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Lifestyle | 05.06.2018

Weit mehr als nur tanzen

Elisabeth ist Tango, Lena ist Swing, Joachim ist Fred Astaire. Tanzen ist für die drei Universal-Dancer Lebensfreude, ist Spaß und ein Schritt in ein selbstbestimmteres Leben.

Elisabeth Waltersdorfer schreitet im Tango. Lena Strohriegel bounct behende im Swing. Joachim Lampel ist Fred Astaire, ist Walzer, ist Entertainer. Alle drei haben Trisomie 21. Aber das ist völlig egal. Hier tanzen sie nur. Elisabeth mit Tanzpartner Florian Ptak. Ernst blickt sie drein, als Beethovens 5. im Tangostil interpretiert anklingt. Sie konzentriert sich auf ihre Schritte, Trainerin Karin ruft ihr ein leises „Lächeln“ zu, bis sie von Markus schwungvoll ausgedreht wird und sie kess ihre lockigen Haare zur Seite wirft. Spätestens das ist der Moment, an dem Elisabeth angekommen ist im Ballroom.

Trainerin Karin Preininger-Glaser hat für Elisabeths und Florians Choreografie Tango, Cha-Cha-Cha und Discofox ausgewählt. Eine Showeinlage dauert eine Minute und 20 Sekunden. Keine Frage, die Dramatik des Tangos steht Elisabeth am besten. Hier geht es immerhin auch um etwas: Karin und ihre Schützlinge trainieren in der Tanzschule von Conny und Dado in Graz für die kommenden nationalen Spiele der Special Olympics.

Elisabeths Tanzpartner Florian Ptak ist von Beruf Freizeitassistent im Rahmen des Lebenshilfe-Programms „Tumawas“, er begleitet Menschen mit Beeinträchtigungen in ihrer Freizeit, zu Sport oder bei Bildung. Mit seiner Kollegin Romana Paschek hatte er die Idee für die Kooperation mit der Tanzschule. Auf der Suche nach einer Möglichkeit zum Tanzen stießen die beiden auf Conny und Dado, die waren Feuer und Flamme und integrierten die Kunden der Lebenshilfe in ihren Übungsabend am Freitag. Was 2013 begann, erreichte im Vorjahr den bisherigen Höhepunkt: die Qualifikation für die Teilnahme bei den World Special Olympics Games und eine Goldmedaille. Und hier heißt der Star Joachim.

Er erscheint mit einem Lächeln und seiner sichtlich stolzen Tanzpartnerin Miriam Strasser, sie ist seit zwei Jahren beim Tanzen an seiner Seite. Elegant betritt er zu Frank Sinatras „Fly me to the moon“ die Bühne, einen Stock in der Hand, den Zylinder auf dem Kopf, die er lässig zur Seite schleudert, sich Miriam schnappt und mit ihr einen langsamen Walzer tanzt, der zu einer Elvis-Nummer in einen Cha-Cha-Cha übergeht. Die Choreografie ist viel zu schnell zu Ende. Joachim tanzt „alles, das man tanzen kann“, sagt seine Mutter; stolz zeigt sie die Fotos vom Wettbewerb im Vorjahr, als sich Joachim und Miriam unter zwölf Einzeltänzern, 19 Tanzpaaren und neun Gruppen durchgesetzt hatten. Joachim zeigt mit einem breiten Grinsen das Video, in dem die Jurorin die Bewertung begründet und mit einem „I love your smile!“, schließt, was Joachim noch breiter grinsen lässt. So viel steht fest: Der Charmeur ist auf der Bühne zu Hause, sein Lachen ist hochansteckend.

Ansteckend ist auch das Tanzen. Die Freizeitassistentin Romana Paschek hat selbst privat zu tanzen begonnen. Die Übungsabende bei Conny und Dado seien auch für Tänzer ohne Behinderung lehrreich, um Berührungsängste mit den Universal Dancern überwinden zu können, sagt sie. Florian Ptak freut sich immer wieder über das neue Selbstbewusstsein, das Tanzen bei seinen Kundinnen und Kunden weckt. Zu oft würden sie von Angehörigen geschützt und geschont, dabei biete gerade Tanzen einen unglaublichen Lerneffekt und Vertrauen in das eigene Können. „Tanzen trägt auch dazu bei, dass diese Menschen feststellen, was sie wirklich wollen“, betont Florian. Romana Paschek ergänzt: „Wir haben eine Kundin, die hätte von sich aus nie fremde Menschen angesprochen. Jetzt fordert sie von sich aus Männer zum Tanzen auf.“ Lenas Tanzpartner Markus Faymann amüsiert sich immer wieder über die Direktheit und Ehrlichkeit der Universal Dancer. „Sie sagen klar, wenn sie nicht tanzen wollen. Das trifft jedoch meist nur auf den Moment zu.“

Lena ist erst 18 und seit Kurzem Hilfsassistentin bei Conny und Dado. Für den kommenden Wettbewerb trainiert sie mit ihrem Partner Markus Faymann, ihre Choreografie beinhaltet Swing und Rock ’n’ Roll. Verschmitzt um sich blickend steht sie im Raum und wartet auf ihren Einsatz. Spätestens beim Liedbeginn „As sly as a fox, as strong as an ox“ von Lenkas „Everything at once“ springt der Funke auch aufs Publikum über, man will unweigerlich mittanzen. Zur mitreißenden Musik schwingt Markus den grazilen Körper seiner Tanzpartnerin durch die Lüfte, es kann nicht genug Rock ’n’ Roll für die Tänzerin sein. Jegliche Schüchternheit ist weggewirbelt, den Zusehern ist die Begeisterung in die Gesichter geschrieben.

Trainerin Karin Preininger-Glaser hat rund acht Trainingseinheiten Zeit, um ihre Schützlinge wettbewerbsfähig zu machen. Die Tanzstile sucht sie nach den Vorlieben der Tänzer aus, die Musik spielt sie kurz an, ob’s passt, steht nach wenigen Takten fest. So selbstverständlich, wie Karin mit ihren Universal Dancern umgeht, ist für sie auch die Thematik: Bruder Berti war Autist, ihre Eltern ließen bei ihr ein natürliches Selbstverständnis für die Vielfalt und Buntheit der Menschen wachsen, selbst ist sie am rechten Ohr gehörlos. Im Ballroom macht das alles keinen Unterschied. Die Stimmung reißt mit, Joachim wirft beim Vorbeigehen ein verschmitztes „Na, was sagst?“ nach. Ja, was? Einfach nur: Großartig!

Special Olympics

Die drei Paare werden vom 7. bis 12. Juni 2018 bei „BRÜCKEN bauen“, den siebten nationalen „Special Olympics“-Sommerspielen, dabei sein. Rund 1.500 Teilnehmer werden erwartet, nicht nur aus Österreich, auch aus elf weiteren Nationen. Denn die Veranstaltung in Vöcklabruck ist für viele Disziplinen Qualifikation für die Welt-Sommerspiele, die 2019 in Abu Dhabi stattfinden. 

Seit zehn Jahren bietet die Freizeit-, Bildungs- und Sportassistenz bei „Tumawas“ (Lebenshilfe) Tanzkurse an, seit fünf Jahren in Kooperation mit Conny & Dado, wo Menschen mit Beeinträchtigung an den Tanzabenden teilnehmen und für die Wettbewerbe bei Special Olympics trainiert werden.

Conny & Dado gehen mit ihrem „All in One Ball“ heuer in die dritte Runde: Er findet am 21. September statt, diesmal in der barrierefreien Location Congress Graz: Vier verschiedene Musik- und Tanzstile in vier Hallen mit Live-Musik und DJs.