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Lifestyle | 08.03.2019

Typisch Frau?!

Welche Rollenbilder junge Frauen haben, bekommen und bekommen sollten: ein Round Table über Klischees, Kampagnen und Klitoris.

Gesprächsteilnehmer

Das Frauengesundheitszentrum in Graz stellte den Rahmen zur Verfügung, in dem das Redaktionsteam der STEIRERIN – Daniela Müller, Lissi Stoimaier, Yvonne Hölzl und Elke Jauk-Offner – spannende Antworten auf brennende Fragen erhielt.

STEIRERIN: Bei Bekannten stellt sich gerade die Frage, welchen Ausbildungsweg die 14-jährige Tochter einschlagen soll. Die Mutter will sie auf die Kindergartenschule schicken, die Lieblingsfächer des Mädchens sind Biologie und Mathematik. Es zeigt, wie stark Eltern prägen können. Es gibt heute viele Rollenbilder für Jugendliche. Wie selbstverständlich ist es, mit 17 oder 22 Jahren Frau oder Mann zu sein?
Marlena Schöttl: Für mich ist das schon lange ein Thema und ich bin oft von Aussagen schockiert, die Klischees bedienen, etwa den Schönheitswahn. Aber verallgemeinern kann man es nicht, es gibt viele Gruppen von jungen Menschen, die Klischees aufbrechen, in so einer Gruppe bin auch ich.
Max Kapfenberger: Viele definieren sich sehr über ihr Äußeres. Es ist leicht, in so eine Rolle zu rutschen, wenn man von solchen Leuten umgeben ist. Ich entspreche teilweise nicht männlichen Klischees und bin daher für manche weniger Mann, aber ich fühle mich nicht so, weil ich mich nicht darüber definiere.

STEIRERIN: Welche Eigenschaften braucht es, damit man selbstbewusst seinen eigenen Weg gehen kann?
Max Kapfenberger: Ich glaube, es geht vor allem darum, sich nicht immer auf andere zu beziehen, das muss einen kalt lassen.
Marlena Schöttl: Bei mir hat es mit Kinderbüchern begonnen, die von starken Mädchen gehandelt haben. Von meiner Patentante habe ich mit 11, 12 Jahren das Missy (Anm.: Magazin für Pop, Politik und Feminismus) geschenkt bekommen, seitdem bin ich Leserin. Ich habe beobachtet, dass unsere Elterngeneration rebelliert hat. In der Großelterngeneration blieb die Frau meist daheim. Jetzt gibt es eine Gegenentwicklung: Jugendliche, deren Eltern versucht haben, Rollenklischees aufzubrechen, kennen diese gar nicht und verbinden nichts Negatives damit.
Hanna Rohn: Oft schiebt man die Verantwortung, aus Rollenbildern auszubrechen, auf einzelne Frauen und Männer ab, in Wirklichkeit ist es aber ein ganzes System, das mitspielt. Immer mehr läuft über Bilder, wir sehen in den Medien mehrere Tausend pro Woche, viele sind klischeehaft. Egal wie reflektiert wir sind, das wirkt auf uns alle, auch wenn wir es hinterfragen. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, das kennen wir ja.

STEIRERIN: Wo setzt man da an?
Felice Gallé: Es ist wichtig, Mädchen und Frauen individuell zu stärken und zugleich auf struktureller Ebene zu arbeiten. Da geht es um Expertengespräche, um Vernetzung, um Unterstützung für jene, die täglich mit jungen Frauen arbeiten. Oft hören wir von Pädagogen, dass sie in ihren Klassen Mädchen mit Essproblemen haben und nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Es ist ein Mosaik.

STEIRERIN: Beobachtet man, dass Mädchen, die sich von all den Bildern beeinflussen lassen, jünger werden?
Hanna Rohn: Es gibt Statistiken, dass jedes dritte Kind mit neun Jahren einen Porno gesehen hat. Wahrscheinlich sind es mehr, aber sie reden nicht darüber, weil es ein Tabuthema ist. Man kann es nicht verhindern, Kinder kennen sich mit dem Smart Phone sehr gut aus, hat es ein Kind, sieht es schnell die ganze Volksschulklasse. Die beste Lösung ist, mit den Kindern darüber zu reden, ohne sie zu verurteilen. Das trauen sie sich eher gegenüber externen Leuten, die keine disziplinarische Handhabe haben. Ich (Anm.: als Sexualpädagogin) bin keine Mutter und keine Lehrerin, die Noten gibt, mit mir können sie offen darüber reden.

