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People | 06.09.2017

Eine ganze Kommode

Claudia Reiterer plädiert dafür, Menschen nicht in Schubladen zu stecken, wie sie es als Pflegekind gespürt hat. Die STEIRERIN traf die ORF-Moderatorin und leidenschaftliche Grazerin zu einem sehr privaten Interview.

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ORF-Moderatorin Claudia Reiterer im sehr privaten Interview. © Bubu Dujmic

Sie sind in Wien geboren und wuchsen bei einer Pflegefamilie in der Steiermark auf. Wo sind Ihre Wurzeln?
Wurzeln sind für mich nicht zwangsläufig Eltern, sondern auch Freunde. Es braucht im Leben Bezugspersonen, eine meiner ersten war unser Pfarrer.

Wie hat er geholfen?
Er hat sich um mich gekümmert und Dinge thematisiert, etwa meine guten Leistungen in der Schule. Er meinte, ich solle Klosterschwester werden. Mein Traumjob war damals schon Journalistin. Dass ich letztlich den Krankenschwesterberuf lernte, war eine rationale Enscheidung.

Inwiefern?
Meine Mutter hat schon eine Lehrstelle als Friseurin für mich organisiert, ein wunderbarer Beruf, aber ich wollte etwas anderes. Mein Klassenvorstand wollte meine Mutter überzeugen, dass ich auf das Gymnasium gehen und maturieren solle. Ich habe mich erkundigt, welche Möglichkeiten es gibt, die die Eltern nichts kosten, und wie ich von Zuhause wegkomme. Damals verschlang ich Internatsbücher und wollte in das Klosterinternat nach Graz.

„Ich kann sehr gut über mich selbst lachen.“

Claudia Reiterer, ORF-Moderatorin

... wo Sie auch gelandet sind. War es wie in den Büchern?
Irgendwie ja. Wir haben es uns gut gehen lassen, für mich war es Freiheit, obwohl wir zu viert in einem Zimmer waren und zwei Jahre nicht raus durften. Mit 17 ließ man uns einmal in der Woche bis 21 Uhr weggehen. Wir fanden jedoch ein Fenster zum Aussteigen, das wir nutzten. Diesen Geheimtipp wollten wir in unserem letzten Schuljahr weitergeben, irgendjemand verriet uns. Die Klosterleitung hat daraufhin das Fenster zugenagelt – allerdings das falsche. Es gibt so viele Anekdoten! Wer seinen Schlafrock nicht trug, wurde zum Küchendienst eingeteilt. Eine besonders lustige Episode war, als sich Schülerinnen oben ohne auf dem Dach sonnten. Der Lift ging nicht bis ganz hinauf, weshalb die Klosterschwestern dort nie raufkamen. Eines Tages rief eine Dame vom Ruckerlberg an, dass ihr Mann ständig mit dem Fernrohr zu uns herübersehen würde und man das gefälligst abstellen sollte. Die Schwestern erwischten uns also. Nur meine Freundin und ich entkamen einem Heimverweis, weil wir, ziemlich prüde, unsere Oberteile anhatten.

Von dann ging es nicht mehr zur Pflegefamilie zurück, oder?
Selten, die meiste Zeit blieb ich in Graz. Meine erste Wohnung nach der Ausbildung hatte ich im Schwesternwohnheim, zwölf Quadratmeter mit Dusche am Gang um 300 Schilling im Monat. Damals arbeitete ich vier Jahre auf der Herzchirurgie. Gemeinsam mit meiner besten Freundin traten wir mit 24 Jahren für die Studienberechtigungsprüfung an. Sie ist kurz nach Bestehen der Prüfung tödlich verunglückt.

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Die Villa Aurora in Wien-Ottakring ist das Lieblingslokal von Claudia Reiterer. Dort plauderten wir mit ihr an einem sonnigen Sommertag. © Bubu Dujmic

Was hieß das für Sie?
Ich bin daraufhin in die USA geflogen, mit One-Way-Ticket. Für mich war es das Land der freien Möglichkeiten, ich bin von Osten nach Westen gezogen. Es war eine Reise zu mir, nach ein paar Monaten bin ich allerdings wieder zurückgeflogen. In Graz retour, habe ich noch mal kurz auf der Station gearbeitet und dann zu studieren begonnen, in den Semesterferien habe ich gearbeitet.

