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Lifestyle | 28.09.2018

Daheim zu Gast

Kaum jemand hat ein so geniales Produkt zum Werben wie die Hoteliers und Tourismustreibenden – die Steiermark. Nimmt man das überhaupt wahr? Ein Talk mit Menschen aus dem Tourismus.

Die Diskussionsgäste

Erich Neuhold.
Geschäftsführer von Steiermark Tourismus, lebte in verschiedenen Regionen und Metropolen der Welt.

Georg Bliem.
Planai-Hochwurzen-Bahnen--Geschäftsführer und früherer
Steiermark-Tourismus-Chef.

Alfred Pierer.
Hotelier (Almwellness Pierer) und Geschäftsführer der Latschenhütte (LAHÜ) auf der Teichalm.

Gerhard Höflehner.
Hotelier (Natur- und Wellnesshotel Höflehner) in Haus.

Stefan Eder.
Hotelier (Der WILDe Eder) und Zweihauben-Koch in St. Kathrein
am Offenegg.

Andrea Sajben.
Tourismusexpertin (Andrea Sajben, M.A.S. Marketing-Consulting) in Gleisdorf. Sie unterstützt oben genannte Betriebe bei ihrer täglichen Arbeit.

Schon Goethe fragte: „Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?“ Zugegeben: Der Dichter und Gelehrte war halt auch viel in der Welt unterwegs. Wie geht es Hoteliers und Touristikern, die tagtäglich die Schönheit des Landes anpreisen, die für uns selbstverständlich ist? Ein launiges Gespräch in der Skybar, über den Weltkulturerbe--Dächern der Hauptstadt.

Herr Pierer, ist Ihnen die Schönheit Ihrer Region, die Sie als Hotelier verkaufen, bewusst?

Pierer: Bei mir hat das eine gewisse Zeit gebraucht, jetzt erlebe ich diesen Schatz umso intensiver. Als Jugendlicher bist du Skifahren, spürst du die Berge aber nicht so. Heute gehe ich jeden Montag mit Leuten aus der Region, die Zeit haben, auf den Hochlantsch. Wir schnaufen auf den Berg rauf und beim Runterschauen wird einem bewusst, wie schön man es hat. Diese Kraft nütze ich auch, um diese Heimat unseren Gästen näherbringen zu können.

Sajben: Aus meiner Sicht gibt es zwei Arten von Hoteliers: die Genießer und die Opfer. Der Genießer schätzt, dass er dort arbeitet, wo andere Urlaub machen. Das Opfer verbindet die Heimat mit Arbeit. Meine Erfahrung zeigt, dass die Hoteliers erfolgreich sind, die selbst auch genießen können.

 

Was ist Heimat für Sie persönlich?

Bliem: Jeder hat gern einen Absender, wo er herkommt, in meinem Fall ist das verbunden mit einem Gefühl des Stolzes. Dem Gast gegenüber muss man von diesem Absender überzeugt sein, um keine Irritation zu erzeugen.

Pierer: Wir feiern heuer unser 125-Jahr-Jubiläum, wir betreiben unser Geschäft bereits über Generationen und jeder hat seinen wertvollen Beitrag geleistet. Das ist meine Heimat.

Eder: Ich habe gebraucht, bis ich erkennen und wertschätzen konnte, was Heimat für mich ist. Ich war viel auf der Welt unterwegs und erst als ich heimkam, wurde mir bewusst, wie schön wir es haben. Es ist aufgeräumt, in jedem Garten, im Wald.

Neuhold: Wenn man viel im Ausland war und dort gelebt hat, weiß man zu schätzen, was man hier vorfindet – den Trinkwasserhahn aufzudrehen und klares Wasser zu haben oder abends das Fenster aufzumachen und frische Luft einzuatmen. Heimat ist für mich, wo die Wurzeln sind, wenn man viel unterwegs ist, bekommt die Familie eine besondere Ankerfunktion.

Höflehner: Heimat muss man erfahren, ich glaube, man erkennt erst als Erwachsener, was Heimat bedeutet, allein durch die Erfahrungen, die sich so ansammeln. Zur Heimat gehört für mich auch das Handwerk. Heimat kann überall auf der Welt sein, ankommen werde ich letztlich da, wo mein Herz ist.

Sajben: Heimat ist für mich Vertrautheit, Wurzeln, Sicherheit. Ich bin viel unterwegs, daher schätze ich die Auszeit zu Hause besonders. Heimat ist für mich ein Platz, an dem ich mich fallenlassen kann.

Was glauben Sie, welchen Begriff oder welche Vorstellung von Heimat oder Geborgenheit Ihre Gäste haben und was sie erleben wollen?

Höflehner: Die meisten Gäste kommen aus urbanen Räumen und suchen das Ursprüngliche. Unsere Aufgabe ist, herzuzeigen, was wir als Heimat sehen, und zwar so, wie wir selbst damit groß geworden sind, wie wir sie als Kinder erlebt haben. Das ist, was das Herz berührt.