STEIRERIN: Wie natürlich ist der Prozess, Sexualität zu entdecken? Wie weit lässt man sich von Bildern leiten?
Max Kapfenberger: Ich denke, schon sehr stark, man kommt immer früher ran. Ich kenne jedenfalls Personen, die gerade dadurch sehr spezielle Vorlieben entwickelt haben.
Barbara Pauli: Solche Bilder und Videos gehen via WhatsApp schnell durch die ganze Schule. Aber die Kinder trauen sich schon auch dezidiert zu fragen: Wie ist das jetzt wirklich? Eine Kollegin von mir sagt immer: Porno ist wie ein Science-Fiction-Film, das hat mit der Realität nichts zu tun. Zur Sexualität gehört anderes dazu.
Hanna Rohn: Die Konstruktion eines Pornos kann man ja entlarven, mit ihnen darüber reden, wie solche Bilder entstehen, dass wie in der Werbung viel inszeniert wird. Dann kann man es als Jugendlicher besser einordnen.

STEIRERIN: Also aufklären, aufklären, aufklären?
Felice Gallé: Es geht auch darum, den Fokus zu verlagern, junge Frauen zu stärken, indem man darüber spricht, was einen sonst noch ausmacht. Wenn ich mich nicht nur darüber definiere, wie ich aussehe, sondern auch, was ich kann, was mich interessiert, dann habe ich viel mehr Möglichkeiten.

STEIRERIN: Haben es junge Menschen im Vergleich zu früher schwerer?
Barbara Pauli: Es gibt mehr Möglichkeiten, aber auch mehr Ablenkung. Smart Phones waren früher kein Thema, Computerspiele sind sehr präsent. Schüler kommen manchmal völlig übermüdet in die Schule, weil sie bis zwei Uhr früh wach waren. Auch Eltern haben sich verändert.

STEIRERIN: Inwiefern?
Barbara Pauli: Eltern wissen oft selbst nicht genau, wie sie agieren sollen, wenn Kinder in die Pubertät kommen. Sie sind damit überfordert, was sie tun können, damit das Kind in den richtigen Bahnen bleibt. Selbst ist man vielleicht anders erzogen worden und will seinem Kind jetzt ermöglichen, sich frei zu entfalten, aber Kinder suchen Grenzen.

STEIRERIN: Gibt es auch Angebote für Eltern, wie man sein Kind stärken kann?
Felice Gallé: Wir machen Workshops für Pädagogen, in Schulen, aber auch für Eltern. Für Mütter wollen wir bald eine fixe Veranstaltung anbieten.

STEIRERIN: Von welcher Seite hätten Jugendliche gerne mehr Infos?
Marlena Schöttl: Die Informationen kommen ja von vielen verschiedenen Seiten, aber auch die Lehrer haben unterschiedliche Meinungen. Ich denke, da gibt es eine große Unsicherheit für Mädchen, ob man Geschlechterklischees jetzt aufbrechen oder einfach komplett ignorieren soll. Das betrifft zum Beispiel die Frage: Soll ich mich nicht mehr schminken, weil ich feministische Ansichten habe? Aber darum geht es ja gar nicht, sondern darum, dass ich mich nicht schminken muss, ich darf es aber, wenn ich will.
Max Kapfenberger: Wichtig wäre, die Kinder miteinzubeziehen und da­rüber zu sprechen, dass nicht alles so festgelegt ist, etwa was ein Rollenbild oder Feminismus ausmacht.
Marlena Schöttl: Ich muss mich immer wieder erklären, warum ich Feministin bin. Es geht ja nicht um ein Bessersein-Wollen, sondern um die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Die ist noch nicht erreicht.
Max Kapfenberger: Das ist auch für mich Feminismus.