Sie haben Pädagogik, Psychologie und Sozialmedizin studiert, wollten aber eigentlich Journalistin werden.
Mit 19 habe ich beim ORF-Landesstudio Steiermark angerufen und wollte mich mit dem Intendanten verbinden lassen. Eine Sekretärin fragte, was ich wolle. Ich erklärte ihr, dass ich Journalistin werden wolle. Sie antwortete: „Sie brauchen einen Titel.“ Ich: „Welchen?“, und sie: „Egal.“ So habe ich diese Fächer studiert und nach dem ersten Semester festgestellt, dass es auf der Uni Graz eine Journalistenausbildung gibt. Damals war ich eine der wenigen Journalisten, die vor dem Studium eine klassische Ausbildung gemacht haben.

Sind Sie stolz darauf?
Ja, mehr noch: Mich ärgert die Geringschätzung für die Pflegeberufe, in dem Leute unglaublich viel leisten für geringe Bezahlung. Ich kann für mich sagen: Ich bin stolz darauf, als Krankenschwester gearbeitet zu haben.

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ORF-Moderatorin Claudia Reiterer. © Bubu Dujmic

Heute sind Sie eines der bekanntesten Gesichter im ORF. Mischen Sie sich gerne unter Leute?
Ja, schon allein deshalb, weil ich viel mit Öffis fahre. Seit ich „Im Zentrum“ moderiere, wollen viele Leute mit mir diskutieren. Das war übrigens auch meine Idee für die Sendung: Ich gehe hinaus und befrage die Leute.

Werden Sie nicht manchmal ungeduldig, wenn in der Politik nichts weitergeht?
Politikerbashing mag ich nicht. Die Politik ist das Bohren harter Bretter, hier geht es um Kompromisse. Die Sendung kann ein Stück weit dazu beitragen, Dinge sichtbar zu machen. Klar muss man als Moderatorin Grundwerte und Haltungen im Hintergrund haben. Aber jeder Gast ist mit Respekt zu behandeln. Wenn das nicht passiert, wird es zu keiner Erkenntnis kommen.

„Schon als Kind habe ich über Unrecht diskutiert.“

Claudia Reiterer

Was ist Ihnen zuwider?
Ich will über meine Haltungen im Leben nicht diskutieren müssen. Die Sehnsucht, Menschen und Dinge berechnen zu können, ist groß, dagegen kämpfe ich an, seit ich Kind bin. Ich plädiere dafür, Schubladen offen zu lassen. Oder um es mit Conchita Wurst zu beantworten: Ich passe nicht in eine Schublade, ich brauche eine ganze Kommode. Das beanspruche ich auch für mich. Ganz besonders sehe ich das als Plädoyer für Kinder; ich habe es nie vergessen, wie man als Kind aufgrund der Herkunft behandelt wird.

Wie haben Sie als Kind reagiert?
Ich bin regelmäßig abgehauen und habe mich in einem kleinen Hexenhäuserl versteckt. Nur mein Bruder wusste, wo ich war. Wir hatten ein sehr enges Verhältnis, in der Volksschule gingen wir in dieselbe Klasse.

Machen Sie Ihrer Pflegemutter Vorwürfe, Sie nicht entsprechend gefördert zu haben?
Nein, sie hatte eine behinderte Tochter und mit ihr viel zu tun. Sie konnte nicht anders. Mein Sohn ist jetzt zwölf und ich kann sagen: Die perfekten Eltern gibt es nicht. Das Wichtigste ist, den Kindern Liebe und Wurzeln zu geben und sie zu ermutigen, den Schwachen und Benachteiligten in einer Gesellschaft zu helfen.

Was hat Ihnen damals geholfen?
Von 11 bis 17 habe ich Tagebuch geschrieben. Als meine Freundin gestorben ist, habe ich alles nachgelesen. Einmal schrieb ich: „Ich kann denken, was ich will, somit kann ich auch tun, was ich will.“ Das beschreibt meine Situation ganz gut, auch heute noch.

