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People | 30.06.2016

Die berühmte Tochter

Aglaia Szyszkowitz pendelt zwischen der Glamourwelt als Schauspielerin und ihrem ganz normalen Leben als Ehefrau und Mutter. Dazwischen besucht sie immer wieder gern ihre Heimatstadt Graz. Wir trafen sie auf einen Plausch im Café Promenade.

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Schauspielerin Aglaia Szyszkowitz ©Jorge Konstantinov

Aglaia Szyszkowitz ist zu einer Lesung nach Graz gekommen. Wir von der STEIRERIN trafen sie im Café Promenade. Sie kommt, bepackt mit Einkäufen, direkt vom Kaiser-Josef-Markt, ihrem persönlichen Lieblingsplatz in der Stadt. Genauer gesagt trinkt sie dort am Stand von Julia Jeschek immer einen Wildkräutersaft. Ihre beiden Söhne sind bei den Großeltern, ihr ältester erhält vom Großvater eine Einführung in das Studium der Medizin. Wie der bekannte Opa – Rudolf Szyszkowitz war ein angesehener Unfallchirurg und ist nun in Pension – möchte er Arzt werden und in Graz studieren.

20 Jahre im Geschäft. Verheiratet ist Aglaia Szyszkowitz mit dem Manager Marcus Müller, die vierköpfige Familie lebt südlich von München. Ihre Ausbildung machte sie am Volkstheater Wien und weil viele ihrer Kollegen zunächst nach Krefeld gingen, hatte sie sich dort beworben und wurde genommen. Von Krefeld ging es nach Würzburg, wo sie ihren Mann kennenlernte. Weil sie, statt an einer Bühne fix engagiert zu sein, lieber frei sein wollte, zog es Szyszkowitz nach Hamburg. In dieser Zeit gelang ihr mit ihrer ersten Hauptrolle im Kinofilm „2 Männer, 2 Frauen, 4 Probleme“ der Durchbruch. Die Dreharbeiten erfüllten alle Klischees: Der erste große Kinofilm, bei dem sie sich prompt in den Filmpartner Heino Ferch verliebte. Und das ein Jahr vor der geplanten Hochzeit! Aglaia Szyszkowitz spielte dabei eine Frau, die einen Mann – eben Ferch – nach Italien entführte. Beim Dreh zwang ein verschneiter Pass zu einer Zwangspause, danach ging es ins romantische Venedig, „alles war so, wie sich Klein-Susi das Filmdrehen vorstellt“, erzählt die Schauspielerin schmunzelnd. Spätestens mit der ZDF-Serie „Einsatz in Hamburg“, sie spielte von 2000 bis 2013 die Kommissarin Jenny Berlin, war auch ihr „Grazer Singsang“ weg, wie sie ihren Dialekt beschreibt. Seit 1995 ist Aglaia Szyszkowitz gut im Geschäft, drei bis vier Filme dreht sie pro Jahr. Agenten, die ihr geraten hatten, einen Künstlernamen zuzulegen, weil ihr Nachname unaussprechlich sei, ignorierte sie.

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Graz ist noch immer ein großes Stück Heimat für die Schauspielerin. ©Jorge Konstantinov