STEIRERIN: Glauben junge Männer heute, dass sie Ernährer in der Familie sein müssen?
Max Kapfenberger: Teilweise schon, ja. Ich treffe öfter solche, die meinen, dass die Frau zu Hause kochen und putzen soll. Viele sehen sich nicht mehr mit anderen Meinungen konfrontiert, weil sie gerade in sozialen Medien so schnell Gruppen finden, die eigene Ansichten vertreten.
Felice Gallé: Das ist nicht unbedingt eine konservative Revolution. Es geht normalerweise gar nicht mehr um die Frage, ob Kind oder Karriere, sondern darum, die Existenz zu sichern, auch als Alleinerzieherin. Das Leben ist für viele Frauen anstrengend und bringt sie an Grenzen. Es gibt zwar viele Möglichkeiten, aber auch den Zwang, alles zu leisten und alle Rollen auszufüllen. Mädchen haben das bei ihren Müttern miterlebt und finden es nur bedingt erstrebenswert. Das ist aber keine 50er-Jahre-Renaissance.

STEIRERIN: Was ist der Auftrag an die Frauen?
Felice Gallé: Ich sehe hauptsächlich einen gesellschaftlichen Auftrag, damit wir nicht so leben müssen und uns in unseren vielen Rollen verlieren. Der Auftrag an uns Frauen ist, dass wir nicht perfekt sein müssen, nicht automatisch alles erfüllen müssen und auf uns aufpassen sollen. 


STEIRERIN: Wie geht man mit Machismen um, packt man die Burschen da besser mit Schmäh?
Barbara Pauli: Ich sage ihnen: Ich bin Direktorin. Ich brauche keinen Mann, der mir sagt, was ich tun muss. Das weiß ich selbst, mein Mann weiß es auch selbst. Das ist Partnerschaft. Das will ich auch im Job vermitteln.

STEIRERIN: Wie erreicht man am besten Erfolge in Diskussionen? Feminismus ist oft moralisierend …
Hanna Rohn: Bei Kindern und Jugendlichen ist es wichtig, sie ernst zu nehmen in ihren Anliegen, Sorgen und Ängsten. Das passiert oft nicht. Sie hören von Erwachsenen meist nur: Das verstehst du später einmal. Es hilft, wenn man Persönliches von sich preisgibt, zum Beispiel beim Thema Mens­truation. Auch erwachsene Frauen reden nicht viel darüber. Wenn Buben in unseren Workshops eine Frau erleben, die offen mit ihnen über Sex redet, regt sie das zum Nachdenken an.

STEIRERIN: Welche Themen kommen da?
Hanna Rohn: Was in Beziehungen wichtig ist, was man beim ersten Mal fordern und nicht fordern kann, wie man das überhaupt angeht, was es über das Verhütungsthema zu sagen gibt, wer dafür verantwortlich ist.

STEIRERIN: Ist es eine Bring- oder Holschuld? Muss ich mir Infos holen oder bekommen?
Marlena Schöttl: Das ist abhängig von den Personen, mit bestimmten redet man darüber, mit anderen nicht.
Felice Gallé: Wir müssen auch gar nicht alle ganz schnell ganz offen über alles reden können. Es ist vielmehr wichtig, für sich entscheiden zu können, was einem guttut und mit wem man reden will. Vielleicht ist es nicht die Mama, aber nicht, weil sie nicht offen dafür ist, sondern weil es die Mama ist. Vielleicht eignet sich in dem Moment einfach jemand anderer besser für das Thema. Sich da selber gut zu spüren und zu wissen, wo man die Infos holen könnte, das erscheint mir wichtiger. Sexualpädagogik wird, auch politisch motiviert, derzeit sehr angegriffen. Es ist wesentlich, dass Pädagogen und Sexualpädagogen gut zusammenstehen.
Barbara Pauli: Ja. Eltern sind oft besorgt, warum ihr Kind bestimmte Dinge überhaupt schon wissen soll. Sie wollen das nicht. Wir als Lehrer kommen in Teufels Küche, wenn wir etwas anbieten, was Eltern nicht wollen.
Hanna Rohn: Aber das Kind weiß es ja eh schon. Es braucht nur jemanden, mit dem es darüber reden kann.
Barbara Pauli: Gute Kommunikation mit den Eltern ist sehr wichtig, ja. Eine Mutter hat zuletzt angerufen, weil in der Schule gesagt wurde, mit 14 Jahren sollte man Sex haben. Das sagen wir natürlich nicht. Es war vielmehr ein Workshop mit einer Polizistin, die in der Schule über das Jugendschutzgesetz aufgeklärt und in diesem Rahmen gesagt hat, dass Sex mit 14 Jahren nicht mehr strafbar ist.

