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Lifestyle | 18.11.2018

Als die Beine versagten

Doris erfuhr jahrelang Gewalt in der Ehe. Das war ihr nicht bewusst, ihr Ex-Mann hatte sie ja nicht geschlagen. Sie musste erst zusammenbrechen, um zu erkennen, dass es Zeit für ein neues Leben ist.

Themen:

Doris glaubte, ein relativ normales Leben zu führen. Zumindest eines, das nicht recht viel anders war als das anderer Frauen im Dorf. Bis die Beine unter ihr zusammenbrachen und sie im Spital landete.

Zwei Jahre später sitzt Doris (Name geändert) im Grazer Augarten. Ihr altes Leben in der Südoststeiermark hat sie hinter sich gelassen. Nicht ganz freiwillig allerdings. Im Spital wurde ihr nach dem Zusammenbruch gesagt, dass sie eigentlich ein Fall für das Frauenhaus sei. Doris musste lachen. Ihr Mann hat sie doch nicht geschlagen, Gewalt war das in ihren Augen keine. Dennoch war das Eheleben fürchterlich für sie, ihr Mann hatte nach einem schweren Schicksalsschlag in der Familie den Boden unter den Füßen verloren und eigentlich psychologischer Hilfe bedurft, die er sich nicht holte. Stattdessen machte er seiner Frau das Leben schwer, er attackierte sie verbal, bedrohte sie und warf ihr ständig vor, sie würde fremdgehen. Mit dem zweiten Sohn schwanger, heirateten sie, Doris hoffte, dass sich die Situation dadurch verbessern würde. Doch alles wurde schlimmer. Es ging so weit, dass er ihr vorwarf, der jüngste Sohn sei nicht von ihm. Auch wenn seine Vaterschaft bewiesen werden konnte, gingen die psychischen Grausamkeiten weiter. Wenn sie sagte, sie könne nicht mehr und würde ihn verlassen, drohte er, die beiden kleinen Söhne wegzunehmen, sie in den Brunnen zu werfen und sie, seine Ehefrau, zu ruinieren.

 

Man beginnt irgendwann,
sich selbst die Schuld
für das alles zu geben.

– Doris, Betroffene

Doris war finanziell abhängig, gemeinsam führten sie einen kleinen Betrieb, mit den Schwiegereltern bestand ein sehr enger Kontakt, die Schwiegermutter akzeptierte Doris nie wirklich. Auch wenn ihre Eltern und die beste Freundin immer wieder insistierten, sie solle doch ihren Mann verlassen, blieb Doris. Sie wollte, dass die Ehe funktioniert. Nach ihrem Aufenthalt im Spital kehrte sie in ihren Heimatort in der Südoststeiermark zurück und forderte ihren Mann auf, aus dem Haus auszuziehen. Weil beide an den Betrieb gebunden waren, kam er jeden Tag zurück, sie erzogen die Kinder gemeinsam. Nach einem Jahr versuchte das Paar einen Neustart, der scheiterte. Nach drei Monaten merkte Doris, dass sich ihr Zustand wieder verschlechterte, und erklärte die Ehe für beendet. Von der Jugendwohlfahrt wurde ihr eine Familienhelferin zugewiesen, die ihr vom Frauenhaus erzählte und darüber, dass Gewalt in der Ehe nicht immer mit Schlägen zu tun haben müsse. Doris wusste von einigen Ehepaaren in ihrer Umgebung, dass es auch dort rauer zuging. Das müsse man wohl aushalten, das sei bei ihr auch so, sagte ihr eine Nachbarin bei einem Friseurbesuch. Sie drückte ihr Unverständnis darüber aus, warum sie sich von ihrem netten Mann, der er in der Öffentlichkeit immer gewesen war, getrennt habe. Als ehemalige Kellnerin war sie im Dorf ohnehin gebrandmarkt: Was will man mit so einer?

 

Dass das Frauenhaus sie gleich aufnahm, überraschte Doris umso mehr. Dort sei ihr erst bewusst geworden, dass ihre Ehe eine einzige Katastrophe sei. Finanziell von ihrem Mann abhängig, hatte sie mit den beiden kleinen Buben im Frauenhaus einen Rückzug und eine Bleibe gefunden. Das Wohngemeinschaftsumfeld war ihr zunächst fremd, doch schwärmt sie heute von dieser Möglichkeit, die dort geboten wird. Man werde zu nichts gezwungen, alles sei freiwillig, die Kinder seien in Betreuung. Man finde im Frauenhaus ein Umfeld vor, in dem man sich niederlassen und nachdenken könne. Auch für die beiden Söhne kehrte dort Ruhe ein, hatte sich das Ehepaar in den letzten Jahren doch ständig gestritten. Erst viel später, beim Ausräumen des gemeinsamen Hauses, fand Doris leere Spirituosenflaschen, die ihr Ex-Mann mit Tabletten zu sich genommen hatte, immer dann, wenn daheim die Situation eskalierte. Am nächsten Tag wusste er von nichts und unterstellte ihr, sie habe sich den Streit und die Eskalation nur eingebildet. Doris glaubte das manchmal sogar selbst und fragte sich, ob sie nicht selbst verrückt sei.