Sajben: Gästebefragungen zeigen dazu: Sie suchen die Ursprünglichkeit, die fast naive traditionelle Lebensweise, allerdings mit modernen Standards.

Was hat sich mit der Globalisierung und der aktuell stattfindenden Rückbesinnung auf Traditionen geändert?

Bliem: Man muss sich erst mal fragen, wo sich der Begriff Heimat am besten spiegelt: bei den handelnden Personen. Wenn die das auch leben, sind das schon mal die Basics. Als wir bei Steiermark Tourismus das grüne Herz einführten, wurden wir als altvaterisch bezeichnet. Heute symbolisiert das Herz: Hier findet Österreich statt! Wir haben mit dem Herz eine hohe Identität geschaffen und transportiert, die es in keinem anderen Bundesland so gibt. Dazu muss man geradlinig sein, darf nicht übertreiben. Und vor allem: nicht zu viel Lederhose (lacht).

Neuhold: Für mich ist es wichtig, dass man als Gastgeber geerdet ist, sich nicht verbiegt und dem Gast herzlich auf Augenhöhe begegnet. Das macht auch den steirischen Gastgeber aus. Letztlich wollen wir alle im Urlaub verwöhnt und behütet aufgenommen werden, wollen uns wohlfühlen. Dazu ist aber auch eine entsprechende Infrastruktur wichtig, die den Urlaub persönlich macht.

Sajben: Das erwarten auch die Gäste, WLAN sowie Dienstleistungsqualität, andererseits „back to the roots“. Alles soll ein Kontrastprogramm zum hektischen Alltag sein, eine Reduzierung auf das Wesentliche.

Eder: Für mich ist dieses Thema stark in der Kulinarik vertreten. Wir definieren unsere Küche als regioglobal, indem wir regionale Produkte verwenden und sie etwa mit neuen Gewürzen so inszenieren und ihnen einen modernen Touch geben. Hier geht es um Emotion, vieles aus der Kindheit kommt beim Essen in Erinnerung. So ein Produkt ist die Breinwurst, die meine Oma noch selbst gemacht hat. Früher fand ich das uncool, heute wurste ich selbst und habe das Rezept anders interpretiert. Aber es ist ein Rezept, das eine Geschichte erzählt.

 

Was ist im Hotelbetrieb Ihre Rolle? Die des Animateurs oder des unauffälligen Organisators im Hintergrund?

Sajben: Sowohl als auch. Der Hotelier ist verantwortlich für die perfekte Infrastruktur, für die Servicequalität, soll aber auch als Person präsent sein.

Pierer: Heute muss man auch Psychologe bei den Gästen und Mitarbeitern sein. Wichtig ist, präsent zu sein, aber nicht aufdringlich, viele Gäste wollen einfach ihre Ruhe, aber dennoch die Familie im Hintergrund kennenlernen. Nachdem jeder bei uns in der Familie eine Funktion hat und im Haus unterwegs ist, pflegen wir ohnehin immer Kontakt zu den Gästen.

Höflehner: Das ist eine Frage, die man sich jeden Tag stellt. Wenn jeder macht, was er am besten kann, gelingt der Job. Optimal wäre, sich die Namen aller Gäste zu merken. Aber das ist nicht einfach (lacht).

Neuhold: Ja, aber gerade Stammgäste wollen als solche auch wahrgenommen und beim Namen genannt werden. Den holländischen oder deutschen Gästen ist wichtig, familiär aufgenommen zu werden. Andere Gäste wiederum sehen uns mehr als Dienstleister.

Eder: Bei Stammgästen ist meine Beobachtung, dass sie immer mehrere Hotels besuchen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass die Qualität passt.

 

 

Ihre Branche klagt seit Jahren über zu wenig Personal. Gibt es hier Visionen? Servierroboter?

Neuhold: Der Mensch ist in dieser Branche unersetzlich. Über Alexa oder Siri kann ich Informationen aus Datenbanken abfragen, aber ein Gespräch kann ich nur mit Mitarbeitern führen.

Sajben: Es braucht ein Umdenken: den Arbeitsplatz attraktiver machen, Strukturen festigen, manche Situationen einfach akzeptieren.

Eder: Die Wertschätzung für unsere Branche muss steigen sowie das Bewusstsein, dass Dienstleistung etwas wert ist. In der Küche ist’s immer trendig, als Koch kannst du cool sein, tätowiert. Aber im Service sieht das anders aus. Dabei ist es nach wie vor ein ehrlicher Beruf, bei dem man mit Menschen in Kontakt kommt und auch viel erreichen kann. Wir sind diesbezüglich leider gerade dabei, die nachkommende Generation zu vergessen.

Pierer: Es ist mühsam, wenn das Arbeiten am Wochenende fast nur in der Gastronomie Thema ist. Dabei gibt es viele Berufe, in denen am Wochenende gearbeitet wird. Das Thema Arbeitskräftemangel ist nicht neu, das hatte mein Vater schon. Es kommt nur jetzt in anderen Branchen an.