 

Es gibt eine Unsicherheit,
ob man Geschlechterklischees
aufbrechen oder ignorieren soll.

Marlena Schöttl

 

STEIRERIN: Wir haben über Schönheitsbilder gesprochen. Wie erlebt ihr das als junge Frau und junger Mann?
Marlena Schöttl: Das ist ein Riesenthema. In meiner Schulzeit gab es vier Bulimiefälle in meinem Bekanntenkreis. Beim Maturaball drehte sich monatelang alles darum, wer welches Kleid anzieht, wer zu welchem Friseur geht. Es stieß auf Unverständnis, dass sich manche selbst und nicht vom Make-up-Artist schminken lassen wollten. Mädchen schreiben vorwissenschaftliche Arbeiten über Schönheitsideale unserer Zeit und kritisieren zugleich, dass die aus der Parallelklasse sich zu stark schminken. Das geht für mich nicht zusammen.
Felice Gallé: Wenn Mädchen sich wochenlang damit beschäftigen, frage ich mich, was machen die Burschen in der Zeit? Da fällt mir Naomi Wolf ein, die vom Schönheitsmythos spricht, der uns beschäftigt hält, jetzt, wo es nicht mehr Kinder, Küche und Kirche sind. Wie viel Zeit, Geld und Kraft würde uns dabei übrig bleiben, wir könnten Aufsichtsräte stürmen und Revolution machen. Grundsätzlich muss man aber sagen: Es ist nicht blöd, schön sein zu wollen. Wir Menschen sind soziale Wesen und wollen dazugehören. Durch die Art, wie die meisten Mädchen sozialisiert werden, ist der Wunsch, zu entsprechen, immer noch stark. In der Pubertät sind sie hin- und hergerissen. Sie identifizieren sich einerseits über eine Gruppe, andererseits entwickeln sie auch das Individuelle.
Hanna Rohn: Da ist man natürlich auch anfälliger für Botschaften von außen. Vor allem auch, weil man sich im Körper aufgrund der Veränderungen vielleicht nicht ganz wohlfühlt.
Felice Gallé: Die körperlichen Veränderungen werden oft sexualisiert kommentiert.

STEIRERIN: Wie kann man die Social-Media-Prägung eindämmen?
Felice Gallé: Es geht um Entzauberung, um das Kratzen an der Fassade. Wir machen in Workshops greifbar, wie viel Vorbereitung und Nachbearbeitung bei diesen Bildern im Spiel ist.
Max Kapfenberger: Zu viele definieren ihr Wesen über die Schönheit, eigentlich sollte man seine Schönheit über sein Wesen definieren.
Felice Gallé: Auf der einen Seite steht die leichte Verfügbarkeit von Pornografie, auf der anderen Seite fehlt Wissen über den weiblichen Frauenkörper. Die Klitoris ist da eines unserer Lieblingsthemen, Informationen bleiben in Schulbüchern oft ausgespart, da ist nur der berühmte Knopf dargestellt. Dabei ist sie ein ganzes Organ mit Schwellkörpern. Als Information ist das nicht normalisiert. Das hat aber unglaublichen Einfluss darauf, wie ich lebe und wie ich meinen Körper wahrnehme. Auch Selbstbefriedigung ist noch immer ein großes Tabuthema.
Max Kapfenberger: Ich habe mich mit vielen Freundinnen über das Thema unterhalten. Mit 16 war es ein verbreitetes Klischee, dass Frauen nicht masturbieren.

STEIRERIN: Welches Männerbild, welches Frauenbild wünscht ihr euch?
Marlena Schöttl: Dass es typisch weiblich oder typisch männlich nicht mehr gibt. Dass man nicht darüber nachdenken muss, ob man ein Klischee bedient. Dass es um Menschen geht, nicht darum, ob Mann oder Frau.
Max Kapfenberger: Es verunsichert andere, dass ich mich durch Kommentare in Bezug auf meine Männlichkeit nicht verunsichern lasse, weil ich mich nicht über männliche Klischees definiere. Ich fühle mich wohl so.