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Lifestyle | 28.11.2018

Schwein gehabt?

Dürfen Schweine glücklich sein, fragt Labonca-Bauer Norbert Hackl in seinem neuen Buch. Ja, ist seine Antwort. Und Ihre?

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© Thomas Luef

Norbert Hackl fragt in seinem neuen Buch: „Dürfen Schweine glücklich sein?“ Bei ihm dürfen sie das. Der Biobauer hält auf seinem Labonca-Hof im südoststeirischen Burgau die Tiere so, wie es seinen Vorstellungen von Tierwohl entspricht: Seine Sonnenschweine suhlen sich im Schlamm, denn nur so können sich die Tiere, die keine Schweißdrüsen haben, abkühlen, sie können in den Freigehegen galoppieren („Sie glauben nicht, wie schnell die sind!“) und die trächtigen Säue dürfen selbst ihr Gebärnest bauen. Biobauer Hackl setzt mit seinem Zugang zur Tierhaltung einen Gegentrend zu den Bildern, die immer wieder aus Zuchtbetrieben in die Öffentlichkeit gelangen: Ferkel, die von der eigenen Mutter erdrückt werden, oder Schweine, die zusammengepfercht auf Gitterstäben warten, bis sie nach wenigen Monaten schlachtreif sind. Aktuell wird diskutiert, ob Ferkel mit oder ohne Betäubung kastriert werden sollen. Die Maßnahme muss sein, weil Fleisch von unkastrierten Ebern oft nicht schmeckt. Und dann gibt es noch das Hormon PMSG, das unter unschönen Bedingungen von südamerikanischen Wildpferden entnommen und in der Schweinezucht eingesetzt wird, damit Sauen zur gleichen Zeit ihre Ferkel bekommen. Hackls klare Schlussfolgerung lautet: Dürfen Schweine glücklich sein, wird auch das Fleisch mehr kosten müssen. Punkt.

Das Fleisch seines Sonnenschweines ist im Schnitt drei Mal so teuer als Fleisch beim Diskonter. Einmal Wie-nerschnitzel vom Kaiserteil für drei Personen kostet bei ihm rund zehn Euro, ein Unterschied, den man schmeckt. Für Haushalte mit schmalem Geldbörserl oder Alleinerziehende mag das viel sein, Hackl hat auch hier eine klare Antwort: Weniger oft Fleisch essen, dafür auf die Herkunft schauen. Und er stellt die Gegenfrage: „Was kann das Schwein dafür, dass der Konsument nicht mehr als 3,99 Euro für das Fleisch ausgeben will?“

Zugegeben: Schweinefleisch von der Qualität des Sonnenschweines ist nicht überall zu bekommen. Und der Anteil an Bioschweinefleisch liegt in Österreich bei gerade mal zwei Prozent. Warum ist das so? „Weil Schwein nun mal mit Schwein verglichen wird“, konstatiert Hackl. Damit meint er, dass die Konsumenten beim Rindfleisch sehr wohl wüssten, dass die verschiedenen Fleischstücke unterschiedliche Qualitäten und Preise hätten, das Schwein hingegen müsse eines sein: billig. Im benachbarten Dorfgasthaus würden seine Kotelettes um 19 Euro verkauft, das funktioniere nur, weil Labonca dabei stehe und die wohlklingende Bezeichnung „Kurzgebratenes vom Sonnenschweinrücken“. Viel machen auch die Bilder in der Werbung aus: Vom Schwein, das sich im Dreck suhlt, können eben keine so schönen Geschichten erzählt werden wie vom Kalb auf der grünen Almwiese. 

 

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„Dürfen Schweine glücklich sein?“, Norbert Hackl, erschienen im Leykam-Verlag. © Thomas Luef

Fakt ist, dass in einem durchschnittlichen steirischen Schlachthof pro Tag 250 Schweine geschlachtet werden. Fakt ist auch, dass in der österreichischen Landwirtschaft jeden Tag eine Fläche von 15 Hektar verschwindet, weil viele Bauern aufgeben oder – gerade in der Schweinezucht – überlegen, ob und wie sie weitermachen sollen. Tatsache ist auch, dass die Preise für Schweinefleisch enormen Schwankungen ausgesetzt sind und viele Jungbauern auf Ackerbau wechseln, weil ihnen in der unsicheren Preissituation die Planungssicherheit für Investitionen – auch und vor allem in Tierwohlmaßnahmen – fehlt. Raimund Tschiggerl, Vertreter der steirischen Schweinebauern und Geschäftsführer der Genossenschaft Styriabrid, schlägt Alarm. Nicht nur, was die Zukunft seiner Zunft und den Preisdruck, sondern auch, was die künftige Versorgung betrifft. Der Schweinefleischkonsum sinkt, immer mehr Betriebe schließen, was bedeutet, dass Österreich in Zukunft mehr Fleisch wird importieren müssen. Dann heißt es, sich von der gewohnten Qualität und besseren Tierwohlbedingungen zu verabschieden. Zum Vergleich: Ein großer, konventioneller Schweinebauer in der Steiermark hat rund tausend Tiere im Stall, in deutschen Betrieben stehen bis zu 30.000 Tiere. Hierbei geht es nur noch um Profit, was auch die Skandale zeigen, die immer wieder aufgedeckt werden. Österreich bräuchte eine Dachmarke mit Garantieversprechen für höhere Produktionsstandards, auch um sich von der internationalen Preisspirale lösen zu können, betont Tschiggerl, was auch Norbert Hackl fordert. Nur so gelinge es, Qualitätsstandards, Herkunftsgarantien und damit einen höheren Preis und mehr Tierwohl zu gewährleisten.

