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People | 07.09.2017

So geht Wahlkampf auf Facebook!

Ungefiltert. 3,7 Millionen Österreicher nutzen Facebook, viele als Nachrichten-Tool. Das machen sich die Parteien zunutze. Bloggerin Madeleine Alizadeh klärt über Eigendynamik und Gefahren auf.

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Bewusstsein. Bloggerin Madeleine Alizadeh, bekannt als „dariadaria“, im look!-Talk über Wahlwerbung auf Facebook und die Vor- und Nachteile von Social Media & Co. © Andrea Cislaghi

Über sechs Millionen Menschen in Österreich sind wahlberechtigt, 3,7 Millionen davon nutzen Facebook. Vor allem seit den Präsidentschaftswahlen ist die Social-Media-Plattform bei Parteien aller Couleur höchst beliebt, weil quasi jeder zu erreichen ist. Und das sofort. Ungefiltert. Zur Folge hat das aber auch, dass sich politische Debatten ins Internet verlagern. Ebendort sind sie sehr emotional, anfällig für Manipulation, und sie geben dem einzelnen Nutzer so viel Macht wie nie zuvor. Wahlkampf auf Facebook bedeutet auch, jeden zweiten Österreicher zuerreichen, der die Erfindung Mark Zuckerbergs als Nachrichtenplattform nutzt. Nirgendwo sonst – außer am Stammtisch und im Bierzelt – können die Politiker dem Wähler „näher“ sein und in Echtzeit auf Empörung, Wut und Nöte reagieren. Aber auch nirgendwo sonst wird so brutal, unzensuriert und mitunter untergriffig agiert. Madeleine Alizadeh, einer großen Blogger-Community als „dariadaria“ bekannt, hat sich mit den Mechanismen auf Social Media auseinandergesetzt. Im Talk mit look! zum Thema „Wahlkampf auf Facebook“ fordert sie eine „Verfassung“ für das Internet. Warum, erklärt sie hier.

 

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Neue Wege. Am 21. August gab es von „dariadaria“ den letzten Outfitpost. Die Bloggerin arbeitet an neuen Projekten. © Maximilian Salzer Fotografie

look: Der Wahlkampf 2017 wird von den Parteien forciert auf Facebook & Co. ausgetragen. Auf Social Media aber viel brutaler, härter, respektloser und im Wortsinn „unanständiger“. Wie ist deine Meinung dazu?

Madeleine Alizadeh: Die Vorteile von neuen Medien sind sehr oft auch die Nachteile. Im Falle von Social Media: Ungefiltert ist sehr oft sehr gut! Der arabische Frühling zum Beispiel hätte ohne Social Media nie funktioniert. Facebook hat eine große Rolle bei der Mobilisierung Tausender gespielt und ungefilterte Information in einem Land, wo Zensur stattfindet, ist unheimlich wichtig für gewaltlose Widerstandsbewegungen. Gleichzeitig birgt das Ungefilterte auch die Gefahr: Denn Information, vor allem Falschinformation, kann in Umlauf geraten und gerade bei einer Zielgruppe, die sonst keine anderen, klassischen Medien konsumiert, kann das dazu führen, dass eine Blase entsteht, in der Falschmeldungen und ein Meinungsvakuum vorherrschen. Noch haben wir leider keine Verfassung für das Internet, aber früher oder später werden wir so etwas brauchen.

 

BK Kern hat das Video der SPÖ, eine Anlehnung an „House of Cards“, auf Facebook präsentiert: Die Meinungen ebendort waren geteilt. Bis hin zu Twitter-Nachrichten: Ein Wirtschaftskammer- Funktionär schockte mit einem Vergleich der SPÖ und den Nazis. Wo sind deiner Meinung nach die Grenzen? Gibt es überhaupt welche?

Natürlich gibt es Grenzen, aber sie liegen mittlerweile ganz woanders. Politik muss leben und sich anpassen, denn Politik passiert nicht im abgeschirmten Raum, sondern betrifft das Leben aller Menschen. Menschen ändern sich, Politik ändert sich. Ich persönlich bin keine House-of-Cards- Schauerin, kann mit dem Video also recht wenig anfangen, fand aber die Geschichte mit Stermann und Grissemann sehr gelungen. Ich sehe die Taktik Kerns als stilvolleren Umgang mit Populismus. Wir können uns nicht wehren gegen populistische Strömungen und selbst etwas populistischer – wenn auch auf satirische Art und Weise – zu werden, ist gar nicht mal so unklug, um Zielgruppen zu erreichen, die sonst schwer zu erreichen sind. Wieso sollte Politik starr und farblos sein? Ich finde diese neue, unkonventionelle Politik gut, vor allem für die Jungen.

 

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Politbewusstsein. Madeleine Alizadeh hat als Bloggerin „dariadaria“ eine große Fanbase. © Martin Popp

Dieser Wahlkampf ist aggressiv und es geht scheinbar nicht, ohne persönliche Seitenhiebe auszuteilen wie unlängst die Grünen mit ihren neuen Wahlkampfsujets. Gerade auf Facebook sind persönliche Verletzung, Häme und Hasspostings nahezu beliebt. Wie erklärst du dir das?

Ich finde, es gibt einen Unterschied zwischen Aggression und satirischem Wahlkampf. Da für mich Klimaschutz das Thema Nummer eins unserer Zeit ist, sehe ich solche Plakate als notwendig an, um auf dieses Thema, um das sich leider so wenige scheren, aufmerksam zu machen. Es ist „for the sake of the good“ sozusagen und nicht, um Ego oder persönliche Machtspiele auszutragen. Wir verstehen alle noch nicht, wie dramatisch die Folgen der Erderwärmung sind und wie wichtig es jetzt ist, zu handeln. Bezüglich Häme und Hasspostings: Ich bemerke auch, dass Wahlkämpfe viel emotionalisierter ausgetragen werden, so wie wir es nur aus den USA kannten. Ich finde aber, dass der mediale Diskurs generell emotionalisierter stattfindet als vor ein paar Jahren. Das liegt meiner Meinung nach daran, dass viele Menschen Journalismus mit Aktivismus verwechseln. Wir brauchen aber rationale, nüchterne Berichterstattung als Pendant zu Aktivismus.

 

Für viele Junge ist Facebook ein Nachrichtenmedium geworden. Ein Umstand, der dir Sorge bereitet?

Absolut! Auf Facebook laufen wir Gefahr, uns in medialen Blasen zu bewegen, die einem reinen Meinungsvakuum gleichen. Allein die Algorithmen auf Facebook sind so ausgelegt,dass wir oft nur Dinge zu sehen bekommen, die unserer eigenen Meinung entsprechen. So bekommen viele UserInnen kein Kontra, keine Diversität vor Augen geführt. Auch die Dynamiken, die bei dieser Art von Konformität entstehen, halte ich für sehr gefährlich.

 

Wenn du der „Generation Facebook“ etwas zu den anstehenden Nationalratswahlen im Oktober mit auf den Weg geben könntest, dann was?

Der Generation Facebook würde ich ans Herz legen, sich einmal hinzusetzen und sich selbst zu fragen: „Welche Probleme liegen mir besonders am Herzen?“ und „Wo sehe ich mein Land in 10 Jahren?“. Mit diesen Antworten sollte man dann schauen, welche/r KandidatIn geeignet erscheint. Ich persönlich finde es grundsätzlich mal wichtig, dass man überhaupt wählen geht!

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