Die Grazerin und ihre Welten. Nun sitzt die große Tochter der Stadt im Café Promenade, Gäste von den Nachbartischen lugen herüber, Menschen auf der Straße grüßen herein. Wie ist das so mit dem Berühmtsein? Als „zwei Welten“ bezeichnet sie ihr Leben: Da ist einmal das Schauspielerleben mit Hotel und Rundumservice, auf der anderen Seite Wäsche – viel Wäsche! – und der Alltag, den eine Familie halt so mit sich bringt. Umso mehr genießt sie ihr Leben als Schauspielerin und sieht es als Luxus an, sich eine bestimmte Zeit lang nur einer Sache hingeben zu können. Ohne Handy und Gedanken an schmutzige Wäsche, Schularbeiten oder den jüngsten Sohn, der sich statt des Mathematikunterrichts schon gerne einmal raus in die Sonne legt. Spielt sie die Hauptrolle, ist die Mutter schon bis zu vier Wochen weg. „Mein Mann unterstützt mich aber sehr“, betont Szyszkowitz, wenn er auf dem Roten Teppich nur selten zu sehen ist. „Diese eitle Schauspielerwelt ist ihm suspekt.“ Für die Actrice ist ihr Beruf ein öffentlicher – eine Tatsache, mit der man freilich umzugehen lernen muss. Auftritte auf dem Roten Teppich seien weniger aus Gründen der Eitelkeit notwendig, betont sie, denn zum Netzwerken und Ins-Gedächtnis-Rufen. Die Rollen kämen ja nicht immer von selbst. Sie grinst und sagt: „Ich kann mir schon vorstellen, dass Regisseure und Produzenten manchmal die Flucht ergreifen, wenn wir Schauspieler auf sie zukommen.“

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Szyszkowitz hält Lesungen, zuletzt aus dem Werk Roseggers. ©Jorge Konstantinov

Starke Frauenrollen. Die Schauspielerin liebt es, in neue Rollen zu schlüpfen, sie würde gerne eine Frau spielen, die tatsächlich existierte, Clara Schumann oder Alma Mahler beispielsweise. Generell ist sie der Meinung, dass es viel mehr gute Schauspielerinnen als gute Rollen gibt. „Ich finde, es braucht im Filmbusiness dringend eine Frauenquote. Und es braucht Frauen, die gute Rollen für Frauen schreiben!“ Das Spannende am Schauspiel ist für sie die Herausforderung, eine Figur aufzubauen, ohne sich selbst zu spielen. Mit zunehmendem Alter kämen mehr Angebote für Charakterrollen, freut sich Szyszkowitz, auch die böser Frauen. „Das Alter bringt Glaubwürdigkeit mit.“ Das Älterwerden selbst macht ihr nichts aus. „Man wird halt abhängiger vom Licht“, sagt die Schauspielerin ironisch, die Kolleginnen wie Juliette Binoche oder Judi Dench schön findet, weil sie einfach sie selbst geblieben seien. Denn die Frage, ob „nachhelfen“ oder nicht, sei essenziell in ihrer Branche, sagt Szyszkowitz: Nicht zuletzt, weil Botox die Mimik verändert.

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©Jorge Konstantinov

Zweifel gehören dazu. Auch wenn Aglaia Szyszkowitz zu den etablierten Schauspielerinnen im deutschsprachigen Raum gehört und gut mit Arbeit versorgt ist: Existenzängste sind ihr nicht fremd. „Alle von uns sind in gewisser Weise gezwungen, Rollen anzunehmen, weil sie finanziell überleben müssen. Eine Schauspielerkarriere ist immer auch eine Frage der Leistbarkeit“ – oder anders gesagt: Nur mit Geld im Hintergrund kann man sich die Rollen aussuchen. Und wie verhält es sich mit Freundschaften unter Schauspielerinnen? „Eher schwierig. Ich denke, sobald eine durchstartet und Karriere macht, hält das die Freundschaft nur schwer aus.“

Die Tante schlachten. Für Aglaia Szysz­kowitz ist Vielseitigkeit wichtig. Sie ist nicht nur als Schauspielerin tätig, sondern hält auch Lesungen, seit Kurzem mit ihrem Programm „Ich habe meine Tante geschlachtet“. Premiere war Anfang Juni in Wels, die Lesung mit humorigen Texten von Loriot, Ephraim Kishon oder Sedaris über die Großfamilie wird von zwei Musikern begleitet, Szyszkowitz wird auch singen. „Verwandtschaft kann man sich nicht aussuchen“, lacht die Schauspielerin, und betont, mit ihrer großes Glück gehabt zu haben. Weil sie Humor hat – die Tante etwa, an die Szyszkowitz bei der Idee für die Lesung dachte. Die Tante lacht, macht mit – und kam bei der Premiere sogar auf die Bühne.