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Lifestyle | 22.08.2019

Avantgarde im Idyll

Vielen Häusern, findet die steirische Architektin Marleen Viereck, fehlt etwas: die größtmögliche Individualität. Denn damit lässt sich ganz ungeahnte Wohnatmosphäre erschließen.

Nirgends ist das Landleben so typisch wie in der malerischen Steiermark. Umso größer ist die Überraschung, wenn man urbane Struktur in sattgrüner Landschaft, gespickt mit architektonischen Ausnahmewerken, vorfindet. Wie etwa in Kindberg, wo ein reduzierter Kubus mit fassadenlanger Glasfront moderne Ideenschmiede mimt. Dieses Haus ist für Marleen Viereck seit 20 Jahren Familienunternehmen, Vorzeigeobjekt und Visionenhüter. Für eine Architektin, die geradlinige Bauwerke im reduzierten Design mit Raffinesse auf den gestalterischen Punkt bringt und Räume formt wie andere Plastilin, führt sie ein betont nüchternes Büro. Vollgestopft mit Pappmodellen und Musterwänden, die vor haptischen Flächen und Materialien moderne Wohngeschichte erzählen. Natürliche Materialien, die hier architektonisch verarbeitet wurden, sind Stilmittel und Visitenkarte zugleich. Zeigen sie doch die Handschrift der Architektenfamilie und zugleich, was im kleinen Rahmen schon möglich ist. Wie vielschichtig die Dimensionen einer Architektenarbeit sein können und wie designverwandt, zeigt Marleen Viereck, die sich in Studienzeiten stark von der skandinavisch-gemütlichen Wohnatmosphäre beeinflussen ließ, anhand von zeitgemäßen Wohnprojekten.

Eines davon nennt sich salopp „Stadthaus“ (Fotos)und hält, was es mit seinem Titel verspricht: moderner Massivbau mit Flachdach, welches kombiniert mit einem asymmetrischen Satteldach moderne Silhouette erhielt. Gestalterisches Credo: klare Formen- wie Farbsprache, in Grau und Weiß, die sich homogen in städtische Struktur einfügt. Und stets zu seinen Bewohnern passend. Letzteres meint übrigens auch nachhaltige Bauweise für die Architektin: „Der bewusste Umgang mit Ressourcen und Fläche sorgt für nachhaltige Beständigkeit und macht das Wohnen über Generationen hinweg flexibel.“ Das sei ein Grundprinzip ihrer Designsprache. Hinzu kommen Naturmaterialien, alternative Energieformen sowie zeitlose Gestaltung. Jenseits schnelllebiger Trends. „Ich möchte mit größtmöglicher Individualität einen Mehrwert für meine Kunden schaffen und bestenfalls nachhaltigen, ökologischen Holzbau mit örtlichen Gegebenheiten harmonisch einen.“

Die 340 m2 große Wohnfläche des Stadthauses, die auf durchdachte Weise auf zwei Geschoße verteilt sind, zeigt, wie reduzierte Bauweise großzügig Ausblicke gewährt, ohne dabei unerwünschte Einblicke von außen zuzulassen. Gerade in städtischer Umgebung ist das eine anspruchsvolle Bauaufgabe. „Die Idee war hier eine Atriumlösung und eine offene Innenraumgestaltung“, erklärt die Architektin ihr urbanes Projekt in ländlicher Kulisse. Während sich die Fassade des Hauses, welche teils aus weißem Putz und Eternit besteht, einseitig nach Westen mit einer Glasfront öffnet, zeichnen dezent gesetzte Lichtlinien die kantige Fasson von außen nach drinnen weiter und münden bis in den Innenbereich, wo durchdachte Lichtinszenierung mittels linearer Wandbeleuchtung und tief hängenden Lampen punktuelle Theateratmosphäre schafft. Spaziert man durch den Wohnbereich, führt der Blick am von Hand gehobelten Eichenboden entlang, der warm anmutet, um wohnlichen Kontrast zu grauer wie weißer Klarheit im Interieurkonzept zu setzen. „Der rustikale Holzboden bricht harte Flächen auf, der Strukturputz dämpft die Akustik ob der vielen Glasflächen und die offen gestaltete Treppenanlage lässt Luft, Licht und Atmosphäre durch.“ Letzteres zeigt sich als lamellenartiges Alu-Rahmenelement, das als dunkle Stilkomponente wirkungsvoll Räume teilt und doch optisch eint. Wie ein Wechselspiel aus semitransparenten Dimensionen und in sich geschlossener Klarheit. Eine alternative Energieform stellt die sogenannte sanfte Kühlung dar, die komplett auf die Klimaanlage verzichtet. Kalt abfallende Luft tritt aus den Deckenschlitzen in den Raum und sorgt, kombiniert mit der Fußbodenkühlung, im Sommer für ein angenehmes Raumklima. Alles für ein durchdachtes Wohnkonzept, für noch mehr Wohlfühl­atmosphäre. „In Zeiten der Globalisierung wird der persönliche Rückzugsort immer wichtiger. Ursprüngliche wie natürliche Materialien, schlicht und minimalistisch eingesetzt, werden wieder beliebter“, gibt die Architektin ihre Trendprognose ab. Und gerade weil ihr Berufsbild stark designaffin ist, sei laut Viereck das Stilgefühl bereits in der Planungsphase wichtiger Bestandteil. Das liegt den Frauen offensichtlich im Blut, denn momentan sind 50 Prozent der Architektur-Absolventen weiblich, obgleich es nur wenige damit in die Selbstständigkeit wagen. „Die Männerdomäne besteht mittlerweile bloß noch auf den Baustellen.“ Feminines Designgespür kommt eben gut an. Ganz besonders dann, wenn Marleen Viereck moderne Gemütlichkeit gestalterisch wie nachhaltig in streng geradlinige Fasson bringt. Zunächst immer als Bleistift-Skizze, von Hand gezeichnet. Erst danach käme die Digitalisierung für sie ins Spiel. Ganz nach dem Motto „back to the roots“, denn das Ursprüngliche sei laut Architektin auch wieder gefragt.