Höflehner: Seit 15 Jahren akquiriere ich neue Mitarbeiter und versuche, für beide Seiten das Unmögliche möglich zu machen. Durch die Digitalisierung könnten wir Standards zur Informationsweitergabe schaffen, um nicht bei jedem Mitarbeiter von vorne zu beginnen. Wir haben bekanntlich eine starke Durchlaufquote und nach spätestens zwei Jahren bildet sich ein neues Team.

Eder: Es ist fraglich, ob es in kleinen Dortwirtshäusern in Zukunft überhaupt etwas zu essen geben wird. Oder wird der Gast davon ausgehen, dass es ohnehin nichts gibt? Das wäre auch der sichere Tod für die Dorfwirte. Früher lebte die Branche von der unentgeltlichen Arbeit der Familie, heute gilt es, wirtschaftlich zu denken. Nicht jeder kann sich da durchgehend einen Kellner leisten. 

Pierer: Ich finde, dass es sich manche zu einfach machen, wenn sie Traditionsbetriebe einfach zusperren.

Höflehner: Oftmals wird der nachfolgenden Generation zu wenig Spielraum gegeben. Viele Betriebe scheitern daran, dass sich die Eltern erst mit 70 zurückziehen und die Jungen sich nicht einbringen können. Die wollen ja auch ihr Stück Heimat gestalten.

Pierer: Ja, und letztlich musst du Freude an dem haben, was du tust. 

Bliem: Wir tun uns leichter, seit die Planai auch Sommerziel ist, können wir von den 430 Mitarbeitern 275 das ganze Jahr anstellen. Unsere neuen Kleinbusse bringen Mitarbeiter zur Arbeit und nach Hause, sie arbeiten vier Tage und haben zwei frei.


Woher kommen die Gäste, die in der Steiermark Urlaub machen?

Neuhold: Die größte Gruppe sind die Steirer selbst, gefolgt von Wienern. Österreichweit sind wir noch immer unangefochten Marktführer.

Wie wird sich der Österreich-Urlaub entwickeln?

Neuhold: Österreich wird immer populärer, damit auch die Steiermark. Das hat viele Faktoren: Der Wunsch nach Nahzielen, Regionalität, Sicherheit, Geborgenheit vor den großen Problemen, die es überall auf der Welt gibt. Viele denken sich heute: Wenn ich nicht fliegen muss, fliege ich nicht. In den Verkaufskatalogen rangiert Österreich auf Nummer 6! International hat man erkannt, welche Potenziale und Trends es gibt. Ich denke, die Popularität wird noch steigen. Das neue Luxusgut wird der Urlaub am See oder in den Bergen.

Sajben: Dazu kommt auch der Charme der Gastgeber (lacht).

Neuhold: … und dass sich der Steirer nicht verbiegt und ein guter Gastgeber ist, attestieren uns alle.

 

Wie sehen Sie das Preis-Leistungs-Verhältnis?

Neuhold: Hier könnten wir ruhig etwas selbstbewusster sein.

Sajben: Die Steiermark ist bekannt für ihr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, die Preise könnten ruhig ein wenig höher sein. Der Gast genießt eine gute Leistung und letztlich kann der Hotelier nicht investieren, wenn er kein Geld auf der Seite hat. Die Angst, den Gast zu verlieren, ist der falsche Ansatz.

Höflehner: Viel können wir uns viel von Südtirol abschauen. Die haben uns style- und preismäßig längst überholt.

Wo sind Sie am liebsten und wie schaffen Sie sich Auszeit?

Pierer: Definitiv in unserer Region. Die größte Herausforderung ist die Zeit, hierbei muss man etwas egoistisch sein und sich freispielen. Am besten gelingt das ganz in der Früh.

Neuhold: Aktuell bin ich unterwegs auf der Wanderroute vom Gletscher zum Wein. Ich kann sagen: Die ganze Steiermark ist ein Wahnsinn! Diese Vielfalt! Ich könnte nicht sagen, was davon mein Lieblingsplatz ist. Auszeit ist für mich, Zeit zu haben und sie mit der Familie zu verbringen.

Eder: Das ist es auch für mich. Wir fahren gern mit unserem VW-Käfer--Oldtimer herum, sonst haben wir eine kleine, versteckte Alm mit Miniteich und kleiner Hütte, wo wir oft Picknick machen. Das entschleunigt und ist definitiv mein Lieblingsplatz.

Bliem: Meine Auszeit ist, wenn ich mich nach der Arbeit auf mein Mountainbike setze. Platzerl habe ich viele, die verrate ich aber nicht (lacht).

Höflehner: Ich bin sehr gern auf den Bergen, von jeder Blickrichtung schaut die Welt anders aus. Ich laufe auch Marathon.

Welche Zeit?

Höflehner: 3.15 Stunden. Seit 2005 sind wir ein Wanderhotel, Wandern ist ja die wichtigste Freizeitbeschäftigung im Sommer. Das mache ich auch privat gern. Wenn ich mit Katrin fünf, sechs Stunden wandere, sind wir wie ausgewechselt. Die Probleme werden kleiner und man fühlt sich richtig gut.