Mit dem Woazschwein ist vor wenigen Jahren ein Projekt gestartet, das höhere Anforderungen an das Tierwohl setzt. Die Stallungen der Woazschweine haben zwei Klimazonen, in denen die Tiere Bewegungsraum und tiergerechte Haltungsbedingungen vorfinden. An die Partner, Fleischer und Direktvermarkter, werden nur ganze Schweine geliefert, diese Partnerschaft ist auch für die Konsumenten transparent und setzt nicht nur an Haltung, sondern auch an die Fütterung höhere Ansprüche. Doch auch hier heißt es: Tierwohl kostet, das Fleisch ist etwa um 35 Cent pro Kilo teurer. Beim Woazschwein sei man von der internationalen Preisentwicklung weniger abhängig, betont Tschiggerl; die Preise würden einmal im Jahr verhandelt, der Schweinebauer könne besser planen. Doch bei noch so viel Goodwill seitens der Konsumenten, „gutes“ Fleisch zu kaufen, erinnert Tschiggerl: „Es hilft nicht sehr viel, am Wochenende Fleisch aus Tierwohlhaltung zu kaufen, wenn man sich unter der Woche mit Fastfood und fertig belegten Weckerln ernährt, bei denen man nicht weiß, woher Fleisch oder Schinken stammen.“

 

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Raimund Tschiggerl und seine Kollegen kämpfen um mehr Tierwohl. Nur muss das auch bezahlt werden können.Raimund Tschiggerl und seine Kollegen kämpfen um mehr Tierwohl. Nur muss das auch bezahlt werden können. © Thomas Luef

Auch die Landwirtschaftskammer Steiermark schlägt Alarm. Neben den Schweinebauern leiden auch die Obstbauern unter der aktuellen Preissituation. Von einem Kilo Schnitzelfleisch bekäme der Bauer gerade einmal 15 Prozent – wovon er noch Kosten für Stall, Futter oder Versicherung abziehen müsse. Vizepräsidentin Maria Pein rechnet vor: Würde der Bauer um nur 20 Cent pro Kilo mehr bekommen, könnte er kostendeckend wirtschaften. Bei den Obstbauern sind es übrigens 15 Cent, die sie mehr bekommen müssten. Qualität müsse kosten dürfen, sagt Pein: „Wer einen Mercedes bestellt, muss auch einen Mercedes bezahlen.“ 

Hier stellt sich die Frage, wer für mehr Tierwohl verantwortlich ist. Der Konsument, der bewusster einkauft, die Schweinezüchter, die stärker in Tierwohlmaßnahmen investieren, der Handel, der dafür höhere Preise zahlt, oder der Gesetzgeber, der höhere Standards vorschreibt? Alle zusammen, lautet die Antwort aus dem Büro der Landwirtschaftsministerin Köstinger. Dort sieht man im AMA-Gütesiegel die hohen Standards in der Lebensmittelproduktion gewährleistet, bezweifelt aber, dass der Mehraufwand durch qualitätsvollere Produktionen, der den Bauern entsteht, vom Handel abgegolten wird. Bei Spar hingegen betont man, dass die Forderungen nach höheren Standards, die sich immer mehr Konsumenten wünschten, gemeinsam mit der Landwirtschaft durchgeführt würden und für mehr Aufwand auch mehr bezahlt werde. „Kein Landwirt ist gezwungen mitzumachen, das ist ein gemeinsames Herangehen an die Sache.“ Spar gibt nach eigenen Angaben für Tierwohlprojekte mehrere Millionen Euro an zusätzlichen Prämien aus.

Die geplante Richtlinie der EU, wonach Supermarktketten bei ihren Eigenmarken von den Produzenten nur mehr gesetzliche Mindeststandards verlangen würden, zeigt jedenfalls, dass das Bestreben nach mehr Tierwohl mit solchen Ansätzen in die falsche Richtung geht. Dagegen wehren sich nicht nur die heimischen Produzenten, sondern auch der Lebensmittelhändler Spar.