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Lifestyle | 23.04.2018

Ein Bad im Wald

„Shinrin Yoku“ heißt der Trend aus Japan: Waldbaden. Die STEIRERIN hat die Probe aufs Exempel gemacht – mit erstaunlichen Erkenntnissen. Tauche mit ein. Einatmen, ausatmen. Los!

Zügigen Schrittes marschieren wir die leichte Steigung hinauf, Fotografin Marija Kanizaj und ich. Da liegt er vor uns, gleich hinter dem Pichlschloss in Mariahof, mitten im Naturpark Zirbitzkogel-Grebenzen: der Wald. Und Claudia Gruber gebietet uns sanft Einhalt angesichts unseres beherzten Tempos. Unsere Geschwindigkeit sollen wir deutlich reduzieren, die Geschäftigkeit des Alltags draußen an der Lichtung lassen. Die Schuhe ausziehen, bewusst spüren, wie sich der Boden unter den Füßen anfühlt.

Das von Menschenhand geschaffene Portal mitten unter den Bäumen soll noch einmal verdeutlichen, dass wir in den Wald eintauchen wollen: Waldbaden. „Shinrin Yoku“ kommt aus Japan. Dort gibt es schulmedizinisch anerkannte Kuren im Wald auf Rezept. Verantwortlich für die heilsame Wirkung ist nicht nur die Atmosphäre, es sind auch die sogenannten Terpene, die von den Bäumen abgegeben werden. Die Botenstoffe kann man tatsächlich riechen, sie sind Bestandteil der Waldluft. Pflanzen können über Düfte anderen Pflanzen mitteilen, von welchen Schädlingen sie angegriffen werden, und können so auch Nützlinge anlocken. Die Sprache der Terpene versteht auch der menschliche Körper – und nutzt den Wald zur Stärkung des Immunsystems, zum Abbau von Stress, zur Verbesserung der Konzentrationsfähigkeit. Als Stichwort fällt auch immer wieder die Krebsprävention. „Bereits ein einziger Tag in einem Waldgebiet steigert die Zahl unserer natürlichen Killerzellen im Blut um fast 40 Prozent“, schreibt der steirische Biologe und Autor Clemens Arvay in seinem Buch „Der Biophilia-Effekt. Heilung aus dem Wald“.

 

Da stehen wir jetzt also mitten im heilsamen Universum. Sonnenstrahlen fallen durch die Baumkronen und schaffen ein reizvolles Spiel von Licht und Schatten. „Wir wollen langsam und bewusst unterwegs sein“, unterstreicht unsere Waldbademeisterin Claudia Gruber noch einmal, „das ist für viele anfangs schwierig, am Ende unserer Wanderung bekomme ich sie dann aber fast nicht mehr aus dem Wald hinaus“, schmunzelt die Natur- und Landschaftsvermittlerin, künftige Naturtherapeutin und NaturLese-Trainerin. Waldbaden ist Teil des Programms „Naturpark Auszeit“.  Der Weg ist das Ziel. Stimmt hier perfekt. Was unterscheidet Waldbaden vom Waldspaziergang? „Bei einem Spaziergang hat man ein klares Ziel vor Augen und blickt dabei kaum nach links und rechts.“ Der Aufenthalt im Wald wirkt sich aber immer positiv aus.

Wir nehmen ein paar tiefe Atemzüge und beobachten – uns selbst. „Was passiert, wenn wir die Atmung nicht zu steuern versuchen, in welchem Rhythmus fühlen wir uns wohl?“, leitet Gruber an. Wir hören, was der Wald uns zu sagen hat. Welche Stimmen hören wir da draußen – und welche in uns? Welche Geräusche tun gut, was tut uns gut?  Minuten können lange sein. Still sein, lauschen, atmen, spüren. Ein bisschen anstrengend. „Die Übungen zu halten, fällt vielen zu Beginn schwer. Aber nur zu Beginn.“ Es wird schnell klar, dass der Wald darin unterstützen soll, dass man sich auch wieder ein bisschen mehr auf sich selbst fokussieren kann. Ganz entspannt. Und nebenbei tun die Terpene ihre Wirkung. Sehr fein.

 

Ins Moosbett legen wir uns heute nicht, dafür ist es noch ein bisschen zu frisch. „Aber das ist eine Kraftquelle. Einfach nichts zu tun, nur hier zu liegen.“ Mit der Lupe schauen wir uns die Strukturen von Pflanzen an. Kleine, faszinierende Universen tun sich auf. Eine Augenbinde schaltet den Sehsinn aus. Jetzt heißt es, Bäume zu befühlen. Bäume umarmen? Kann man, wenn einem danach ist. Macht aber nicht das Wesen des Waldbadens aus. Muss man jetzt die Beschaffenheit der Rinde beschreiben, seine Erkenntnisse in Worte fassen? Nichts von alledem. Man macht es für sich, man hört auf sich, man spürt für sich. Waldinseln mit Holzmöbeln laden auf dem Weg immer wieder einmal zu einem Dialog – oder Monolog – ein.

„Laut japanischen Ärzten soll man beim Waldbaden nicht mehr als einen guten Kilometer pro Stunde zurücklegen“, bringt es die Grazerin Ulli Felber, Burn-out-Prophylaxe-Trainerin und Wald-pädagogin in Ausbildung, in ihrem Übungshandbuch zum Thema Waldbaden auf den Punkt. „Was zählt, ist Wahrnehmen, Erleben und Genießen, ohne Zeitdruck, ohne bestimmtes Ziel.“ In Sachen Waldtherapie wird auch im deutschsprachigen Raum die universitäre Auseinandersetzung mit dem Thema vorangetrieben. Mein Fazit: Der Aufenthalt im Wald entschleunigt, lässt durchatmen, macht gute Laune. Nein, einen Bademantel muss man beim Waldbaden nicht wirklich tragen. Er versinnbildlicht aber, dass man wirklich in den Wald eintauchen, ihn ganz nah an sich heranlassen soll. „In den Wäldern sind Dinge, über die nachzudenken, man jahrelang im Moos liegen könnte.“ Die Worte stammen aus der Feder von Franz Kafka. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Eindrücke