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Fashion | 16.10.2019

Tausendundeine Tracht

Ihre Designs entstehen aus Liebe. Und wenn es mit Liebe zu tun hat, muss es wahrlich etwas Gutes sein. Besonders dann, wenn sie seit jeher aus Liebe zur Steiermark urbane Mode „vertrachtet“ und so weltbekannt wurde: Designerin Carolin Sinemus.

Der Moment, wenn dich die halbe Welt kennt und deine Mode tragen will – von Victoria Beckham über Britney Spears bis hin zu Nicole Kidman. Mehr noch: wenn diese sogar zu guten Bekannten werden und du plötzlich mitten drin in dieser Modewelt bist. Unbezahlbar! Das ist der Südsteirerin Carolin Sinemus vor rund 15 Jahren passiert, als sie ihren Durchbruch mit ihrem Modelabel „Sisi Wasabi“ zusammen mit ihrer Geschäftspartnerin von Berlin aus hatte. Eine Hommage an die ehemalige österreichische Kaiserin, Wasabi als japanischer Stilbruch – Tracht für die Großstadt, stilvoll, fancy und anders. Ein Look, der „viral“ ging und es bis nach Los Angeles in den damals angesagten Trendstore „H Lorenzo“, bei dem Stars und Sternchen zu den Stammkunden zählten, schaffte. „Als der Anruf kam, dass gerade Britney Spears eine meiner Jacken gekauft habe, war das ein unglaubliches Gefühl“, erinnert sich Designerin Carolin Sinemus, die schon als kleines Mädchen in Sachen Mode ihrer Zeit voraus war und immer nur Modeteile wollte, die erst in der kommenden Saison „in“ waren. Trendgefühl kann Segen und Fluch sein. Schon bevor Influencer auf den heute beliebten Stilbruch setzten, kombinierte Carolin frech Lederhose mit High Heels, dazu ein Trachtenoberteil und lässige Jacke. Das war neu und ließ die Tracht in der Fashion-Welt einschlagen. Aber erst mal von Anfang an:

„Im Herzen bin ich Steirerin mit Wohnsitz in Berlin.“ In Kitzeck im Sausal aufgewachsen, wollte Carolin Sinemus brav etwas „anständiges“ lernen. Jura. Ein Ausbildungsweg, über den sich wahrscheinlich 90 Prozent aller Eltern gefreut hätten. Nicht aber die ihren. Das passe doch nicht zu ihrer kreativen Tochter, die lieber in den künstlerischen Bereich gehen und vielleicht etwas mit Mode in Paris machen sollte. „Bei uns zu Hause war das etwas umgedreht. Ich blieb aber stur und hatte mit dem Jura­studium in Berlin begonnen“, so die Wahlberlinerin. Als sie zusätzlich den Studentenjob als Stylistin anfing, überkam es sie. Es folgte prompt die Aufnahme bei einer Berliner Modeschule, dazwischen ein Jahr Paris und finale Diplomarbeit in Berlin, für die sie die Idee von „Sisi Wasabi“ ins Leben rief. „Über die Jahre habe ich all meine Kollektionen vertrachtet. Dafür wurde ich zunächst belächelt, aber ich kann mich der Magie der Tracht heute noch nicht entziehen. Für meine Abschlussarbeit einte ich die Steirische mit der Japanischen Tracht und gewann damit den ersten Preis.“ Was dann kam: Das erste Jobangebot vom Chefdesigner von Diesel, der sie noch am selben Abend der Modenschau der Modeschule anheuerte. „Ich bin gleich am Montag darauf mit zwei Koffern von Berlin über die Steiermark nach Bassano del Grappa, wo Diesel sitzt, und habe dort als jüngste Design­assistentin angefangen zu arbeiten.“ Sie als einzige deutschsprachige unter 800 jungen Menschen aus aller Welt. „Und dann stieg der Wunsch wieder auf: Ich will doch Trachten machen“, so die Designerin, die mit Mitte 20 und nach eineinhalb Jahren bei Diesel ihr eigenes Label, wieder daheim, im Keller der Eltern in der Südsteiermark, gründete. Mit Sisi Wasabi.

Ein für damals außergewöhnlicher Mix aus Trachtenelementen und -schnitten mit der Reduktion und Linearität der japanischen Tradition kombiniert. „Das Tolle an der Tracht ist, dass sie schon immer nachhaltig war und der Trachtenlook einfach für jeden Anlass passt“, so die Designerin. „Zu Hause habe ich einen ganzen Kleiderkasten voll mit Dirndl.“  Dass Tracht schmückt, haben nach und nach selbst internationale Stars verstanden. Sogar Schauspieler Til Schweiger, mit dem Carolin eine 15-jährige Freundschaft verbindet. Nach der Trennung von ihrer Geschäftspartnerin und dem gemeinsamen Label hat ihr der Schauspieler und Regisseur bald darauf einen Job als Chefdesignerin bei seinem eigenen Label „Barefood Living“, einer Lifestyle-Plattform, angeboten. „Es ist natürlich immer leicht, für einen Freund zu arbeiten, aber Til ist ein wahnsinnig kreativer Mensch und in all seinen Produktideen steckt ein Teil von ihm selbst. Das hat mir gefallen.“ Die letzten drei Jahre lang. Seither arbeitet sie als selbstständige Designerin, zuletzt für das Trachtenhaus Steiner 1888, für das sie die aktuelle Herbst/Winter-Kollektion entwarf – zusammen mit einer Schnittmeisterin, die zuvor lange für Louis Vuitton Paris gearbeitet hat. „Der Loden verträgt am besten reduzierte, klare Linien. Zusammen mit hochqualitativer Schnittkunst. Das ist auch die Designhandschrift in dieser Trachtenkollektion.“

Woher die Inspiration kommt?  Von überall her, wie die Designerin selbst meint: „Ich sehe mir viele Modeseiten und Jungdesigner an, Architektur, Stoff- oder Vintage-Stores und verarbeite diese Ideen anschließend abwechselnd in Berlin und in der Südsteiermark.“ Ihre neueste Fashion-Vision: „Auf einer Hochzeit habe ich den Maharadscha von Jaipur kennengelernt. Und wurde von ihm nach Indien zur Wüstenparty mit 250 Leuten aus der ganzen Welt eingeladen. Seitdem habe ich so eine Sehnsucht nach Indien und überlege schon die ganze Zeit, wie ich Tracht mit Indien verbinden könnte.“ Ganz nach dem Motto „Tausendundeine Tracht“ also. Tracht hat eben viele Gesichter.