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Fashion | 27.06.2018

Dirndl-Kult

Auf den Leib geschneidert: Zeitgeist ist im Ausseerland nicht nur erlaubt, sondern erwünscht – um die Tracht lebendig zu halten.

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© Marija Kanizaj

Dass ein Trachtengewand bei jeder Wetter- und in jeder Lebenslage die richtige Wahl ist, daran lässt Helga Brandauer kaum einen Zweifel. Selbst den strengen, schneereichen Ausseer Winter könne man mit entsprechend wärmender Unterbekleidung ohne Probleme im Dirndl bewältigen, betont die Erfinderin des Dirndlspringens. Erdacht hat sie es an einem lauen Sommerabend, als die Kinder partout nicht aus dem See zu bekommen waren.

Sammlung. Nicht aus dem Blick verliert sie unter anderem auch ein anderes Langzeitprojekt: Auf einem Dirndl­stoff sammelt Brandauer seit Jahren Unterschriften berühmter Menschen, die kürzer oder länger im Ausseerland weilen und weilten – Tobias Moretti, Karlheinz Böhm, Johan Botha, Paul Lendvai. Irgendwann will sie daraus ein Gewand schneidern lassen und für den guten Zweck versteigern. Klaus Maria Brandauer hat sich freilich auch darauf verewigt, er ist der Taufpate von Enkeltochter Anna, die die Modeschule Hallein absolviert hat und damit die Erste im Familienbunde ist, die das Nähen von der Pike auf gelernt hat. Helga Brandauer ist ursprünglich Drogistin, Tochter Ulli Hafnerin.

Balkongeländer. Alle diese Details führen nicht zuletzt vor Augen, dass die Tracht hier im Ausseerland weder Verkleidung noch ein Korsett ist. „Sie ist ein selbstverständlicher Teil unseres Alltags und bleibt lebendig, gerade weil wir Veränderung zulassen. Auch ein Dirndl geht mit der Mode, wir spielen mit Farben und Stoffen. Man kann ja nicht 365 Tage im Jahr das gleiche Gewand anziehen“, betont die Expertin in ihrer Dirndlwerkstatt und Maßschneiderei am Meranplatz, einem ehemaligen k.u.k Gebäude der Saline. So werden auch afrikanische Stoffe und indische Schals zu Kitteln und Schürzen verarbeitet und eigene Designs – jüngst ein Fischmotiv – entworfen. Helga Brandauer ließ sich darüber hinaus bereits von dem Erscheinungsbild eines Balkongeländers für das Muster auf einem Dirndlstoff inspirieren, die Schürze ziert eine Pelargonie.

Helga Brandauer
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© Marija Kanizaj
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© Marija Kanizaj
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© Marija Kanizaj

Rüscherlrausch. Erlaubt ist also durchaus, was gefällt, die Technik muss aber freilich bis ins Detail sitzen. Davon zeugt schon die Vielfalt an in penibler Handarbeit gefertigten Rüschen, die an den Leib angebracht werden können. Neben den beliebten Herzerlrüschen wartet die Bandbreite an Verzierungen auch mit Kasettchen, Kräuselrüschen, Waffelrüschen, Sturmwellenrüschen oder Tollfaltenrüschen auf. Die Schneiderinnen Claudia Grieshofer und Elisabeth Freller legen gerade Hand an.

Regelwerk. 20 bis 30 Dirndl gehören zur Standardausstattung der Ausseerinnen, so heißt es, manchmal sind es auch deutlich mehr. Und viele pilgern in die Region, um sich ein Dirndl auf den Leib schneidern zu lassen. Beim klassischen Aushängeschild, dem Ausseer Dirndl, kann es freilich durchaus etwas strenger zugehen: grün ist der Leib, rosa der Rock, lila die Schürze.

Und aufgepasst, will man lieber der Tradition folgen: Das Oberteil ist einfärbig, die Schürze trägt ein Streifenmuster und der Rock ist geblümt, „das ist eine Grundregel, das Muster wiederholt sich dabei nie“, erklärt Ursula Schranz-Veigl. Allerdings: Die Auswahl an Farbnuancen ist sehr groß, ebenso kann man Blumen und Muster in allerlei Variationen wählen.
Rund 45 Kilometer Stoffe sind in dem um 1500 erbauten Bürgerhaus in Bad Aussee, in dem „Ausseer Gwand“ seinen Sitz hat, lagernd. Die vielen Kombinationsmöglichkeiten – ob Ausseer Dirndl oder eine individuelle Kreation – machen die Wahl freilich nicht einfacher, „man darf aber ruhig auf sein Bauchgefühl vertrauen, viele bleiben nach langem Überlegen und und Begutachten doch wieder bei ihrer ersten Intuition“, weiß die Expertin aus Erfahrung.

Claudia Grieshofer und Elisabeth Freller
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© Marija Kanizaj

Kittelziehen. Für ein maßgeschneidertes Dirndl wird der Kittl von Hand gezogen. Dieser Arbeitsschritt ergibt am Bund lange, feine Stehfalten – sie entstehen durch Heftnähte in mehreren, regelmäßigen Reihen entlang eines sogenannten Hanselbandes und das anschließende Zusammenschieben zu kleinen Fältchen. Hanseln oder stifteln nennt man das, „wir machen das aus Prinzip fünf Mal, mehr trägt unserer Sicht einfach auf“, gibt Schranz-Veigl in puncto optimale Paßform vor.

Unangepasst. Handgewebte Stoffe kleiner Manufakturen und traditionellen Handdruck verbindet Bettina Grieshofer, die einzige Damenkleidermachermeisterin vor Ort, in ihren Kreationen. Als Inspiration dienen Wiesen und Wälder, aber auch Mode- und Wohnmagazine. „Unangepasst“, diese Zuschreibung ist für ihre handgenähten Neuinterpretationen des Dirndls Programm, bei Farben, Formen und Mustern lehnt sich „die Grieshoferin“ auch gerne und aus Überzeugung weiter aus dem Fenster. Traditionelles Dirndl, zeitgenössisches Design – natürlich geht das in Bad Aussee, das sich nicht nur als Kult-Sommerfrischeort und geografischer Mittelpunkt Österreichs einen  Namen gemacht hat, sondern auch den offiziellen Titel „Trachtenhauptstadt“ trägt.

Frühe Berufung. Die Liebe zu diesem über Jahrhunderte bewährten Kleidungsstück reicht im Falle der Liezenerin weiter zurück, bereits als Kind hat Bettina Grieshofer für ihre Barbiepuppen am liebsten Dirndl gefertigt. Heute schöpft sie in ihrer Werkstatt in der Platzhirsch Dirndlerei aus dem Vollen ihrer Leidenschaft. Die ersten Kundinnen wurden in den beruflichen Anfängen übrigens noch in ihrem Schlafzimmer vorstellig, wo sie die Kommode kurzerhand zum Zuschneidetisch umfunktioniert hatte. Heute stattet sie das Personal im Steirereck auf dem Pogusch und in den Betrieben von Dietrich Mateschitz aus.

Bettina Grieshofer
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