichtmuseum Stübing hat in Obergraz eine solche Route wiederentdeckt.

Wandern in den Bergen öffnet neue Horizonte, und kann spannende Einblicke in die Vergangenheit geben. Diese Erfahrung durften wir bei einer Wanderung machen, die das Freilichtmuseum Stübing eigens für uns organisiert hat. Gemeinsam wurde ein Teil der Saumwegwanderung bestritten, die Ende September stattfinden wird. Sie ist ein Blick 300 Jahre zurück, als Bauern der Umgebung mit ihren Pferden, Maultieren und Eseln Weinfässer in Richtung Seckau über die Gleinalm transportierten, Gegenfrachten auf dem Rückweg von Seckau über die Gleinalm bis zum Stift Rein. Wir wissen nun, dass die Hebalm nicht grundlos Hebalm heißt, dass eine recht unauffällige Pflanze am Wegesrand Wunderkräfte hat (sie heißt nicht umsonst Meisterwurz) und dass früher alles ein bisschen aufwendiger war. Neben historischen Erzählung gab es nämlich auch einiges an Sachkunde von den beiden „Chefsäumern“ Klaus Seelos vom Freilichtmuseum Stübing und vom Historiker Josef Hasitschka.

Ideengeber dieser Saumwanderung war Albert Schweizer, der selbst seltene Haustierrassen hält und mit seinem Esel an mehreren Säumerwanderungen teilgenommen hat – eine bei Pferdefans übrigens recht beliebte Freizeitbeschäftigung. Klaus Seelos vom Freilichtmuseum ist bestrebt, dass alte Handwerkstechniken nicht in Vergessenheit geraten, und bei dieser Saumwanderung geht es ihm nicht nur um das gemeinsame Wandern mit Mensch und insgesamt 17 „Saumtieren“, er will auch die alte Transporttechnik wieder in Erinnerung rufen. Denn auch das Säumen hält interessantes Handwerk bereit, das Verknoten der Ware auf dem Tier beispielsweise. Zugpferde könnten zudem beim Heraustransportieren von Holz aus Wäldern eingesetzt werden, da dies weitaus schonender als der Einsatz der schweren Erntemaschinen sei, die Böden zu stark verdichteten.

 

Das Wort Säumen kommt von „Saum“ und bezeichnet die Einheit, die ein Lasttier tragen kann, das sind knapp hundert bis 150 Kilo. Über den Saumweg, an dem die Wanderung stattfindet, wurden im 17. Jahrhundert pro Jahr bis zu 400 Fässer transportiert. Weil die 600 Liter schweren Fässer für die Tiere zu schwer waren, wurde der Wein mit Karren transportiert, wobei die schmalen Wege oftmals nur einachsig befahrbar waren. Für viele Bauern war dieses Säumen eine Nebenbeschäftigung, über die Geld in die Haushaltskasse kam. Frühmorgens ging man in Übelbach weg, pünktlich zu Mittag wurde die Ware auf der höchsten Erhebung den Bauern von der anderen Bergseite übergeben, also gehoben (daher Hebalm), und nach unten befördert.

 

Gebirgstäler waren so gesehen damals alles andere als hinterwäldlerisch, denn die Säumer wussten über die neuesten Trends – Stoffe, Südfrüchte, exotische Waren – bestens Bescheid, Säumer, die Vorfahren der heutigen Transporteure, waren somit auch Vermittler zwischen Kulturen. Ein illegales Vorbeiführen von Waren durch „Schwärzer“ war damals durchaus üblich, Salz sei in der Obersteiermark ein wertvolles Schmuggelgut gewesen, verrät uns der Historiker Hasitschka. Weil Lebensmittel vor 300 Jahren nur konserviert wurden, war der Salzverbrauch entsprechend hoch. Ein Bauer verbrauchte pro Jahr rund 300 Kilo Speisesalz, für die er rund 29 Gulden zahlte – 32 Gulden kosteten vier Pferde! Eine bekannte Schmugglerroute war damals der Bibelweg von Gosau in die Ramsau, wohin Lutherische Bibeln geschmuggelt wurden. In Salzburg als streng katholisches Land war das Buch schließlich verboten. Mit dem Straßenbau kam das Säumen im 18. Jahrhundert dann zum Erliegen.

Mit der Wanderung erhofft sich Klaus Seelos auch einen Impuls für den Tourismus. In der Schweiz haben sich Säumerveranstaltungen wie die Sbrinz-Route oder die „Via Vattellina“-Säumertour als Variante eines sanften Tourismus etablieren können, die wirtschaftlich durchaus erfolgreich sind. Und nicht zuletzt will das Freilichtmuseum damit einen weiteren kleinen Beitrag leisten, damit die Vergangenheit nicht in Vergessenheit gerät.


Saumwandern

Mitwanderer gesucht! Mit 17 Tragetieren geht’s am 28. September auf den Saumzug am alten Weinweg der Abtei Seckau. Die Anmeldegebühr von € 25 beinhaltet ein Mittagessen, ein Getränk sowie den Shuttletransfer. Infos: www.museum-joanneum.at/freilichtmuseum oder unter Tel.: 03124/53 700