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Claudia Reiterer im Gespräch mit STEIRERIN Chefredakteurin Daniela Müller. © Bubu Dujmic

Waren Sie schon immer ein politischer Mensch?
Ja, schon als Kind habe ich über Ungerechtigkeiten diskutiert. In der Schwesternschule haben sie immer zu mir gesagt: „Geh in die Politik, aber lass uns damit in Ruhe.“

Können Sie über sich lachen? Ich denke da an eine Situation, in der Sie für die Sendung „Heute konkret“ ein etwas unförmiges Brot gebacken haben; diese Szene wurde dann in „Willkommen Österreich“ gezeigt.
Ich kann sehr gut über mich lachen. Und dieses Brot war wirklich gut! Ich hatte nur zu wenig Zeit, um es ordentlich zu machen. In den 1.500 Sendungen ist so viel passiert, das ist eine Schatzkiste, die mir jetzt bei „Im Zentrum“ hilft.

Wissen Sie noch, wo Sie waren, als Ihnen die Sendung „Im Zentrum“ angeboten wurde?
Ja, ich war im Badezimmer, als Kathrin Zechner anrief. Ich musste mich sofort entscheiden, ob ich die Sendung mache oder nicht. Ich denke, nach 1.500 Sendungen „Heute konkret“ habe ich gelernt, unter Druck Entscheidungen zu treffen (lacht). Meine Freundinnen in der Klosterschule haben schon immer gesagt: „Die Claudia lernt nicht, wenn der Hut brennt, sondern wenn schon die Asche daliegt.“

Wie sind Sie mit den Erwartungen umgegangen, die an Sie gestellt wurden?
Ich wollte von Anfang an in meine eigenen Spuren treten. Wenn ich meine Karriere betrachte, kann ich sagen, dass ich mich 20 Jahre auf die Sendung vorbereitet habe – in der ich Gelassenheit gelernt habe.

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Entwaffnend offen: So erzählte die ORF-Moderatorin aus ihrem bewegten Leben. © Bubu Dujmic

Wie gehen Sie mit der teils heftigen Kritik in den sozialen Foren um?
Ich habe mir angewöhnt, 24 Stunden vor einer Sendung nichts mehr zu lesen. Ich weiß, dass Menschen gern hätten, dass man fehlerfrei ist. Aber das bin ich nicht. Und wenn ich Fehler mache, weiß ich das.

Wie gehen Sie mit Lob um?
Dazu gibt es eine lustige Geschichte: Ich bekam vor Jahren an einem Freitag einen Anruf, ich solle am Sonntag die Pressestunde machen. Dazu habe ich mich angestrebert, aber niemand hat nach der Sendung etwas gesagt, worauf ich nachgefragt habe. Ein Kollege meinte: „Nix g’schimpft ist genug g’lobt. Merk dir das in diesem Haus.“

So richtig bekannt wurden Sie durch Dancing Stars. Wie war das?
Es ist noch heute so, dass mich neun von zehn Personen auf Dancing Stars ansprechen, in erster Linie Frauen. Es ist nun mal der Traum vieler. Tanzen bringt das Schlechte wie das Gute an die Oberfläche. Vor allem, wenn man täglich drei Stunden, am Schluss bis zu acht Stunden täglich trainiert, und das 14 Wochen lang. Am Ende kann man sich nicht verstecken, wie oder wer man ist, das spürt das Publikum.

Wie bereiten Sie sich auf den Wahlkampf vor?
Mit lesen, lesen und nochmal lesen: Sachbücher, täglich Zeitungen.

Wie schalten Sie ab?
Am besten geht das mit meinem Hund Cini, einem Mischling, der von einer Tierschutzorganisation in Serbien gerettet wurde.


© Bubu Dujmic

Claudia Reiterer wurde in Wien geboren. Sie kam gleich nach der Geburt in ein Kinderheim und mit knapp einem Jahr zu Pflegeeltern in einen Ort nahe bei St. Johann in der Haide.  Ihre Pflegeeltern hatten eine leibliche Tochter, die behindert war. Reiterer hat noch zwei Pflegegeschwister, zu denen sie ein sehr gutes Verhältnis hat. Zu ihrem Job als Journalistin kam sie über berufliche und private Umwege, die sie keinesfalls bereut, eher im Gegenteil. Sie ist froh darüber, ihre ersten beruflichen Erfahrungen dort gemacht zu haben, wo es menschelt: als Krankenschwester im LKH Graz. Ihr Studium an der Universität Graz absolvierte sie unter anderem, um einen akademischen Titel für einen Job beim Rundfunk zu bekommen.

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