Hilfe von den Eltern und der besten Freundin hätte sie die ganze Zeit über gehabt, nur konnte sie sie nicht annehmen. Die finanzielle Abhängigkeit, die ständigen Drohungen und Konflikte nahmen ihr die Kraft, sich anderweitig eine Arbeit zu suchen und aus der Ehehölle auszusteigen. Erst im Frauenhaus kamen ihr Lebenswille und die Kraft zurück, ihrem Leben eine neue Wendung geben zu wollen.

 

Heute kann sie mit ihrem Ex-Mann zumindest wenige Stunden verbringen, die Kinder vertraut sie ihm alleine noch nicht an. Irgendwann will sie wieder auf das Land ziehen, dort gefällt es ihr besser. In Graz geht sie einer Arbeit nach, hat eine Wohnung gefunden und machte eine Psychotherapie, die sie stärker gemacht und zu sich selbst zurückgebracht hat. Das Leben in der Stadt hat sie gelehrt, weniger auf das Außen zu blicken und sich weniger darum zu scheren, was andere über sie denken. Auch ihren Typ hat sie geändert. Jetzt, Jahre später, stärker und selbstbewusster, antwortet sie auf die Frage, warum sie nicht schon früher gegangen sei: „Zuerst war es noch Liebe. Auf jeden Fall die Angst  vor Versagen, dass schon wieder eine Beziehung schief geht. Meine Eltern haben es schließlich auch geschafft, 50 Jahre verheiratet zu sein. Man beginnt irgendwann, sich selbst die Schuld zu geben.“ Ihre frühere beste Freundin ist es wieder geworden. Sie habe Doris damals absichtlich im Stich gelassen. „Sie hätte nichts erreichen können“, erzählt Doris, die immer dann, wenn die Ehe am schlimmsten war, den Kontakt zu den Eltern und der Freundin abgebrochen hatte. Betroffenen Frauen gibt sie den Rat: „Nimm dir Zeit. Sei dir aber darüber im Klaren, ob du dich so behandeln lassen willst.“ Auch wenn es für das Umfeld nicht einfach sei, sollte man der Betroffenen das Gefühl geben, hinter ihr zu stehen.


Aktion

Die internationale Kampagne „16 Tage gegen Gewalt“, veranstaltet von den österreichischen Frauenhäusern, startet am 25. November 2018. Bis 10. Dezember nützen Fraueninitiativen auf der ganzen Welt diese 16 Tage,  um auf das Recht auf ein gewaltfreies Leben aufmerksam zu machen. Details unter www.aeof.at.

 

Neben den Frauenhäusern können sich Betroffene auch an das Gewaltschutzzentrum wenden: www.gewaltschutzzentrum-steiermark.at oder an die Frauenberatungsstelle bei sexueller Gewalt TARA: www.taraweb.at


Lifestyle | 18.11.2018

„Die größte Hürde ist die Erkenntnis“

Michaela Gosch leitet den Verein Frauenhäuser Steiermark. Dort finden Frauen einen geschützten Zufluchtsort und die Möglichkeit zur Aufarbeitung dessen, was passiert ist, sowie zum Neubeginn.

Themen:

STEIRERIN: Frau Gosch, was versteht man unter Gewalt in der Ehe?

Michaela Gosch: Die häufigste Form ist die körperliche Gewalt, die oft sichtbare Spuren hinterlässt. Schwieriger wird es mit der psychischen Gewalt, die betroffene Frauen sehr spät wahrnehmen und die oft verharmlosend mit den Worten „immerhin schlägt er dich nicht“ abgetan wird. Psychische Gewalt zielt fast immer darauf ab, den Selbstwert des Opfers zu zerstören und es sozial zu isolieren, ein destruktiver Kreislauf, den das Opfer nur schwer durchbrechen kann. Auch bei der sehr schambehafteten sexuellen Gewalt in einer Beziehung oder Ehe fällt es den Opfern sehr schwer, sich jemandem anzuvertrauen.


Was erwartet Frauen bei Ihnen?

Neben Schutz, Unterkunft und Verpflegung – Frauen in der Steiermark haben einen im Steirischen Gewaltschutzeinrichtungsgesetz geregelten Rechtsanspruch auf einen Platz im Frauenhaus – begleiten und beraten wir unsere Klientinnen bei der Verarbeitung der Gewalterfahrung, bei der Sicherung ihrer rechtlichen und finanziellen Ansprüche, Jobsuche, Wohnungssuche, im Hinblick auf die Organisation der Kinderbetreuung, aber auch Erziehungsberatung.  Es geht darum, den bei uns lebenden Frauen und Kindern Freiheitsgrade zu schaffen und ihnen für die Zeit nach dem Frauenhaus ein eigenständiges und gewaltfreies Leben zu ermöglichen.


Was raten Sie Frauen, die in einer ähnlichen Situation sind?

Frauen stecken oft so lange in Gewaltsituationen fest, dass sie ihren Alltag, ihre Erfahrungen als „normal“ wahrnehmen, sie mehr oder weniger in ihren Lebensalltag integrieren. Erst wenn eine außenstehende Person sagt: „Das ist keineswegs normal. Das ist nicht bei allen so. Das gehört nicht  dazu, wenn man verheiratet ist oder in einer Beziehung lebt!“, schaffen sie es, einen realistischen Blick auf die Situation zu bekommen und sich einzugestehen, dass sie Gewalt erfahren. Ist der Schritt in eine offizielle Einrichtung zu groß, sollte man sich einer Vertrauensperson anvertrauen. Die größte Hürde ist, es sich selbst einzugestehen.